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FRANKFURT: VOLO DI NOTTE/ IL PRIGIONIERO von L. Dallapiccola

13.05.2012 | KRITIKEN, Oper

Zwei Dallapiccola-Einakter in Frankfurt: „Volo di notte“ und „Il prigioniero“ (Vorstellung: 12. 5. 2012)


Volo di notte“ : Lionel Lhote (Rivière) und Chor. Foto: Wolfgang Runkel

In der Oper Frankfurt wurde kürzlich eine erfolgreiche Produktion aus der Spielzeit 2003 / 2004 wiederaufgenommen – zwei Einakter von Luigi Dallapiccola (1904 – 1975), die an einem Abend gezeigt werden: „Volo di notte“ („Nachtflug“) und „Il prigioniero“ („Der Gefangene“), wobei die szenische Leitung der Wiederaufnahme Caterina Panti Liberovici innehatte. Vor dem Hintergrund der politischen Entwicklungen im faschistischen Italien konzentrierte sich der Komponist bis in die 50er Jahre des vorigen Jahrhunderts auf Themen, die um Unterdrückung und Freiheit kreisen. Beide Werke werden in Frankfurt in italienischer Sprache mit deutschen Übertiteln gebracht.

Das Libretto der Oper „Volo di notte“, die 1940 im Teatro della Pergola in Florenz uraufgeführt wurde, verfasste der Komponist nach dem Roman Vol de nuit von Antoine de Saint-Exupéry. Ihr Inhalt in Kurzfassung: Rivière, der Leiter einer Fluggesellschaft für Post- und Kurierflüge, führt Nachtflüge ein, um andere Transportmittel zu übertrumpfen, wobei er auch Katastrophen riskiert. So kommt der Pilot Fabien in einem Orkan um – zum Entsetzen seiner Frau, deren Lebenssinn mit dem Tod ihres Mannes verloren ist. Der technische Fortschritt, der solche Nachtflüge ermöglicht, treibt Rivière dazu, Menschen in die Ausweglosigkeit zu zwingen und so unerbittlich Macht über sie auszuüben.

Keith Warner inszenierte das Drama illusionslos packend und erreichte eine atmosphärische Dichte, zu der auch das Bühnenbild, das einen kleinen Flughafen der Pionierzeit zeigt, und die Kostüme (Entwürfe: Nicky Shaw) gut passten (Gestaltung: Kaspar Glarner). Für die kreativen Lichteffekte sorgte Olaf Winter. Interessant die Symbolik, die der Regisseur dem Werk verlieh, indem er allen Protagonisten außer Rivière Vogelmasken verpasste, als würde sich die Vogelwelt über die menschlichen Flugträume lustig machen.

Mit dem belgischen Bariton Lionel Lhote stand ein Sänger auf der Bühne, der es verstand, die Rücksichtslosigkeit seiner Rolle sowohl stimmlich wie auch schauspielerisch beeindruckend zu verkörpern. Sein Fanatismus, mit dem er seinen Beruf ausübt, duldet keinen Widerspruch und treibt ihn privat in die Einsamkeit. Ihm ebenbürtig war der amerikanische Tenor Peter Marsh als Funker, der die Tragödie des Piloten Fabien stimmlich exzellent vom Funkturm herab schilderte. Signora Fabien wurde von der Schweizer Sopranistin Marion Ammann gesungen, die ihre Angst um ihren Mann eindrucksvoll zu vermitteln verstand.

Den Inspektor Robineau, der sich jeglichem Wunsch Rivières zu beugen hatte, stellte der deutsche Bass Florian Plock sehr unterwürfig dar, den Piloten Pellerin, der auf seinem Chile-Flug einem schweren Unwetter entkommen und sicher landen konnte, sang der amerikanische Tenor Michael McCown, den Mechaniker Leroux der deutsche Bariton Dietrich Volle, die Tänzerin am Horizont war die junge Rumänin Nicoletta Stanescu.

Vom begeisterten Publikum  gab es Bravo-Rufe für Lionel Lhote und Peter Marsh und lang anhaltenden Beifall für das restliche Ensemble.

Der Einakter „Il prigioniero“ nach der Pause wurde durch die fast quälend dramatische Inszenierung von Keith Warner und durch die exzellente Darstellung des Gefangenen zum künstlerischen Höhepunkt des Abends. Die Drehbühne zeigte mehrere völlig weiße Räume, durch die der Gefangene irrt und dabei auf seinen Kerkermeister und auf zwei Priester trifft. Bühnenbild und Kostüme (ganz in Weiß der Gefangene, in Schwarz alle anderen) waren wieder von Kaspar Glarner und Nicky Shaw, Lichtregie hatte neuerlich Olaf Winter, der durch die grelle Rotbeleuchtung in der Schlussszene mit dem Blick aufs Feuer die dramatische Wirkung nochmals steigerte.

Der Inhalt der Oper, deren szenische Uraufführung 1950 im Teatro Communale in Florenz stattfand (Libretto vom Komponisten nach Texten von Philippe Villiers de L’Isle Adam und Charles de Coster): Der Kerkermeister eines zum Tode verurteilten Gefangenen der spanischen Inquisition weckt in diesem die Hoffnung auf baldige Freiheit. Doch diese Hoffnung erweist sich als die letzte und qualvollste aller Foltern, die er vor seiner Hinrichtung erleiden muss.

Als Gefangener bot der Bassbariton Robert Hayward stimmlich und besonders schauspielerisch eine Glanzleistung, die von der ersten bis zur letzten Minute das Publikum „gefangen“ nahm. Wie er – von peinigenden Verhören bereits schwer gezeichnet – seine Angst vor weiteren Folterungen und vor dem drohenden Tod auf dem Scheiterhaufen darstellte und dabei dennoch psychische Stärke zu vermitteln vermochte, war von selten gesehener Intensität. Kein Wunder, dass neben ihm die anderen Protagonisten ein wenig blass wirkten. Mit einer Ausnahme: Marion Ammann als seine um ihn zitternde Mutter. Sie konnte mit ihrer Sopranstimme ihre Angstgefühle um ihren geliebten Sohn, die sie fast zum Wahnsinn treiben, im Prolog des Einakters auf erschütternde Weise wiedergeben.

Den Kerkermeister und Großinquisitor stellte der amerikanische Tenor Jeffrey Francis zwar mit perfider Falschheit dar, ohne aber in dieser Rolle voll zu überzeugen. Die beiden Priester wurden von Michael McCown und Dietrich Volle als köstliche Karikaturen gegeben, wobei einem allerdings das Lachen im Halse stecken blieb. Der Chor der Oper Frankfurt hatte bloß eine kurze Statistenaufgabe, die er gut löste (Einstudierung: Michael Clark).

Das Frankfurter Opern- und Museumsorchester unter der Leitung des erfahrenen Dirigenten  Lothar Zagrosek gab die expressive, atmosphärisch ausgeklügelte Partitur des Komponisten besonders im zweiten Teil des Abends eindrucksvoll wieder. Das begeisterte Publikum bejubelte die Leistungen von Robert Hayward und Marion Ammann ausgiebig mit Bravo– und Brava-Rufen sowie die anderen Darsteller und das Orchester samt Dirigenten mit Bravi– Rufen. Immer wieder – minutenlang!

Udo Pacolt, Wien – München

 PS: Am 17. Mai 2012 findet die letzte Vorstellung der Dallapiccola-Einakter statt.

 

 

 

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