Online Merker Logo

Die internationale Kulturplattform

FREIBURG: JERUSALEM von G. Verdi. Premiere

04.10.2016 | Oper

Freiburg: Giuseppe Verdi „JERUSALEM“
Pr. 1. Oktober 2016

frefreia
© Rainer Muranyi

Vor der geschichtsträchtigen Folie des ersten Kreuzzuges und der Eroberung Jerusalems im Jahre 1099 entfaltet Verdi 1847 in seinem ersten Auftragswerk für die Pariser Grand Opéra ein packendes Drama, das die politischen und religiösen Kämpfe mit heftigen familiären Auseinandersetzungen konterkariert. Hart an der Grenze des Inzests begehrt hier der Onkel (Roger) seine Nichte (Hélène). Das führt nicht nur zu panisch unterdrückter Leidenschaft, sondern bedingt rasende Eifersucht, Rachegedanken und Gewaltausbrüche. Familienstrukturen spiegeln die große Politik wider. Oder sind sie vielmehr Erklärungsmuster für die Gefahren verhärteter Herrschafts- und damit auch Religionsansprüche? Es gibt kein Gut und Böse, das sich in eindeutige Machtblöcke teilen ließe, jedem Einzelnen selbst ist dieser Widerstreit eingeschrieben. Der gloriose Sieg des Abendlandes über den Orient wird als ein Pseudo-Happy End entzaubert. Menschliche Abgründe und Verzweiflung werden nur kurzfristig vertuscht. Dauerhafte Befriedung: Bleibt sie stets nur Utopie? Verdi legte zeit seines Lebens den Finger mahnend in diese Wunde.
(© Theater Freiburg)

Die erste französische „Grand Opera“ „JERUSALEM“ von Giuseppe Verdi, eine Umarbeitung der italienischen Oper „I LOMBARDI ALLA PRIMA CROCIATA“ war lange Zeit aus dem Repertoire der Opernhäuser verschwunden. Verdi selber bezeichnet Jerusalem als eigenständiges werk und nicht als eine Adaption der Lombardi. Jerusalem ist erst die zweite Produktion in Deutschland seit 1849. Die erste Aufführung fand 2016 in Bonn statt.

Die Handlung
Erster Akt: Das Liebespaar Gaston (Giulio Pelligra) und Hélène (Anna Jeruc) beteuern ihre Liebe zueinander. Hélènes Vater, der Graf von Toulouse (Juan Orozco) hat im Krieg Gastons Vater getötet. Hélène hofft, dass Gaston seinen Hass vergisst und sie heiratet. Roger (Jin Seok Lee), Bruder des Grafen, heimlich verliebt in Hélène, gibt, eifersüchtig, Befehl Gaston zu töten. Rogers Soldaten schleppen jedoch irrtümlicherweise den Grafen von Toulouse leblos an und Roger denunziert Gaston fälschlicherweise als Mörder des Grafen.

Zweiter Akt: Vier Jahre später: Roger, hat seine Gräueltat erkannt. Als am Kreuz angebundener, namenloser Eremit büsst er auf einem Steinhaufen seine Untat. Raymond (Shinsuke Nihioka), ein Gefolgsmann Gastons berichtet dem Eremiten was bis jetzt geschehen ist: Der Graf, von seine schweren Verwundung genesen, ist wie geplant als Kreuzzugheerführer gegen Jerusalem gezogen. Gaston hat sich unabhängig nach Palästina begeben. Hélène und ihre Gefolgsdame Isaure (Kim-Liliane Strebel) sind auf der verzweifelten Suche nach Gaston und treffen hier beim Eremiten auf Raymond und finden auch Gaston wieder.

  1. Akt: Das siegreiche Heer der Kreuzritter kehrt zurück. Das Leben Gastons wird als Attentäter des Grafen gefordert, ebenso seine Entehrung als Adliger.
  2. Akt: Jerusalem wird laut der Prophezeiung des Eremiten befreit. Als man ihn bittet, Gaston vor der Hinrichtung die Absolution zu erteilen, verlangt der satt dessen, Gaston möge am Entscheidungskampf um Jerusalem teilnehmen. Die Schlacht beginnt. Der sterbende Eremit gibt sich als Roger zu erkennen und stirbt.

