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Franz Schmidt: DAS BUCH MIT SIEBEN SIEGELN – Simone Young

02.01.2016 | cd, CD/DVD/BUCH/Apps

4260330918406 Franz Schmidt: DAS BUCH  MIT SIEBEN SIEGELN – Simone Youngs Abschied als Generalmusikdirektorin der Hamburger Philharmoniker – Oehms Classics 2 CD

„Sehet das Zelt Gottes mitten unter den Menschen! Er wird bei ihnen wohnen und sie werden sein Volk sein. Er wird abwischen alle Tränen von ihren Augen, und das Leid und der Tod wird nicht mehr sein; denn das erste ist vergangen.“

Von 2005 bis 2015 leitete Simone Young 90 Philharmonische Konzerte. Die letzten beiden Konzerte vom 14. und 15. Juni 2015 waren Franz Schmidts beeindruckendem Oratorium aus der Offenbarung des Hl. Johannes für Soli, Chor, Orgel und Orchester gewidmet. Entscheidend für den Erfolg eines solchen außerordentlichen Unterfangen ist in erster Linie die Qualität des Chors/der Chöre sowie die Besetzung des Johannes. Selbstverständlich bedarf es auch eines technisch exzellenten Orchesters und einer musikalischen Leitung, die nicht nur die komplexen kontrapunktischen Passagen und die „Wasserfuge“ zusammenhält, sondern auch die emotionalen Fäden zieht. Unter diesem Blickwinkel ist der Live-Mitschnitt aus der Hamburger Laeiszhalle wirklich berührend. Man spürt in jedem Takt den Einsatz und die passionierte Hingabe der Dirigentin, den harmonischen Reichtum der Musik aufleben zu lassen und neben den apokalyptischen Visionen auch die Hoffnung nicht zu kurz kommen zulassen. In Youngs Wiedergabe klingt manches etwas menschlicher, eher auf das finale Hallelujah fokussiert als bei den dynamisch zugespitzteren Versionen eines Harnoncourt, Welser-Möst, Järvi oder Luisi. Simone Young sorgt damit für ein neues Verständnis und ein Aufhorchen bei scheinbar Altbekanntem. Das Buch mit sieben Siegeln zum neu Entdecken sozusagen.

Als Mitstreiter stehen Simone Young neben ihren brillanten Hamburger Philharmonikern (ein Sonderlob gebührt den Blechbläsern) zwei ganz ausgezeichnete Chöre zur Verfügung: Der NDR-Chor und der Staatschor Latvija, die nicht nur blitzsauber intonieren, sondern auch in den gewaltigen Chorfugen mächtig zupacken können. Volker Krafft lässt die kühnen Harmonien in den Orgelsoli leuchten. 

Die Solisten erreichen nicht ganz das Niveau der berühmten (historischen) Aufnahmen (etwa mit Wunderlich, Patzak, Dermota oder Schreier in der Rolle des Johannes). Aber auch Klaus Florian Vogt macht seine Sache ganz ausgezeichnet. Sein helles trotz heldischem Aplomb „knabenhaftes“ Timbre ist und bleibt Geschmacksache. Aber um mit den Worten Simone Youngs zu sprechen „Dieses höchst anspruchsvolle Werk fordert von allen Beteiligten die Feinsinnigkeit einer Bach-Passion und die Strahlkraft einer Lohengrin Aufführung.“ Und über beides verfügt Vogt in hohem Maße. Ihm zur Seite leiht Georg Zeppenfeld seine schöne Bassstimme dem „Herrn“. Inga Kalna (Sopran) und Bettina Ranch (Mezzo) machen ihre Sache in ihren Soli sehr gut, klingen jedoch für meinen Geschmack in den Ensembleszenen zu unruhig. Dovlet Nurgeldiyev reüssiert in der kleineren Tenorrolle.

Ähnlich wie bei Schönbergs Moses und Aaron gibt es keine mittelmäßige Aufnahme vom Buch mit sieben Siegeln. Diese Werke sind derart anspruchsvoll, dass jede Aufführung nur nach intensiver Beschäftigung und langen Proben möglich ist. Die vorliegende hochqualitative und technisch sehr gut realisierte Neuaufnahme ist daher hochwillkommen, zumal einige der besten Aufnahmen derzeit nicht im Katalog aufscheinen, sondern nur antiquarisch verfügbar sind. Das gilt für die relativ neue Harnoncourt-Aufnahme (mit dem Singverein und einer illlustren Sängerschar) ebenso wie für diejenige  Zagrosteks (mit Peter Schreier und Holl). 

Dr. Ingobert Waltenberger

 

 

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