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FRANKFURT: GÖTTERDÄMMERUNG

19.02.2012 | KRITIKEN, Oper

FRANKFURT: „GÖTTERDÄMMERUNG“, 18. 2. 2012, Die Gesellschaft und Siegfried –  

Mit einer hervorragend in Szene gesetzten „Götterdämmerung“ ging an der Frankfurter Oper die Neuproduktion von Wagners „Ring“ in die letzte Runde. Einmal mehr hat sich VERA NEMIROVA alle erdenkliche Mühe gegeben, um dem Zuschauer einen ästhetisch schönen, dabei aber auch spannenden und innovativen Opernabend zu bescheren. Wie schon bei den drei vorausgegangenen Teilen dient als Spielfläche die von JENS KILIAN entworfene, an Wieland Wagner gemahnende Weltenscheibe mit ihren vier verschiebbaren konzentrischen Ringen, die im ersten Teil des dritten Aufzuges saturnmäßig angeordnet sind. Jetzt ist sie indes etwas nüchterner gestaltet als an den anderen Abenden. In der Eingangsszene lassen die drei Nornen das gesamte vergangene Geschehen Revue passieren. Konsequenterweise versammelt die Regisseurin viele Handlungsträger der ersten drei Abende auf der Bühne. An die Stelle des Schicksalseils tritt ein Wollknäuel, das von Erdas Töchtern nach und nach aufgerollt wird.  Mit den Fäden umspannen die Weissagerinnen nach und nach alle auf der Bühne erschienenen Figuren – eine treffliche Versinnbildlichung der Unausweichlichkeit des Schicksals. Scheinbar willenlos lassen fast alle Gestalten diese Prozedur über sich ergehen. Nur der von INGEBORG BERNERTH als Reminiszenz an seine Herrscherzeit mit einem goldenen Anzug versehene Alberich spielt da nicht mit, wird aufmüpfig und zerstört das Seil.

 In Frau Nemirovas Konzept steht das Aufeinanderprallen von Gesellschaft und Siegfried im Zentrum des Geschehens. Dieser Ansatzpunkt zieht sich durch die ganze Handlung. Dabei steht nicht mehr die Götterwelt im Vordergrund, sondern der Mensch. Nicht auf irgendwelche Örtlichkeiten kommt es der Regisseurin an, sondern auf Prinzipien. Gekonnt unternimmt sie eine Gratwanderung zwischen Mythos und Moderne. Auf einprägsame Art und Weise macht sie im ersten Aufzug die große Distanz zwischen Siegfried und seiner Umwelt deutlich, wenn sie den Helden in Anknüpfung an die geniale Stuttgarter Inszenierung ihres Lehrmeisters Peter Konwitschny reichlich einfältig und lächerlich wirkend, in altgermanischer Aufmachung, mit braunem Jagdrock, Flügelhelm und Brustpanzer angetan, in die Halle der in feine moderne Anzüge gekleideten und sich augenscheinlich gerne sportlich betätigenden Gibichungen eintreten lässt. Zuvor ist er während seiner per Schlauchboot durchgeführten Rheinfahrt auf die Rheintöchter – auch dies eine Anleihe von Konwitschny – getroffen, die ihn mit einer auf einem Schild prangenden Schrift dazu aufriefen, den Rhein zu retten. Das Domizil der Nachfahren König Gibichs befindet sich im Untergrund der Scheibe und wird von einer riesigen Bar eingenommen. Die Sippe scheint ihr Geld durch Handel mit Hochprozentigem zu verdienen. Aus Schnaps besteht auch der Vergessenstrank, der hier überhaupt nichts Magisches an sich hat und in erster Linie dazu dient, eine ziemlich fragwürdige Seite bei Siegfried offenzulegen, der durchaus auch über negative Charaktereigenschaften verfügt. Der Anblick von Gutrune lässt ihn seine Brünnhilde gegenüber geleisteten Liebesschwüre ganz schell wieder vergessen. Er erweist sich als ganz schöner Schlawiner, der von seiner alten Liebe nichts mehr wissen will, sobald er einer anderen begehrenswerten Frau begegnet. Der Alkohol löst eben alle Hemmungen. Da bedarf es gar keiner weitergehenden Gehirnwäsche seitens der Gibichungen mehr, um sich den Helden gefügig zu machen. Der Trank wird zur Nebensache, denn Siegfried reagiert sowieso auf jeden ihm neuen Reiz und wird innerlich immer schwächer. Hier spielt auch ein Stück Psychologie mit hinein: Gunther, Gutrune und Hagen sind dem Wotan-Enkel das, was er nie hatte und was er sich immer gewünscht hat, nämlich eine Familie, in die er sich zu integrieren sucht. Er will nicht mehr allein sein und sehnt sich nach Gemeinschaft. Aus diesem Gefühl heraus ist er auch bereit, neue Umgangsformen zu lernen. Vieles bleibt ihm aber dennoch fremd. Kein Wunder bei seinen Wurzeln. Woher sollte Siegfried aber auch beispielsweise arabische Sitten kennen. Vera Nemirova jedenfalls scheint mit Karl May vertraut zu sein. Wer dessen Orient-Romane gelesen hat, weiß, dass es für Araber eine Blutrache nach sich ziehende Provokation darstellt, wenn jemand einem anderen derart seine Schuhe vor die Füße knallt, wie es in zweiten Akt Brünnhilde bei Siegfried tut. Brünnhildes Racheschwur nach orientalische Manier: das gab es noch nie und ist ein absolutes Novum! Siegfried aber erkennt die Herausforderung nicht.

