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FRANKFURT: AN UNSEREM FLUSS von Lior Navok, Uraufführung

07.06.2015 | Allgemein, Oper

Frankfurt: An unserem Fluß/ Lior Navok  (UA) 6.6.2015

v.l.n.r. Gurgen Baveyan ,Hans-Jürgen Schöpflin, Carlos Krause  © Monika Rittershaus
Copyright: Monika Rittershaus

 „An unserem Fluß“ ist ein Auftragswerk der Oper Frankfurt an den renommierten israelischen Komponisten Lior Novak, der für seine bisherigen verschiedensten Werke Preise und Auszeichnungen erhalten hat. Auf einen eigenen Text (deutsch von Kristian Lutze) schrieb er ein 90minütiges durchkomponiertes Stück über die Auseinandersetzungen von israelischen Siedlern und Palästinensern, das von der permanenten Angst vor gewaltsamen und kriegerischen Handlungen an einem Fluß, der auch als Wasserreservoir diente, inspiriert ist. Diese beklemmende Angst wird in der Komposition allerdings zu einer fast schönen sehr Anteil nehmend einfühlenden Musik sublimiert. Besonders Celesta, Harfe, Klavier und Vibraphon schaffen diese Atmosphäre der Verunsicherung und daraus resultierendem andauerndem Leben am Limit. Dabei sind es meist die langsamen langgezogenen Akkorde, die sich immer nur minimal verändern und einen dabei besonders in Bann ziehen. Nicht nur in den Zwischenspielen kommt es aber auch zu heftig dramatischen Ausbrüchen mit perkussiven Elementen, z.B. wenn der Olivenbaum gefällt wird, wenn die verfeindeten Menschen außer Kontrollle geraten oder ein Bauer erschossen wird. Ein weiterer Protagonist, Big Uncle, der  eigentlich zur Auflösung der Handlung nicht beiträgt, wird durch repetitive Patterns der Minimalmusik gezeichnet. Zum Schluß bleibt nur der ideologisch verbrämte dialogische Sprechgesang der beiden Anführer übrig, die Menschen hören ihnen aber nicht mehr zu, – übrig bleiben musikalisch apathisch hingewerfene Fetzen.

 Das wird im Bockenheimer Depot vom reduzierten Frankfurter Orchester unter dem Sebastian Zierer  sehr verinnerlicht und auch mit  expressiviver Wucht gespielt und damit die kompositorische  Qualität noch besonders unterstrichen.  S. Zierer zeigt mit klarer sicherer Zeichengebung, dass auch vertrackte Neue Musik gut beherrschbar ist, wenn sie mit einer guten Dosierung von innerer Spannung und gleichzeitiger Entspanntheit angegangen wird.

Corinna Tetzel legt dazu die passende Inszenierung vor. An dem ausgetrockneten Fluß in Gestalt einer ‚hohlen‘ Gasse‘ zwischen zwei langen Holzblöcken (Bb.: Stephanie Rauch) spielen Sipho/Palästinenser (Michael Porter, Opernstudio, mit sehr schönfarbig fast sanftem Tenor) und Lucia, Kateryna Kasper mit einem interessant schöntimbrierten Sopran-Pendant, erst einmal  wie Kinder. Corinna Tetzel versteht es, die dramatischen Situationen wie Wassermangel, Schwierigkeiten in der Ehe der israelischen Anführer, Fällen des Ölbaums plastisch sichtbar und plausibel einleuchtend zu gestalten. Auf beiden Seiten der nur durch weiße Holzpodeste gegliederten Bühne liegen kleine Pakete mit der Aufschrift Big Uncle, die sich als Geschenke des Patrons an die jeweilige Partei herausstellen, wobei diese sängerisch in Uncle 1 und 2 aufgespalten werden. Lucia und Sipho durchschauen bei deren Auftritt den Betrug und wollen zusammen fliehen. Die Kostüme sind aus der Gegenwart und sehr realistisch inspiriert von Judith Adam.

 Yves Saelens singt mit ausdrucksreichem Tenor den Schatz und Big Uncle 2. Big Uncle 1 und Bauer wurden von Gurgen Baveyan mit exqisitem dabei gut deklamiertem Bariton interpretiert. Carlos Krause, baritonales Urgestein der Oper Frankfurt,  übernahm Herrn Kavi. Right-Hand (tenoral Hans-Jürgen Schöpflin) ist ‚rechte Hand‘ vom (Imam)-Anführer Zachary Rutget, der stoische Glaubenssätze leiert, von Alfred Reite mit trockenem Baß gesungen. Chicken Heart gibt sehr leidenschaftlich der österreichische Tenor Alexander MayrStine Marie Fischer tritt als Flintenweib Sinya mit geschärftem Altmezzo hervor. Davide Damiani mit bestens dosiertem angenehm timbriertem Bariton und Elizabeth Reiter mit apart hoher manchmal etwas spitzig wirkender Stimme übernehmen das Anführer-Ehepaar Fred und Klara Bucksmann. Daniel Schmutzhard gibt mit hohem Bariton den Allendorf, Großvater der Lucia, der sich aber mit der Situation arrangiert hat.                             

Friedeon Rosén

 

 

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