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FREIBURG /Theater: LOVE LIFE. Vaudeville von Kurt Weill und Alan Jay Lerner. Premiere (deutsche EA)

10.12.2017 | Operette/Musical

Theater Freiburg: „Love Life“, Vaudeville von Kurt Weill und Alan Jay Lerner, Premiere 9.12.2017 (deutsche EA)

Grosses Kino in Freiburg

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Tim Al-Windawe, Rebecca Jo Loeb, Samantha Gaul ©Birgit Hupfeld

Gar mancher Musical- und Kurt Weill-Fan ist schockiert, noch nie etwas von diesem Stück gehört zu haben. Das hat aber seinen guten Grund: Hier in Freiburg feiert das Stück seine deutsche Erstaufführung! Dabei wurde es schon 1948 am Broadway uraufgeführt, immerhin unter der Regie von Elia Kazan (Kurt Weill war ja schon in den 30ern in die USA emigriert). Wer nun aber Weill erwartet, weil Weill draufsteht, wird enttäuscht: So gut integrierte sich der jüdische Flüchtling in den amerikanischen Lebensstil, dass seine Musik fast nichts mehr mit den in Deutschland komponierten bekannten Stücken gemein hat, zu stark saugte er die Einflüsse des Jazz, Blues, Ragtime, etc. in sich auf. Dass einzelne Musikstücke vertraut vorkommen, liegt nur daran, dass Weill die amerikanische Musicalszene wegweisend geprägt und etliche spätere Musicals stark beeinflusst hat. So imitierten die Musicals Cabaret und Chicago die Vaudeville-mässige Rahmenerzählung in Form von angekündigten Shownummern. Und der Song I remember it well wurde später im Film „Gigi“ benutzt.

Das Ehepaar Sam (mit toller Musical-Stimme: David Arnsperger) und Susan Cooper (vor allem darstellerisch überzeugend: Rebecca Jo Loeb) reflektiert über sein Leben, resp. stellvertretend über den Wandel in den Beziehungen zwischen Mann und Frau der letzten 150 Jahre (also ab ca. 1800). Es gab da eine Zeit, als das Ehepaar in eine amerikanische Kleinstadt im Wilden Westen zog, wo alles noch in Ordnung war, der Mann ein Mann und die Frau eine Frau war. Dann kommt die Eisenbahn: Die Ehemänner sind dauernd unterwegs. Unaufhörlich geht der Fortschritt in Form der industriellen Revolution weiter: Bald arbeiten alle Männer in der Fabrik, sind todmüde, wenn sie heimkommen. Der Siegeszug des Kapitalismus beendet jede Romanze im Keim, (das „das ist zwar ökonomisch“-Lied der vier Frankensteins ist zum Schiessen). Bald wollen die Frauen Mitspracherecht, Wahlrecht, Unabhängigkeit, die Liebe bleibt auf der Strecke. Und das dritte Kind, das sich Susan so sehr wünscht, sowieso.

Joan Anton Rechi inszeniert das wegweisende Musical mit vielen guten Regieeinfällen im von Weill bevorzugten Varietéstil, woran die immer wiederkehrende Theaterbühne auf der Bühne erinnert. Dabei bedient er sich genüsslich so gut wie aller Klischees, die Hollywood so zu bieten hat: Genial zum Beispiel, in der Illusion Minstrel Show die Illusion eines Märchenprinzen von der Disney-Figur Schneewittchen (beste Stimme des Abends: Samantha Gaul) singen zu lassen. Jeweils zeitlich passend flackern Filmausschnitte von „Vom Winde verweht“, „Modern Times“ und passend zur Scheidung die Abschiedsszene aus „Casablanca“ über die Leinwand. Manchmal schiesst Rechi aber auch über das Ziel hinaus: Alle Figuren aus „der Zauberer von Oz“ auflaufen zu lassen (der Kostümbildnerin Mercè Paloma gebührt allerdings ein Oscar), bringt zwar Leben auf die Bühne, die Verbindungen zwischen Zauberer von Oz und Varieté-Moderator oder einer Kleinstadt im Westen und Dorothys Kansas sind dann doch etwas an den Haaren herbeigezogen. Der arme Freiburger Chor war schliesslich mit den vielen Tanzszenen (Choreographie: Emma Louise Jordan) doch etwas überfordert. Eigentlich sollte das Stück vom englischen Weill-Spezialisten James Holmes dirigiert werden, als der indisponiert war, sprang kurzerhand Daniel Carter ein, der ein beeindruckendes Ergebnis ablieferte. Fantastisch, wie das Freiburger Orchester auch mal im Stil einer Big Band spielen konnte.

Erschreckend, wie sehr aber auch wie wenig sich die Beziehungen zwischen Mann und Frau in den letzten Jahrzehnten geändert haben. Weill lässt uns jedoch mit einem Hoffnungsschimmer zurück: Nach der bitteren Scheidung finden Sam und Susan wieder zusammen. Ohne Happy End geht es in Hollywood eben doch nicht.

Fazit: Weill-Fans sollten sich wappnen. Wer aber Disneyworld, Musicals und Hollywood-Filme mag, für den ist diese Produktion ein Muss.

Alice Matheson