 Mit Siegfried weht eine frische Brise an den Hof der Gibichungen, die die Regisseurin mit unserer heutigen Gesellschaft gleichsetzt und diese als genauso schwach und verführbar entlarvt wie die Kinder König Gibichs. Dieser Ansatzpunkt kommt einem irgendwie bekannt vor. Das hat man schon ähnlich gesehen. Neu ist aber Frau Nemirovas Sicht der Beziehung des Helden zur Gesellschaft. Siegfried hat bei ihr viele negative Eigenschaften, kann aber dennoch nicht im eigentlichen Sinne schuldig werden. Davor bewahrt ihn seine Unwissenheit. Von moralischen Werten hat er keine Ahnung; was amoralisch ist, weiß er überhaupt nicht. Mit den Regeln der Zivilisation kommt er nicht zurecht und fällt diesen schließlich zum Opfer. Aber auch die Gesellschaft geht letztlich zugrunde, und zwar an Siegfried. Mit seinem Tod gibt es für sie keine Hoffnung mehr für Veränderungen. Oder vielleicht doch? Am Schluss versammelt sich das gesamte Personal aller „Ring“-Teile noch einmal auf der Bühne, bereit für einen neuen Anfang. Es soll aber ein andersartiger Beginn sein, in dem die Kraft des Rings keine Rolle mehr spielt. Demgemäß schleudert der aus der Handlung ausgestiegene Alberich – hier anstelle von Hagen – von der ersten Parkett-Reihe aus ein heftiges „Zurück vom Ring“ den oben verharrenden Personen entgegen und zieht sich dann in die rechte vordere Loge zurück, um dort den Ausgang des Geschehens still zu beobachten – ein trefflicher, von Brecht inspirierter Einfall, mit dem die Regisseurin da aufwartet. Das Ende bleibt offen. Die Menschen warten weiter. Im Raum steht die stumme Frage, ob die neu hereinbrechende Ära genau so fragwürdiger Natur sein wird wie die alte.

Eine hervorragende Leistung erbrachte GMD SEBASTIAN WEIGLE am Pult. Er ging bei seiner musikalischen Interpretation stark vom Text aus und präsentierte die Musik zusammen mit dem sehr intensiv aufspielenden FRANKFURTER OPERN- UND MUSEUMSORCHESTER mit kammermusikalischer Eleganz und transparentem Klang, ohne es dabei indes an dramatischen Höhepunkten mangeln zu lassen.

 Bei den Sängern der Hauptpartien blieben Wünsche offen. SUSAN BULLOCK sang als Brünnhilde in der Mittellage ordentlich, verlor zur Höhe hin aber zunehmend die nötige Körperstütze, woraus eine zeitweilig unstete Intonation resultierte. Von den Vorzügen einer vorbildlichen italienischen Technik scheint sie ebenso wenig zu halten wie LANCE RYAN, der als Siegfried einmal mehr sehr maskig und nicht immer ganz intonationsrein sang. Ein solider, wenn auch kein außergewöhnlicher Hagen war GREGORY FRANK. Seinem an sich schönen und sauber focussierten Bass fehlte es etwas an Bedrohlichkeit.

Besser als an den anderen „Ring“-Abenden gefiel JOCHEN SCHMECKENBECHER, der den Alberich an diesem Abend mit besser gestützter Stimme sang als es bei „Rheingold“ und „Siegfried“ der Fall war. Eine Glanzleistung erbrachte JOHANNES MARTIN KRÄNZLE, der dem stets etwas unsicher wirkenden Gunther mit bestens im Körper sitzenden, resonanz- und obertonreichen Bariton ein treffliches Profil zu geben wusste. Gefallen konnte auch die sonor und tiefgründig singende Gutrune von ANJA FIDELIA ULRICH. Übertroffen wurde sie indes von CLAUDIA MAHNKE, die mit kräftigem und gefühlvoll eingesetztem Mezzosopran Waltrautes Erzählung hochkarätig vortrug und sich auch in der Rolle der zweiten Norn in die Herzen des begeisterten Publikums sang. Ihre Nornenschwestern MEREDITH ARWADY und ANGEL BLUE standen ihr in puncto Stimmkraft in nichts nach. Über sauber verankerte Stimmen verfügten auch BRITTA STALLMEISTER (Woglinde), JENNY CARLSTEDT (Wellgunde) und KATHARINA MAGIERA (Flosshilde), die zusammen einen homogenen Gesamtklang bildeten. Trefflich entledigte sich der von MATTHIAS KÖHLER einstudierte Chor seiner Aufgabe. Die Mannenszene war ein Höhepunkt der Aufführung.

 Ludwig Steinbach

 

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