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FRANKFURT/ Kammeroper im Palmengarten: LA TRAVIATA

18.07.2012 | KRITIKEN, Oper

KAMMEROPER FRANKFURT: „LA TRAVIATA“, 18. 7. 2012, Beachtliche Sängerleistungen

Sie geriet zu einer beachtlichen Angelegenheit, die Freilicht-Aufführung von Verdis „La Traviata“ im Frankfurter Palmengarten. Es ist schon erstaunlich, was für gute Sänger an der von RAINER PUDENZ geleiteten Kammeroper Frankfurt nachwachsen. Die Vertreter der Hauptpartien werden ihren Weg ganz sicher machen. Bei pfleglichem Umgang mit ihrem kostbaren Material steht ihnen wohl eine beachtliche Karriere bevor. Beeindruckend war in erster Linie EVA MARIA HAAS, die trotz ihres jugendlichen Alters bereits über eine voll ausgereifte, hervorragend italienisch geschulte Stimme mit schöner Körperstütze und einem ansprechenden appoggiare la voce verfügt. Mit großer Souveränität meisterte sie alle Klippen dieser heiklen Partie, die ihr nicht die geringsten Schwierigkeiten bereitete. Mühelos schwang sie ihren klangvollen Sopran bis in die höchsten Höhen auf, die ihr fulminant aus der Kehle flossen, war aber insbesondere im dritten Akt auch zu bezaubernden, gut gestützten Piani und Pianissimi fähig. Typmäßig war die südländische Sängerin allerdings eher eine Carmen als eine Violetta. Dennoch war ihr Spiel recht glaubhaft. Wunderbar war auch MAX AN anzuhören, der für den Alfredo einen dunkel timbrierten, hervorragend focussierten und ausdrucksstarken Tenor mitbrachte und vor allem durch die Beherztheit seines Vortrages sowie durch einfühlsame Linienführung zu begeistern wusste. Auf hohem Niveau präsentierte sich auch CHRISTIAN BALZER, der einen darstellerisch autoritären Germont gab und auch gesanglich mit seinem ebenfalls gut sitzenden, robusten und ebenmäßig dahinfließenden Bariton einen bleibenden Eindruck hinterließ. Prächtig schnitt ANNETTE FISCHER ab, die einen vorbildlich fundierten, vollen und tiefsinnigen Mezzosopran für die Flora und die Annina mitbrachte. Sehr ungewohnt und nicht nachvollziehbar war die Besetzung des Gaston mit dem männlichen Sopran ROBERT CROWE, dessen Gesangsstil nicht mein Fall war. Durchweg mehr trockenen Schauspiel- als Operngesang pflegten ERIC LENKE (Dr. Grenvil), HARALD MATHES (Marchese d’ Obigny, Diener), ALEXANDER WINN (Baron Duophol) und BENEDIKT SCHMIDT (Giuseppe, Diener). Von einer guten Gesangstechnik italienischer Prägung konnte bei ihnen leider keine Rede sein. Auch in dem von ARMIN ROTHERMEL einstudierten Chor waren teilweise nur halb ausgebildete Stimmen zu vernehmen. Ein Wermutstropfen war außerdem, dass das Ganze in einer von FLORIAN ERDL geschaffenen deutschen Übersetzung gegeben wurde. Das war stilistisch verfehlt und wirkte doch ziemlich irritierend. Den beachtlichen Sängern der Hauptrollen dürfte die Leitung der Kammeroper Frankfurt damit keinen Gefallen getan haben. In einer Zeit des internationalen Opernbetriebes, in dem fast alle Opernhäuser die Werke in der Originalsprache aufführen, wird ihnen durch diese fragwürdige Entscheidung die Möglichkeit eines Gastierens in ihren Partien vehement abgeschnitten, was angesichts ihres hochkarätigen Stimmmaterials wirklich schade ist.

Herr Erdl leitete auch das ORCHESTER DER KAMMEROPER FRANKFURT und vermochte durchaus zu beeindrucken. Unter seiner versierten musikalischen Leitung spielten die Musiker weich und getragen und warteten auch mit einem gehörigen Schuss Emotionalität auf.

Grundsoldie präsentierte sich die Inszenierung von RAINER PUDENZ, der die Dimensionen des Musikpavillions im Palmengarten geschickt zu nutzen wusste und mit einer unaufdringlichen, soliden Personenregie aufwartete. Von Anfang an ließ er keinen Zweifel daran, in welchem Milieu sich das Geschehen abspielt. Insbesondere die Kostüme von Violetta, Flora und ihren Berufsgenossinnen belegen, dass es sich bei ihnen um Prostituierte handelt. Traviata wechselt im Lauf des Stücks zu einer dezenteren Kleidung. Bezeichnend für dieses Ambiente sind auch die im Hintergrund aufragenden Statuen von Dionysos und den Bacchantinnen als Ausdruck für Rausch und Lebenslust, was ganz der Mentalität der Violetta des Anfangs entspricht. Diese griechischen Standbilder stehen den ganzen Abend über auf der Bühne und sind für die todkranke Traviata des Endes nur noch stumme Reminiszenzen an ihre frühere Zeit als Kurtisane. Bertolt Brecht erweist der Regisseur seine aufrichtige Reverenz, wenn er Germont stets aus dem Publikum heraus auftreten lässt. Der Vater Alfredos wird zum stillen Beobachter der Handlung, der sich immer dann einschaltet, wenn es ihm notwendig erscheint. Hier gewann die Inszenierung einen überzeugenden intellektuellen Anstrich.

Ludwig Steinbach

 

 

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