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FRANKFURT/ AlteOper: „LISE DE LA SALLE – HR S.O. – ANDRÈS OROZCO-ESTRADA“

08.02.2019 | Konzert/Liederabende

Frankfurt / Alte Oper: „LISE DE LA SALLE – HR S.O. – ANDRÈS OROZCO-ESTRADA“  –  07.02.2019

 

Im Fokus zum Doppelkonzert-Abend des hr sinfonieorchesters in der Alten Oper stand die niederländische Pianistin Lise de la Salle und brachte das „Erste Klavier-Konzert“ von Johannes Brahms zur Aufführung.

Kaum ein anderes Werk des Komponisten hatte eine so lang andauernde und verwickelte Entstehungsgeschichte wie dieses 1. Klavierkonzert. Im Jahre 1854 zunächst als Sonate konzipiert gelangte es als Konzert endlich nach langen Überarbeitungen am 22. Januar 1859 in Hannover zur UA.

Von geradezu titanischen Ausmaßen ist der erste Satz, dies zeigt allein die mit 90 Takten ausgeweitete Orchester-Exposition zum wild auffahrenden Einleitungsthema mit seinen Intervallsprüngen und Trillerkaskaden. Brahms soll diese Art Trauermusik nach der Nachricht des Selbstmordversuchs seines Freundes Robert Schumann geschrieben haben. Nach den klagenden Gedanken der Violinen und Celli und der Überleitung der Holzbläser kommt es zum ersten Einsatz des Klaviers. Nach den gemilderten Seitenthemen des Orchesters führt das Soloinstrument im Maestoso ein versonnenes Selbstgespräch. Lise de la Salles Spiel war von ungemeiner Natürlichkeit, Poesie in sehr warme Klangfarben getaucht und geprägt von diskreter Brahms-Liebe. Unforciert, locker musizierte die junge Pianistin die Dynamik des Satzes ungemein breit aus und hielt dennoch Überraschungseffekte im großen Ausdrucksspiel-Raum parat.

Als Prototyp an Kompetenz erwies sich wiederum Andrés Orozco-Estrada mit seinem hervorragend disponierten hr-sinfonieorchester. Sein Beginn glich einem Nachdenken über die Musik, ein Eintauchen in deren Strukturen, man spürte den gewissen Pathos welchen diese Komposition inne hat und von dem einfühlsamen Dirigenten in disziplinierten Spannungsbögen  umgesetzt wurde. Das nenne ich Klangkultur auf Spitzenniveau!

Allzu natürlich, dass sich die Solistin auf so wunderbare Weise in musikalische Watte gepackt wohl fühlte. Mit feinem Gespür für lyrisch-melancholische Zwischentöne zeichnete de la Salle das Adagio, erhob es zur warmherzigen tönenden Meditation, sicher getragen von der weiträumigen Dynamik des fabelhaften Orchesters.

Mit intelligentem Charme, empfindungsreich geprägt von pianistischer Brillanz durchdrang de la Salle die strukturellen Winkel des finalen Rondo sonor und souverän. Immer wieder gelangen der Pianistin berückende wie gleichsam spektakuläre Momente virtuoser technischer Dynamik. Großartig wurden die komponierten Verbindungen und Verknüpfungen der Musik bewundernswert  zwischen Klavier und dem orchestralen Klangrausch trefflich dargelegt.

Bravos und prasselnden Applaus bedankte die sympathische Künstlerin mit der elegisch interpretierten von Wilhelm Kempff bearbeiteten „Siciliana“ (Bach).

Nach der Pause schlug man jedoch ganz andere Töne an: zur Werkseinführung einer charmanten Dame präsentierte das hr-sinfonieorchester vom Vocalconsort Berlin unterstützt das expressive Werk „Der wunderbare Mandarin“ (Bela Bartok). Das Pantomimen-Szenario nach der UA 1926 in Köln von Konrad Adenauer regelrecht verteufelt, einer triebhaft kühl berechnenden Musik voll konstruktiver Besessenheit und barbarischer Charakteristik.

Andrés Orozco-Estrade schildert mit dem in unvergleichlicher Präzision aufspielenden hessischen Klangkörper die Spannweite zwischen hemmungsloser Wildheit und innig aufblühenden, meditativen Lyrismen. Wunderbar intoniert fügten sich die Chorpassagen in die finalen Rhythmen.

Den Schlusspunkt bildeten wiederum versöhnliche Klänge „Schicksalslied“ (Johannes Brahms) aus dem Epos „Hyperion“ von Friedrich Hölderlin, es schildert die konträren Leiden der Menschen zur sphärischen Götterwelt. Die gedämpft melancholische Komposition begann mit Orozco-Estrada mit seinem herrlich musizierenden Orchester in romantischem Mischideal und verhalf so dem heroischen Allegro zu facettenreicher Phrasierung. Leise schier apathisch beschwor das Vocalconsort Berlin  die Atmosphären der griechischen Mythologie um sodann im Adagio wie in Verklärung zu verhauchen. In traumhaft instrumentaler Untermalung unterstrich der Dirigent die Emphase und Eleganz der präsentablen Chor-Elemente.

Das Publikum dankte mit großer Begeisterung.

Gerhard Hoffmann

 

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