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FRANKFURT: „PATRICIA KOPATCHINSKAJA. HR SINFONIEORCHESTER – PH. HERREWEGHE“

Frankfurt: „PATRICIA KOPATCHINSKAJA.  HR SINFONIEORCHESTER. – PH. HERREWEGHE“ 30.10.2014

 Hans Sachs hätte es so formuliert: der Vogel der heut´ sang, dem war der Schnabel hold gewachsen! Doch war heute von  keinem Sänger die Rede,  sondern eine Violine „sang“.

In dieser Saison ist die exzentrische Geigerin Patricia Kopatchinskaja „Artist in Residence“ beim HR Sinfonie Orchester und in vier Konzerten als Solistin zu Gast.

 Nun kenne ich das „Violinkonzert“ von Ludwig van Beethoven aus unzähligen Live-Konzerten zur Genüge – glaubte ich wenigstens! Doch die barfüßige Violinistin aus Moldawien hat das Werk radikalisiert oder erfand es nur völlig neu? Jedenfalls verwirklichte Kopatchinskaja scheinbar in ihrem solistischen Weg, den letzten musikalischen Gedanken des Komponisten,  überraschte mit völlig neuer Interpretation und dies zudem äußerst präsent auf hohem Niveau. Nun mögen sich in der Auffassung die Geister scheiden, ich fand es sehr interessant und empfand lediglich die „Soloeinlagen“ im Duett mit Celli und Schlagzeug etwas befremdlich. Die Art des Musizierens entsprach dem persönlichen Charisma der ungewöhnlichen Künstlerin – the Show must go on – beim Pianocircus der Eitelkeiten erlebt man zumindest extremere Paradiesvögel.

 Das eigenwillige Persönchen sowie das HR S.O. unter der Stabführung von Philippe Herreweghe erwiesen sich dennoch als kongenitale Dialogpartner, ergänzten sich zu einer einheitlichen sich entwickelnden und gegenseitig steigernden Aussage. Kopatchinskaja hat das Feeling für Melodie, ihr Beethoven singt und fließt, wenn auch in unglaublichem Piani-Forte-Kontrast wirken die Kadenzen des Allegro ma non troppo dennoch voll emphatischen Schwungs. In schwermütigem Touch erschien mir ihr Spiel im  Larghetto, symbolisiert in feinsten Schattierungen, bewegt in tonmalerischen Empfindungen und zartesten Übergängen.

Im Rondo gewährte die Solistin prägnant, klare Einblicke in die variable Kunstfertigkeit ihrer subtilen Bogenführung, den unbezähmbaren Gestaltungswillen, gleichwohl in lyrischen Bereichen oder den schon vulkanischen Ausbrüchen mit dem hervorragend begleitenden Orchester.

 Den Publikumszuspruch erlebte ich hier schon euphorischer und erschien mir eher leicht verschreckt, ratlos, zurückhaltend und wurde dennoch mit einer wunderbaren „Romance für Violine und Orchester“  des armenischen Komponisten Tigran Mansurian bedankt.

 Robert Schumanns Hauptabsicht dürfte wohl gewesen sein, die so innig ersehnte Anknüpfung an Beethovens Symphonik im Geiste der Romantik und dieser Wille zeigt sich besonders in der äußeren Gestalt seiner „Vierten Symphonie“, hatte doch für sie der Komponist nicht von ungefähr den Titel „Symphonische Phantasie“ erwogen.

 In formaler Grenzüberschreitung stellte Schumann die thematische Keimzelle des ersten Satzes mit der langsamen Einleitung. Philippe Herreweghe am Pult des exzellent aufspielenden HR S.O. forciert das Hauptthema leicht, punktierte das Seitenthema der Holzbläser und prägte zugleich mit den Posaunenstößen das dramatische Geschehen merklich.

Der wehmütige Gesang der Streicher (welch wundervoll elegische Klänge vernahm da mein Ohr), den Oboe und Celli in der Romanze  über Pizzikato-Begleitung anstimmen, wurde wiederum von Motiven der Einleitung durchwirkt. Im  einsetzenden Scherzo kontrastieren wiederum die Themen des Hauptteils und verloschen allmählich in der Reprise des mysteriösen Untergrunds. Langsam, lebhaft in düsterer Pracht steuert der Dirigent den akurat musizierenden Klangkörper in den turbulenten Stretta-Taumel des finalen Presto.

Einhellige Begeisterung für die „authentische“ Wiedergabe dieser romantischen Symphonie.

 Gerhard Hoffmann

 

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