Online Merker Logo

Die internationale Kulturplattform

FRANKFURT: EUGEN ONEGIN. Neuinszenierung

25.11.2016 | Oper

Frankfurt: EUGEN ONEGIN  24.11.2016

In einer gediegen schönen Inszenierung bringt die Oper Frankfurt ‚Eugen Onegin‘ von Tschaikowski heraus. Nach einer Konzeption von Jim Lucassen übernahm Dorothea Kirschbaum die Regie, Sebastian Weigle das Dirigat und machte damit die musikalische Seite zur Chefsache. Es gelingt, die sich rhytmisch wiederholende Natur auf dem Land musikalisch zu schilden, wobei oft breite Streicherwellen wie gegeneinander fließen. Weigle baut auch die Chorszene im 1.Akt klug ein, der klangschöne Chor dosiert dabei gut, während die Einzelnen als Köche an Tischen in Reih‘ und Glied Teig durchwalken. Auch die konventionellen Tänze sind gut konturiert, nur hätte man bei dem Ballfest stringenter und auch mal mit mehr Accellerando vorgehen können. Eine solche Zuspitzung gelingt im 3.Akt bei der erneuten Konfrontation Onegin – Tatiana. Auch die Briefsezene wird von Weigle warm musikalisch begleitet, und die Instrumentalisten zeigen sich in spielerischer Hochform. 

Bildergebnis für frankfurt eugen onegin
Julia Nagyova (Olga), Daniel Schmutzhard  (Onegin), Barbara Zechmeister (Larina), Mario Chang (Lenski). Copyright: Barbara Aumüller

Ein großflächiger Bühnenraum ergibt für beschwingte dabei exakte Personenregie beste Voraussetzungen. Der große Einheitsabau von Katja Haß ist eine in Ocker gehaltene Halle, die nach vorne meist offen, aber rundum verschließbar mit Scherengitter ist. So wird sie am Anfang gezeigt und oft treten die Protagonisten von vorn ein, um sich quasi in ‚Gefühlsgefängnis‘ zu begeben. Offen und erleuchtet wirkt der Bau aber gar nicht wie wie ein Gefängnis: Auf seinem Flachdach steht in kyrillischen Lettern „Wir werden gehen, uns küssen, altern“ aus einem Gedicht von Anna Achmatova, nachgedichtet von Sarah Kirsch. Zuerst stellt er dann den Funktionsraum dar mit oben schwarzen Abzugskästen. Während des Balles mutiert er zu einem Saal mit großen Wandmosaiken, die das bäuerische Landleben aber auch die einbrechende Industrialisierung zeigen. Als Gremins Schloß ist es dann ganz schwarz und grabesähnlich mit ledergepolsterten längs- quersgestellen Sitzbänken, über die einzig Onegin noch im Übermut springt. Hier ist auch noch nur ein letztes Kind, während Kinder, also drei Generationen, sonst allgegenwärtig waren, überall tollten, sogar sich bei den Duell unter den Tischen versteckten, wo sie aber von Onegin noch aufgespürt und verwiesen wurden. Bei der Briefszene sehen wir Tatjana allein in der Halle, und sie schreibt aber gar nicht, blättert weiter in dem großen Roman, den sie am Morgen ihrer Amme übergibt. Es ist ihr Traum, wenn sie, während des ‚Schreibens‘ auf Onegin stößt, ihn umarmt und küßt, wobei sich natürlich die Drehbühne in Bewegung setzt. Die Realität ist, dass er sie andertags brüsk zurückweist.  Der Ball wird durch ein Tänzerpaar (Sandra Stuy, Olaf Reineke) in roten altrussischen Trachten  garniert. Lenski gibt sich in seiner Eifersucht natürlich dem Wodka hin, bevor er im Duell von Onegin erschossen wird. Die fürs Auge schönen Kostüme von Wujciech Dziedzic entsprechen mehr dem frühen 20.Jahrhundert.

Peter Marsh verbleibt in seinem französischen Couplet etwas blass, meint, daß er die Höhen imnmer mehr zu einem Fast-Falsett zurücknehmen muss. Wie sich auch der Lenski Mario Chang extrem schonte. Wenn er wirklich angeschlagen ist, sollte er sich ansagen lassen. Seine Abschiedsarie war somit verschenkt und verpuffte. Den Saretzki gibt der gut grundierte Bariton Dietrich Volle hinter der Theke. Als Filipjewna schleuderte Elena Zilio oft sehr veristisch  ihre ‚Altklugheiten‘ heraus. Die Gutsbesitzerin Larina konnte Barbara Zechmeister mit blankem Sopran gefallen. Sara Jakubiak gab eine nicht besonders hervorstechende Tatiana, steigerte sich aber mit fülligem Sopran bei der Briefszene und konnte besonders am Ende,  wo  sie den ungestümen Onegin aus den sich schließenden Gitterwänden hinauswies, noch volltimbriert auftrumpfen. Der Olga steht ein spritzger Mezzosopran gut an, und sie anvanciert in ihrem 20er Jahre Kleidchen und Bubifrisur zum Mittelpunkt des Balles. Der (Baß)bariton Daniel Schmutzhardt gibt ein fein austariertes Titelrollenporträt. Mit seinem seinem expressiv timbrierten lyrischen Bariton erkundigt er die Gefühlschwankungen dieses ‚Wurzellosen‘ klug aus. An seinem sich eher als blass erweisenden letzten Gegenspieler Gremin scheitert er aber sicherlich nicht. Robert Pomakov  kann an der Oberfäche mit schönen Baßtönen (wie auch seine Glatze) glänzen. Ein weiteres musikalisches Durchdringen einer der ambitioniertesten Arien Tschaikowskis bleibt ihm aber versagt.                                                                           

Friedeon Rosén

 

 

Diese Seite drucken