Online Merker Logo

Die internationale Kulturplattform

FREIBERG: CHARLOTTE CORDAY von Lorenzo Ferrero

15.05.2013 | Allgemein, KRITIKEN, Oper

Opernneuheit in Freiberg: „Charlotte Corday“ von Lorenzo Ferrero (Vorstellung: 14. 5. 2013)


Symbolträchtiges Bühnenbild bei der Revolutionsoper „Charlotte Corday“ (Foto: René Jungnickel)

Das Mittelsächsische Theater in Freiberg, das 1790 in Sachsen als erstes städtisches Theater gegründet wurde, bietet seinem Publikum immer wieder Opernraritäten. Schon 1800 debütierte Carl Maria von Weber als Opernkomponist in Freiberg mit seinem Werk „Das Waldmädchen“. Mit der Oper „Charlotte Corday“ des italienischen Komponisten Lorenzo Ferrero, die 1989 in Rom uraufgeführt wurde, setzt das Mittelsächsische Theater die Reihe der Opernraritäten fort. Das Werk wurde in Freiberg in deutscher Sprache gesungen (Übersetzung: Willi Humburg und Anna Maria Linoli).

 Die dramatischen Ereignisse der französischen Revolution haben zahlreiche Komponisten zu Opern inspiriert, man denke nur an „Andrea Chenier“ von Umberto Giordano, an „Dantons Tod“ von Gottfried von Einem oder „Die Gespräche der Karmeliterinnen“ von Francis Poulenc. In der Oper „Charlotte Corday“, deren Libretto Giuseppe di Leva verfasste, sympathisiert die junge Landadelige zunächst mit der Revolution. Sie geht nach Paris, wo sie eine Atmosphäre der Angst und Unsicherheit erlebt. Dort trifft sie ihren Jugendfreund Camille, der als Abgeordneter der gemäßigten Girondisten verfolgt wird. Bald findet sie ihre Meinung bestätigt, dass sich die politische Realität von den ursprünglichen Idealen längst entfernt habe und plant deshalb ein Attentat auf Jean Paul Marat, einen der Anführer der Jakobiner. Mit einer List verschafft sie sich Zutritt zu seiner Wohnung und ersticht ihn in der Badewanne. Es ist jene Szene, die durch das Gemälde des französischen Malers Jacques-Louis David zu einem der bekanntesten Bilder der Revolutionszeit wurde.

 Die Inszenierung von Judica Semler schafft es mit einfachen Mitteln – fast ohne Requisiten (Ausstattung: Tilo Staudte) –, die von Angst geprägte, hektische Atmosphäre im Paris der Revolutionszeit wiederzugeben und die „Helden der Französischen Revolution“ selbst als tragische Figuren darzustellen. Was gleichermaßen für Jean-Paul Marat wie auch für Charlotte Corday gilt.

 Die aus Usbekistan gebürtige Sopranistin Lilia Milek war für die Titelrolle eine Idealbesetzung. Mit ihrer dramatischen Stimme, die auch in der Höhe eine wohlklingende Fülle aufwies und nie schrill klang, und ihrer Darstellung der Charlotte Corday als eine zu allem entschlossenen Frau begeisterte sie das Publikum. Ihr Widerpart Marat wurde von dem großen, die Bühne beherrschenden Bassbariton Sergio Raonic Lukovic gespielt – ohne große Gesten, mehr beobachtend und zweifelnd als revolutionär und leidenschaftlich. Beklemmend die Schlussszene, in der Marat, im Bad seinen Hautausschlag pflegend, nach einer Diskussion über Macht und Einsamkeit von Charlotte Corday erstochen wird,

 Marats Leibwächter und Vertrauter wurde vom Bariton Guido Kunze dargestellt, der mit seiner kräftigen, hell timbrierten Stimme die Jakobinerrolle ebenso eindrucksvoll spielte wie der Tenor Christoph Schröter die Rolle des Camille. Eine komödiantisch exzellente Leistung bot der Chorbasssänger Stefan Burmester mit seiner unglaublichen Körperbeherrschung als Betrunkener. Die gute Ensembleleistung rundeten noch in zwei kleineren Rollen die Mezzosopranistin Zsuzsanna Kakuk als Straßenhändlerin und die Sopranistin Susanne Engelhardt als Wirtschafterin von Marat ab.

 Stimmstark agierte der Opernchor des Mittelsächsischen Theaters, sehr spielfreudig der Kinderchor, der die Revolution auf der Straße „nachspielte“ (Einstudierung der Chöre: Tobias Horschke). Der Mittelsächsischen Philharmonie gelang es unter der „sängerfreundlichen“ Leitung von Jan Michael Horstmann, die effektvolle Partitur des italienischen Komponisten Lorenzo Ferrero, der 1951 in Turin geboren wurde, recht nuancenreich wiederzugeben. Schon in der Ouvertüre war das Fallbeil der Guillotine immer wieder dezent hörbar.

 Das Publikum im kleinen, aber feinen Mittelsächsischen Theater Freiberg beglückte alle Mitwirkenden des sehenswerten Opernabends mit lang anhaltendem Applaus und darüber hinaus mit Bravo-Rufen für die Sängerin der Titelrolle sowie für das Orchester und seinen Dirigenten.

 Udo Pacolt, Wien

 

 

 

Diese Seite drucken