Calixto Bieito als Regisseur legt in der Freiburger Inszenierung mehr Wert auf allegorische Bilder, als auf hektische Aktivität. Die Streichung der Ballett-Szene in den Gärten des Emirs in Palästina, übrigens ganz im Sinne Verdis, verdichtete die Handlung auf das Wesentliche. Bieitos Arbeit unterstreicht die humanistische Auffassung dass religiöse Intoleranz, durch Religion unterstützter und verstärkter Fanatismus, keine neue Erfindung ist. Die kriegerischen Kreuzzüge der christlichen Ritter und Monarchen, unterstützt und gefördert durch die Kirche im Namen des Neuen Testamentes, waren genauso falsch wie es heute der Krieg im Namen des Korans ist. Die Kreuzzüge der Kirche sind nichts anderes als durch die Kirche unterstützte Eroberungsfeldzüge. Der Unterschied zum Dschihad heute liegt vor allem in den kriegstechnischen Möglichkeiten der jeweiligen Gegner. Ebenso prangert Bieito die Marginalisierung der Frau im 11. Jahrhundert und in moderner Zeit an. Und dies nicht nur in den vom Islam dominierten Ländern. In dieser Hinsicht ist Calixto Bieito ein zeitlos gültiges Weltbild gelungen. Das Bühnenbild von Aida Guardia ist düster und karg und unterstreicht sehr passend die Sicht Bieitos auf das Werk.

Im ersten Akt ist die Bühne dunkel und leer bis auf die Protagonisten. Eine Videoeinspielung (Aida Guardia, Marc Wheeler) nimmt Bezug auf eine Beschreibung von Syrien und Palästina aus dem 10. Jahrhundert: „ Jerusalem ist ein goldener Kelch voller Skorpione“ (Ahmad al-Muqaddasi). Vom Zweiten Akt an beherrscht ein Steinhaufen die Bühne. Die Lichtführung (Dorothee Hoff) lässt über weite Strecken zu wünschen übrig. Es kann nicht sein, dass das Publikum längere Minuten durch Gegenlicht geblendet wird und die Handlung auf der Bühne nicht oder nur mit Mühe verfolgen kann.

Das Philharmonische Orchester Freiburg unter der Leitung von Francis Bollon spielt präzise, dynamisch und unterstützt die Sänger und Sängerinnen auf der Bühne bestens.

Der Chor und Extrachor des Theater Freiburg, verstärkt durch Studierende der Hochschule für Musik Freiburg werden für ihren Einsatz am Schluss mit grossem, sehr berechtigten, Applaus belohnt. (Einstudierung Bernhard Moncado).
Der Bariton Juan Orozco als Graf von Toulouse überzeugt mit perfekter Intonation. Die polnische Sopranistin Anna Jeruc als Helene, seine Tochter überzeugt durch saubere Melodieführung, klare Höhen ohne überflüssiges Vibrato, guter Diktion und stringente Körpersprache. Als Gaston von Béarn überzeugte der Tenor Giulio Pelligra im ersten Akt überhaupt nicht. Zu dünn ohne Körper war seine Stimme, zu nuschelnd seine Diktion. Dies war für den Rest des Abends gar nicht der Fall. Die französische Diktion machte Pelligra zwar immer noch Mühe, sein Gesang aber war makellos, geprägt durch klare Höhen mit viel Volumen. Ich hatte das Gefühl einen anderen Sänger auf der Bühne zu hören.
Der Grund dafür: ? Nicht eingesungen oder sich geschont für die drei restlichen anspruchsvollen Akte? Ich weiss es nicht. Wenn der Sänger indisponiert war, müsste dies angesagt werden, alle anderen Gründe sind nicht akzeptabel!
Der Bassist Jin Seok Lee sang seinen Part als Bruder des Grafen und als Eremit hervorragend. Vielleicht fehlt ihm in den tiefsten Stellen etwas das Volumen. Seine Leistung jedoch, 80 Minuten lang am Kreuz auf dem Steinhaufen angebunden zu singen und präsent zu sein, ist bewundernswert. Die anderen Rollen waren durch Kim-Liliane Strebel (Isaure), Andrei Yvan (Adhémar de Monteil), Shinsuke Nishioka (Raymond) und Jae Seung Yu (Herold) sehr gut besetzt. Die Kostüme entwarf Rebekka Zimlich. Erwähnenswert für dieses Werk ist die stringente Dramaturgie von Dominica Volkert.

Der Schlussapplaus des zahlreich erschienen Publikums belohnte die Künstlerinnen und Künstler für ihre Arbeit

Peter Heuberger, Basel

 

Diese Seite drucken