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FREIBURG/Konzerthaus: FRANCESCA DA RIMINI. Konzertant

24.07.2013 | KRITIKEN, Oper

Freiburg: FRANCESCA DA RIMINI am 22.Juli 2013 im Konzerthaus

 FRANCESCA DA RIMINI von Riccardo Zandonai ist ein viel zu selten gespieltes Werk des Verismo (uraufgeführt 1914 in Turin). Einer der Gründe ist sicherlich, daß für die vier Protagonisten eine Sängerbesetzung benötigt wird, die an die eigentlich für Verdis „Trovatore“ geprägte Maxime erinnert, man brauche nur die vier besten Sänger der Welt. Demzufolge ist das Werk in erster Linie an großen Bühnen, zuletzt in bemerkenswerten Produktionen an der Metropolitan Opera und an der Opéra Ba¬stille, zuvor in einer wegen der Weite der Arena Sferisterio sehr zerfasert wirkenden Produktion in Macerata zu sehen gewesen. In Deutschland hat es vor knapp dreißig Jahren in Karlsruhe eine exzellente Inszenierung von Giancarlo del Monaco mit Mara Zampieri in der Titelrolle gegeben. Seitdem reist der Rezensent gewissermaßen dem Werk nach.

 Die beiden im Konzerthaus stattfindenden Freiburger Aufführungen wurden von den Städtischen Bühnen gemanagt und vom Förderkreis der Theaterfreunde ermöglicht. Wenn eine solche Veranstaltung von einem kleinen Haus in der Provinz – und das soll nicht abträglich verstanden werden – im Rahmen seiner Möglichkeiten angeboten wird, sind die Erwartungen naturgemäß gedämpft. Umso überraschender war die hohe Qualität der besuchten Aufführung.

 Freiburger GMD ist der Franzose Fabrice Bollon. Er stand auch am Pult und befeuerte das in voller Besetzung angetretene Philharmonische Orchester in einer Art und Weise, dass man glaubte, ein A-Orchester vor sich zu haben. Auch der von Bernhard Moncado einstudierte Chor mit Extrachor, verstärkt durch den Freiburger Kammerchor, brachte eine klangliche Wucht ein, die dem Werk in jeder Weise gerecht wurde.

 Das von Tito Ricordi nach einer Vorlage von Gabriele d‘Annunzio gestaltete Libretto läßt sich auf einen recht einfachen Nenner bringen, jedenfalls wenn man lediglich auf den Kern der Handlung abstellt: Drei Brüder wollen eine Frau. Diese bekommt den Ehemann, den sie nicht will. Den, den sie eigentlich will, bekommt sie nicht. Der Dritte möchte sie auch, wird aber zurückgewiesen und läßt deshalb gegenüber dem Ehemann durchblicken, daß sie sich außerehelichen Eskapaden mit dem tatsächlich geliebten Bruder hingibt. Das führt zum Tod des Liebespaares durch die Hand des Ehemannes, wobei interessanterweise dieser Stoff historisch im Kern gesichert ist,

 Die Titelrolle sang die Bulgarin Christina Vasileva ina (nicht zu wechseln mit der in Paris in der Titelrolle eingesetzten Svetla Vasileva). Vorauszuschicken ist, daß alle vier Hauptrollen großes Volumen, nachhaltige Durchschlagskraft, Tragfähigkeit der Stimme und dennoch nachhaltige Phrasierungskunst verlangen. Vasileva hatte all das im Überfluß. Hinzu kommt, daß sie sich mit der Partie offensichtlich zu identifizieren wußte und im Rahmen der konzertanten Aufführung ahnen ließ, welches darstellerisches Potential in ihr steckt. Gegenwärtig sind ihre Stammhäuser in erster Linie die Nationaloper Prag und die Staatsoper Prag. Sie wäre aber ohne weiteres auch auf den Bühnen in Wien, München oder Berlin vorstellbar.

 Martin Mühle (Paolo il Bello), tatsächlich in Brasilien geboren, obwohl der Name das nicht vermuten läßt, stand ihr in keiner Weise nach. Ich habe lange keinen Tenor mit solcher Strahlkraft und trompetengleichem Höhenglanz erlebt. Dieser vergleichsweise junge Tenor müßte ein idealer Calaf sein. Man kann sich auch ausmalen, zu welchen Wälse-Rufen er fähig wäre. Zur Zeit ist er in Mannheim engagiert und startet mit dem Parsifal ins deutsche Fach.

 Als Gianciotto lo sciancato war der Mexikaner Juan Orozco zu hören. Die Partie verlangt vor allem baritonale Wucht für die Eifersuchtsszenen. Er war damit ebenso eine mehr als adäquate Rollensetzung wie der strahlkräftige und höhesichere Adriano Graziani als Malatestino dall´occhio. Obwohl es sich in beiden Fällen um große Partien handelt, stehen die Vertreter beider Rollen zu Unrecht etwas im Schatten der Titelpartie. Die neun Comprimari ließen durch Geschlossenheit und vokale Qualität aufhorchen. Hervorzuheben ist Kim-Lillian Strebel als leuchtkräftige Garsenda. Sie ist demnächst auch an der Deutschen Oper Berlin zu hören.

 Insgesamt blieb der Eindruck eines außergewöhnlichen musikalischen Ereignisses, das ohne weiteres und mit sicherlich ungleich größerem Enthusiasmus in München oder Wien aufgenommen worden wäre. Unter den Freiburger Zuschauern im wunderschönen Konzerthaus wähnte man sich stattdessen leider im Tal der Ahnungslosen. Welche Perle ihnen soeben zugutegekommen war, wußten die meisten Zuschauer nicht einzuschätzen. Das lag aber sicherlich auch daran, daß die Hörgewohnheiten von Konzertabonnenten auf Mozart, Bach oder Beethoven abgestellt sind und ein solch durchschlagendes Werk des Verismo manchen unvorbereiteten Zuhörer geradezu überrollt.

Klaus Ulrich Groth

 

 

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