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FRANKFURT: KÖNIGSKINDER von Engelbert Humperdinck. Premiere

01.10.2012 | Allgemein, KRITIKEN, Oper

Frankfurt:  Königskinder  30.9.2012 Premiere


Amanda Majeski als Gänsemagd. Foto: Wolfgang Runkel

 In dieser Oper von Engelbert Humperdinck spielen wirklich einmal die Musik und der Gesang die Hauptrolle. Es ist erstaunlich, was Humperdinck neben ‚Hänsel und Gretel‘ noch zu bieten hat, wenn er auch natürlich ausdrücklich und durchgehend auf R.Wagner fußt. Natürlich kommt nie eine so ungeheuere Dramatik auf wie bei letzterem, aber die vielgestaltige Musik, die sich in bestem Einklang mit den den Szenen der Märchenoper entwickelt, hat in der Tat eine Sogwirkung. Besonders im 1.Akt wird auch ein schöner, an die ‚Meistersinger‘ gemahnender Parlandoton erreicht, während Humperdinck im weiteren Verlauf auch Ausflüge in dramatischere Gefilde wagt. Angesichts dieser Befunde erscheint es falsch, Humperdinck ähnlich wie Siegfried Wagner als epigonalen Märchenopern-Komponisten abzustempeln, denn bei den ‚Königskindern‘ handelt es sich um ein Kunstmärchen der vor der Jahrhundertwende unter Pseudonym dichtenden Elsa Bernstein-Porges, das viele symbolistische Fin-de-siecle-Anklänge aufweist und damit allgemeine Zeittendenzen fokussiert. Humperdincks erster Versuch, Die Königskinder als Ballade mit Sprechgesang zu vertonen, war für ihn selbst unbefriedigend, die Umarbeitung zur Oper im Belcantostil erfolgt auch in ausdrücklicher Berufung auf Richard Wagner.

 Das Frankfurter Orchester spielt das 3 Stundenwerk mit einer erstaunlichen Präsenz durch, wobei seine Partiturverästelungen vom Dirigenten Sebastian Weigle immer genauestens nachgespürt werden. Es gelingt, einen nie derben, sondern immer wohlausgeloteten Klang zu erzeugen, der auch für die Sänger einen komfortabler Teppich darstellt. Es gibt nicht so viele plastisch heraushörbare Motive wie etwa bei ‚Hänsel und Gretel‘, aber die Potenz dieser Musik liegt in ihrer Vielgestaltigkeit und in den schönen Instrumentenfarben, die von den Frankfurtern exzellent hervorgezaubert werden.

 Hier ist es schwer für die Regie, ein Pendant zu schaffen, doch sie ist sehr bemüht. Gut erscheint der Kontrast, der in einer Minimalistik der Szenen gesucht und gefunden wird. Auf einen kuppenartig geschrägten schwarzen Bühnenfläche (Patrick Bannwart), die in allen 3 Akten vorgegeben ist, erscheinen die Gänge und Bewegungen der Akteure mit mit fast logischer Präzision harausgearbeitet (Inszenierung David Bösch). Dass der Chor im 2.Akt aber aus Löchern von der Unterbühne in Schweinsmasken auftaucht, ist zumindest keine originale Idee, wie auch die Manier des Bühnenbildners, auf (Hexen)häuser und jegliches Innen-Interieur zu verzichten. Hier wird es auf die Spitze getrieben, wenn in der Hellastadt die ‚Schweine‘ direkt aus Schläuchen von einem am Schnürboden hängenden Faß abgefüllt werden. Der Boden ist oft mit Kreide symbolhaft bemalt und beschrieben, Entchen und Gänse sind ausgeschnittene Papierfiguren. Sehr bildmächtig der Schluß, wo die Königskinder beim Sterben auf der Eisfläche mit ausgestreckten Armen sich noch einmal berühren wollen, und der Spielmann seine zerbrochene Fiedel ins Grab legen möchte. Die auch märchenhaft symbolistisch immagnierten Kostüme sind von Meentje Nielsen kreiert worden.

Eine ganz derbe etwas erotomane Stallmagd ist Kathariana Magiera mit auftrumpfendem Alt. Die Wirtstochter wird etwas sublimer vom Mezzo Nina Tarandek gegeben. Der Wirt Dietrich Volle ist mit Augenklappe ein dunkel draufgängerischer Kerl. Den Ratsältesten gibt wie einen nicht ernstgenommenen Propheten Franz Mayer mit kurzer Baßbariton-Partie. Den Besenbinder stellt Martin Mitterrutzner mit eher sanftem Tenor, sein Töchterchen, das auch den Kinderchor anführt, ist Chiara Bäuml mit weißem lieben Kindersopran. Der extrem harherzige Holzhacker ist Magnus Baldvinsson, aber gesungen mit warmtimbriertem Baß. Julia Juon ist ein Spinto- Mezzosopran, der es in sich hat. In schwarz wallendem Chiffonkleid gibt sie die Hexe im Zwiegesang mit der Gänsemagd Amanda Majeski, die einen Sopran mit makelloser Tonschönheit und Flexibilität besitzt sowie spielerisch adrett agiert. Daniel Behle /Königsohn ist ihr ebenbürtiger Partner mit schönst ausgehörtem Spinto-Tenormaterial mit heldischer Tendenz. Ein weiteres gesangliches Highlight ist der Spielmann Nicolay Borchev, der über ein edel strömendes leicht halliges Baritontimbre verfügt.

Friedeon Rosén

 

 

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