Online Merker Logo

Die internationale Kulturplattform

FRANZ GRILLPARZER. Bilder aus einem Theaterleben

30.12.2012 | buch

Gottfried Riedl
FRANZ GRILLPARZER.
BILDER AUS EINEM THEATERLEBEN
112 Seiten. Verlag Lehner, 2012  

Gottfried Riedl hat schon vergleichbare schmale Bildbände über Ferdinand Raimund und Johann Nestroy zusammengestellt. Nun hat er sich dankenswerterweise auf den in den letzten Jahren gänzlich vernachlässigten Franz Grillparzer besonnen. Auch bei diesem ist es, obwohl er kein Schauspieler-Dichter war wie die beiden Genannten, völlig  legitim, von „Bildern aus einem Theaterleben“ zu sprechen, denn mit Ausnahme von zwei Novellen (und privater Prosa, die inzwischen vielfach publiziert ist), hat Grillparzer nur für das Theater geschrieben.

Als typischer Wiener war er seit frühester Jugend vom Theater infiziert, ob Mozarts „Zauberflöte“, ob die bunte Welt der Vorstadttheater, hier lagen seine ersten Eindrücke, die dann aus dem Juristen, der er in den Fußstapfen des Vaters wurde, einen so enorm begabten Dramatiker machte.

Riedl geht mit reichem Bildmaterial (ein Glück, dass hier niemand das „Sparen“ ausgerufen hat, wie es Verlage beim Bebildern gerne tun) dem Leben Grillparzers nach, das am 15. Jänner 1791 am Bauernmarkt begann und am 21. Jänner 1872 in der Spiegelgasse endete – was schon zeigt, dass er sich räumlich in der Enge der alten, stadtmauernumgürteten Stadt Wien bewegte, von der er geistig in alle Richtungen ausschwärmte – mit der „Ahnfrau“ in die Welt des bunten, bewegten Schicksalsdramas, mit „Sappho“, dem „Goldenen Vlies“ und „Des Meeres und der Liebe Wellen“ in die griechische Historie (Verwechslungen mit der Weimarer Klassik waren angesagt, obwohl er seine Gestalten mit moderner Psychologie durchsetzte, die Freud vorwegnahm), mit „König Ottokar“ und dem „Bruderzwist in Habsburg“ in die Habsburgische Historie, mit dem „Treuen Diener“ in die ungarische, mit „Libussa“ in die böhmische Geschichte, mit „Der Traum ein Leben“ in die Tiefenschichten des spanischen Barockdramas, das er existenziell erhellte, mit „Weh dem, der lügt“ in die Welt des Wiener Volkstheaters, philosophisch durchwirkt. Gar in der „Jüdin von Toledo“ hat er die Irrwege männlicher Sinnlichkeit mit der jüdischen Problematik verquickt, die auch in „Esther“ wiederkehrt – kurz, ein hoch interessanter Dramatiker, den man sich öfter hernehmen sollte.

Zu all diesen theatralischen Ereignissen hat Gottfried Riedl die Bilder, begleitet von einer hervorragend geschickten, weil aussagekräftigen Auswahl von Zitaten, von denen viele aus Grillparzers Tagebüchern und Aufzeichnungen stammen, einiges auch von den Zeitgenossen.

Im Blättern schreitet man durch ein wichtiges Stück wienerischer Theatergeschichte und großer Burgtheater-Tradition- und Interpretation. Aber der Autor hat auch Grillparzers allzu oft wechselnde Adressen im Bild gefunden, die Zeitgenossen, die auch für ihn wichtig waren (von Beethoven bis Goethe), und das politische Geschehen wird nicht vergessen: Man ist geneigt, das Jahr 1848 in Wien im Vergleich zu anderen Revolutionen als nichtig abzutun, aber wer sich die Barrikaden ansieht, die damals auf dem Michaelerplatz aufgerichtet wurden, spürt schon, dass man es mit einer unberechenbaren Menge von Unzufriedenen zu tun hatte…

Und natürlich begleiten die Porträts Grillparzers, vom gelockten jungen Mann in typischer Biedermeierpose bis zum „grantigen“ alten Hofrat, die in diesem Buch aufgeblätterte Lebensgeschichte. Das heißt – fröhlich hat der Mann, der sich seinen Lebensunterhalt als Beamter verdienen musste, eigentlich nie ausgesehen. Es war zu allen Zeiten kein erstrebenswertes Schicksal, ein österreichischer Dichter zu sein…

Renate Wagner

 

 

Diese Seite drucken