Online Merker Logo

Die internationale Kulturplattform

FREIBURG: DAS GEOPFERTE LEBEN – Kammeroper von Hèctor Parra- Premiere

29.05.2014 | Allgemein, KRITIKEN, Oper

Freiburg: DAS GEOPFERTE LEBEN Kammeroper von Hèctor Parra –Pr. 27.05.2014.

 Der Tod bringt einen kürzlich verstorbenen Mann zu Ehefrau und Mutter zurück. Er bietet ihnen einen Deal an: Überzeugen ihn die Damen von ihrer Liebe zu dem Mann, lässt er ihn im Diesseits zurück. Der Tod kommt aber eher ungelegen: Die Damen haben sich bereits ganz gut mit der Situation arrangiert. Natürlich schaffen es weder die ihre Trauer erfolgreich mit Shopping bekämpfende Gattin noch die dem Alkohol zugeneigte Mutter, den Tod von ihrer aufrichtigen Liebe für ihren Gatten/Sohn zu überzeugen. Die Mutter gibt sogar zu, ihren Sohn als Erwachsenen nie geliebt zu haben. Genau aus diesem Schuldgefühl heraus will sie sich schliesslich aber für ihn opfern. Der Tod akzeptiert.

 Die Koproduktion des Theaters Freiburg, des Freiburger Barockorchesters und des ensemble recherche mit der Münchener Biennale (dort fand am 20. auch die Uraufführung statt) wird wegen Umbau des Haupthauses auf dem Gelände der Brauerei Ganter aufgeführt. Während das Orchester aber bei anderen Opern noch hinter einem Paravent versteckt war, nimmt es jetzt die Hälfte der Bühne ein und wird so ebenfalls zum Protagonisten. Vera Nemirova – der also nur die halbe Bühne zur Verfügung steht – will offenbar der musikalischen Kraft dieser Uraufführung nicht die Show stehlen und inszeniert zusätzlich angenehm zurückhaltend, deswegen aber nicht weniger effektvoll. Aus der Reduzierung auf das Wesentliche, wie um der starken Musik einen unaufdringlichen Rahmen zu geben, entstehen starke Bilder: Ob der Tod sein Opfer als Cello missbraucht oder im weissen Doktorkittel auch mal vernichtende Diagnosen um den Stand der Liebe abgibt, oder die als Rückblende in lieblosen Stellungswechseln abgespulte Hochzeitsnacht – die Regieeinfälle wirken durch ihre Seltenheit um so stärker. Folgerichtig sind zeitgenössischen Kostüme (Ausstattung: Stefan Heyne) lediglich in schwarz, rot und weiss gehalten. Auffällig ist lediglich der aus einem in sich drehenden Wald bestehende Eingang zur Unterwelt.

 Klar im Vordergrund steht aber die ungewöhnliche Musik von Hèctor Parra, die zwar von einem Barockorchester gespielt wird und durchaus auch Zitate von Barockstücken enthält, aber durch die eigenwillige Handhabung der Instrumente ganz moderne Klänge aufweist. Eigen zum Beispiel der flirrende Ton wie das Flügelschlagen einer Libelle in der Mittagshitze. Das Libretto der französischen Schriftstellerin Marie NDiaye wurde extra auf Deutsch übersetzt, da diese Sprache dem katalanischen Komponisten besser zu liegen scheint. Peter Tilling leitete das Barockorchester ausgesprochen dynamisch.

 Alejandro Lárraga Schleske singt den Mann mit der Leidenschaftslosigkeit eines Toten, aber deshalb umso effektvoller. Seine Ehefrau wird von Sally Wilson interpretiert, ihr nimmt man die wahren Trauergefühle schon in der ersten Minute nicht mehr ab, als sie die im Shoppingrausch gekauft knallrote Jacke über das schwarze Trauerkleid zieht. Brillant ihre fast jauchzende Zustimmung (inklusive Champagnertanz) als der Tod den Vorschlag der ungeliebten Schwiegermutter annimmt. Lini Gong als der Tod ist stimmlich in Hochform. Die differenzierteste und damit schwierigste Rolle des Abends meistert aber Sigrun Schell als Mutter bravourös: Von der anfänglich bequemen Trauerlethargie „Ich liebe dich mehr als mein Leben, aber weniger als meine Gewohnheit“ und ihre Seitenhiebe auf die mangelnde Liebe der Gattin, über ihr Geständnis, dass ihr Sohn für sie schon lange tot war, da sie nur den kleinen Jungen geliebt habe, bis hin zur Erkenntnis, dass sie für ihre mangelnde Liebe ein Opfer bringen müsse und dessen gnadenloser Ausführung ist hier – auch stimmlich – alles drin.

Dass die Schwiegertochter beinahe grössere Freude daran hat, die ungeliebte Schwiegermutter ins Jenseits zu befördern als ihren Gatten wiederzubekommen, liegt wohl in der Natur der Ehe. Prädikat wertvoll.

 Alice Matheson

 

 

Diese Seite drucken