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MANNHEIM: ENSAME DI MEZZANOTTE von Lucia Ronchetti

18.06.2015 | Oper

Mannheim: Esame di Mezzanotte (UA) von Lucia Ronchetti 17.6.2015

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Foto: Hans-Jörg Michel

 Lucia Ronchetti hat für das Nationaltheater eine Oper für Stimmen, Schauspieler, Vokalensemble, Chor & Orchester geschrieben, die jetzt uraufgeführt wurde. Ronchetti ist spät zur (Opern-)Komposition gekommen und hat davor auch leidenschaftlich als Bibliothekarin gearbeitet. In ihrem Kompositionsstil ähnelt sie, zumindest in dieser bisher vorgelegten größeren Arbeit, der Schreibweise ihres Landmannes Salvatore Sciarrino, der auch, um es auf den Punkt zu bringen, einmal angepeilte Tonhöhen klanglich „umschwirrt“. Das heißt, es geht auch bei Ronchetti um das Wage, das oft vom leisen Klang ins knisternd Geräuschhafte und umgekehrt führt, wobei dem Chorgesang eine große Bedeutung zukommt, der sich oft im Glissando kurz ‚verliert‘. Es ergibt sich eine wellenbewegte oft wie fistelnde Klangsprache. Johannes Kalitzke hält mit relativ knapper Zeichengebung den mächtigen Klangapparat dabei sehr gut unter Kontrolle, kann dabei wichtige dynamische Zeichen setzen. Auch die orchestralen Ensembles fügen sich in diese Spielweise bestens ein und wirken dabei gar nicht wie in ein Korsett gezwängt.

Für ein das adäquate Sujet ihrer Oper wurde Ronchetti bei Ermanno Cavazzoni fündig, dessen Roman ‚Die Versuchungen des Girolamo‘ von den Untergeschossen nächtlicher Bibliotheken handelt, und dessen Protagonist, der Hl.Hieronymus, für ‚Esame di mezzanotte‘ in die Hauptfigur Giro Lamenti umgewandelt wurde, der die Nacht vor seinem Abitur in Albträumen verbringt, da er vermeintlich den ganzen Prüfungsstoff des 20.Jahrhunderts vergessen hat. In der Bibliothek trifft er die boshaften Figuren des Direktors Rasorio und seine Assistenten Fischietto und Santorio, die ihn mit absurden Prüfungsfragen konfrontieren. Auch seine  Griechischlehrerin Albonea Bucato hat einen exzentrischen Auftritt. Er  erhofft sich dann aber von Iris, der jungen Bibliothekarin, Hilfe, das Buch des 20.Jahrh. zu finden, diese wird von den Assis aber in einen Schrank gesperrt. Später wird er in die unterirdischen Bibliotheksräume geführt, wo die Bücher durch Schimmel und Pilz vermodern, und sich erfolglose Schriftsteller oder solche, die vor Prüfungen weggelaufen sind, als Penner zurückgezogen haben. Kinderstimmen singen in den Büchern ihre traurigen Geschichten und bitten, gelesen zu werden. Im Saal der ‚Standortlosen‘ hofft Giro, Iris wieder zu treffen. Am Morgen verlässt er die Bibliothek und wird von den Assistenten Rosarios aufgefordert, das Gymnasium zu betreten, das sich in ein Flugzeug verwandelt mit Iris als Stewardess. Die Tür schließ sich geräuschlos.-

Dieser ganze Plot stellt natürlich gefundenes Fressen für Achim Freyer dar, der hier wieder als Gesamtkunstwerker seiner Phantasie freien Lauf lassen kann. Von Beginn an ist  die Bühne ein riesiges Tunnelrund, von Freyer auf durchsichtigem Gaze in den Konturen etwas nachgezeichnet. Ganz unten ist dabei der Orchestergraben mit einbezogen, darüber der Chor, auch hinter Gaze an Pulten ‚konzertant‘ schwach sichtbar, und darüber die Bibliothek, zuerst ergibt ganz oben noch die Einsicht in eine Großstadt-Straßenflucht.  Vor dem Orchestergraben tritt zuerst nur Giro Lamenti auf, wo er in kurzatmigen Stößen sein Befinden schildert. Alle Protagonisten sind von Freyer in bunte Märchen-Phantasiekostüme gekleidet. Er bekommt auch das unvermittelte An- und Abtauchen der Personen oder ihr Verschwinden in den Gazevorhängen, die wie üblich bei ihm mit überbordender Symbol-Ornamenten befrachtet sind, ganz „traumhaft“ zustande. Iris fliegt z.B . schon bei ihrem ersten Erscheinen vom Bühnenhimmel herab.

 Die permanent in vielfältiger Weise äußerst agilen Chöre wurden von Anton Tremmel, Francesco Damiani und Anke-Christine Kober/Kinderchor ansprechend präpariert. Für die Dramaturgie zeichnet Elena Garcia Fernandez verantwortlich. Albonea Bucato wird von dem Bass Philipp Alexander Mehr, der sich in diese Gesangsweise, in der er auch öfter ins Falsett wechseln muß, gut angeeignet hat. Es ergibt sich die Karikatur einer ‚maskulinen‘ Gymnasiallehrerin. Den Natale gibt Ziad Nehme wie einen Loge-Feuerkopf  mit sehr expressivem, aber nicht kantigem Tenor wieder. Reuben Willcox bringt seine interssante Bariton-Farbe für den Santoro ein. Etwas wie ein ‚Pfeifer‘ (nomen est omen) für Rasorio wirkt der Fischietti des Christoph Wittmann. Dabei setzt er auch einen tenoralen Fistel-Effekt sehr gekonnt ein. Direktor Rasorio kann mit einem autoritativen fast bleckendem Organ Ensemblemitglied Magnus Piontek zeichnen. Die Iris ist die einzige Frauenpartie (es kommt aber noch eine nicht präsente Emilia, Verflossene des Natale, vor). Mit ganz hohem fast falsettigem, dabei ganz wundervoll klingendem Sopran eignet sich Vera-Lotte Böcker die Wahnsinns-Traumrolle an. So obertonreiche Passagen hat man wirklich selten gehört. Matthew Shaw stellt als Countertenor den Giro Lamenti sehr versatil. Auch seine Stimme eignet sich bestens, die flüchtig vagierende von der Komponistin intendierte Gesangsart zu interpretieren.                                       

Friedeon Rosén                                                                                     

 

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