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FRANKFURT: PELLÉAS ET MÉLISANDE. Premiere

06.11.2012 | Allgemein, KRITIKEN, Oper

Frankfurt: Pelleas et Melisande 4.11.2012


Foto: Monika Rittershaus/Oper Frankfurt

 Die Neuproduktion ‚Pelleas et Melisande‘ von Claude Debussy an der Oper Frankfurt bestimmen in erster Linie die delikat ausgesuchten ProtagonistInnen auf der Bühne. Ihre Charaktere bilden sich im Lauf des Spiels – und dabei gesanglich beglaubigt – derart plastisch heraus, dass es manchmal geradezu furchterregend wirkt. Wenn z.B. die kleine Christiane Karg als als Melisande zu Beginn zitternd neben Golaud unter einem Sternenspot im Staubmantel hin- und herschwankt und sich eine Zigarette anzuzünden versucht und auch später immer wieder mit groß geweiteten Augen an der Wirklichkeit vorbeistarrt, im Haus verlassen hin-und herhuscht oder sich immer wieder aufs Feuteuil hinfallen lässt, stellt sie diese retardierte und für Regisseur Claus Guth sicher auch psychotische Frauenfigur eben vollendet dar. Es ist im ganzen wieder eine bemerkenswerte Arbeit von Claus Guth, und er kommt hier auch weitgehend ohne Verfremdung der Handlung aus. Natürlich ist märchenhaft romantisches Ambiente weitgehend getilgt, sieht man einmal von Sternen und Schneeflocken ab. Dabei ist interessanterweise das Außen immer nachtschwarz, während von innen, aus den Fenstern heraus, oft in eine gleißende Helle gestarrt wird. Der Regisseur hat sich für Schloß Allemond von Christian Schmidt (auch Kostüme) ein Haus bauen lassen, von dem bis zu 4 Zimmer gleichzeitig eingesehen werden können, also auch das obere Stockwerk. Das weitet natürlich die psychologische Perspektive enorm. Eß- und Wohnzimmer, darüber Golauds Wohnbereich und daneben Yniolds Kinderzimmer sind sehr geschmackvoll eingerichtet und mit weinroten, schwarzen und grünen Tapeten ausgestattet. Pelleas wirkt mit Rundbrille und etwas krausen Haaren zuerst auch wie ein etwas kindlich Zurückgebliebener, die ‚Spiele‘ , die er mit Melisande unternimmt, machen aber im Gegensatz zu Maeterlincks Vorlage einen modernen Eindruck. Er verbindet ihr einmal mit einem schwarzen Band die Augen und bindet sie später mit der Kordel ihres Morgenmantels an einen Sessel fest (in Ermangelung langer Haare, die vom Turm herabfallen), was Melisande genießt. Die Szene mit Golaud und seinem Sohn Yniold, der diese Spiele belauern soll, ist von großer Drastik des latent gewalttätigen Golaud gezeichnet. Er erschlägt Pelleas, wie Kain seinen Bruder Abel, als er ihn mit Melisande küssend ertappt. Am Ende geht Melisande als Tote zu Pelleas, der da auch bei den Toten weilt, und sie berühren sich kaum mit der Hand.

 Das Orchester baut in einem Atem mit seinem Dirigenten Friedemann Layer immer wieder grandiose Steigerungen auf und begleitet sonst angenehm zurückhaltend, über weite Strecken eben rezitativisch. Auch die Farben der Instrumentation sind schön zur Geltung gebracht und der durchpulste Duktus, der auch auf die Opern Janaceks hindeutet, wird gut in diesem ‚impressionistischen‘ Opern-Artefakt generiert.

Den Arzt gibt regiebedingt sehr steif und mit Bowlinghut und mit gediegen ruhigem Bariton Sungkon Kim. Der Yniold ist David Jakob Schläger, ein blonder Junge mit durchdringendem und, wo vorgegeben, sehr affektgeladenem Sopran. Dabei sonst so verspielt, lässt er sich zum Verrat der Liebenden nicht hinreißen. Eine großartige Charakterzeichnung gibt die Altistin Hilary Summers als Genevieve, die fast devot zu ihren Männern, Sohn Golaud und Vater Arkel, steht. Arkel ist der auf jugendlich geschminkte Alfred Reiter, der in perfekter, oft fast poltriger Deklamation mit Stock durch das Haus schlurft, aber dabei mit seinem prachtvollen Baß die unangefochtene Autorität darstellt. Christian Gerhaher verkörpert „begnadet“ den Pelleas mit weich timbriertem, aber sich zu fester Höhe schraubendem Tenor, immer seine als aussichtslos erkannte Liebe vor Augen. Mit einem edelsamtig schönstimmigen Bariton gestaltet Paul Gay die gesangliche Hauptrolle des Golaud. Großgewachsen, mit meist zugekniffenen Augen und in brauenen Kniebundhosen eigentlich wie der perfekte Gutsherr agierend,  verfällt er immer mehr dem Wahn seiner Eifersucht. Die vornehmlich Leidtragende davon ist natürlich seine Frau Melisande, die auch die Mutterrolle für Yniold einnimmt. Den einzigen Ausweg sieht sie in der verbotenen Liebe zu Pelleas. Mit ihrem edel timbriertem Sopran singt Christiane Karg ihre Rezitative und Ariosi mit höchster Inbrunst, in raffinierten Hauskleidern, plissierten Rock-, Oberteilkombination, barfuß oder in Highheels. Bewunderungswürdig!

Friedeon Rosén

 

 

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