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FRANKFURT / Alte Oper: „NIKOLAJ SZEPS-ZNAIDER-WIENER SYMPHONIKER-PHILIPPE JORDAN“

28.11.2018 | Konzert/Liederabende

FRANKFURT / Alte Oper: „NIKOLAJ SZEPS-ZNAIDER-WIENER SYMPHONIKER-PHILIPPE JORDAN“ – 27.11.2018

 

Pro Arte hatte in den Großen Saal der Alten Oper geladen und servierte quasi auf einem Silbertablett den Geiger Nikolaj Szeps-Znaider sowie die Wiener Symphoniker unter der Leitung von Philippe Jordan zum elitären Konzertabend.

Feruccio Busoni stellte sich seinen Kollegen Johannes Brahms im Himmel vor und zwar in der deutschen Abteilung, behaglich eingerichtet mit weichen Kissen, einigen Hörnern an den Wänden, gebrochene Dreiklänge dazu eine reizende Sammlung von Synkopen. Busonis ironische Apercu kam natürlich mit Bewunderung daher, er schrieb sogar eine eigenwillige Kadenz für das „Violinkonzert“ des verehrten Hamburger Meisters. Gewidmet hatte Brahms jenen meist gespielten Violinpart, nach dessen fruchtbarer Zusammenarbeit Josef Joachim. Nach der UA 1879 im Gewandhaus Leipzig schrieb die Kritik: „Ein Konzert gegen die Geige“ – dieser Fauxpas-Rezension kann man in gegenwärtiger Zeit nur widersprechen, erfuhr dem Werk heute eine exzellente geradezu exemplarische Wiedergabe.

In höchst anspruchsvoller Konzentration und famoser Interpretation stellte sich Nikolaj Szeps-Znaider den Anforderungen des besagten „D-Dur Violinkonzerts“. Die eigenwillig ungemein präzise Version des russischen Geigers hatte ein besonders überlegenes, musikalisch imponierendes Format, feinsinnig, tonal hervorragend spielte Szeps-Znaider die vertrackten Passagen und setzte individuelle Akzente. Auf sehr hohem Niveau in umwerfender Technik, beseelter Musikalität überzeugte der Solist auf jeder Linie, demonstrierte unweigerlich seinen hohen Stellenwert in der Riege der Violinisten.

Schwer schreitende Tempi, brodelnder Orchesterklang zeigten wie transparent und sinfonisch diese Partitur konstruiert wurde, die Solovioline schier verdeckt, ihr das Leben schwer zu machen scheint. Vortrefflich gestaltete Philippe Jordan mit den Wiener Symphonikern die begleitenden orchestralen Funktionen und schien behutsam den Solisten in die weiten Bögen der instrumentalen Horizonte zu geleiten.

Pastell-herbstliche Farben in warmen Holztönen entströmten Szeps-Znaiders kostbaren Instrument einer Guaneri „del Gesú“ aus dem Jahre 1741 welche bereits Fritz Kreisler spielte, im Dialog der wunderbaren Detailabstimmungen sowie der zauberhaft-differenzierten energiegeladenen Kadenz. In jugendlichem Ungestüm verband der Solist Fülle des Wohllauts mit Verwandlungen der Extreme und Tempi auf ganz besonders virtuose Weise. Bravo!

Das Auditorium war hingerissen, applaudierte sehr herzlich, schrie und pfiff, erhielt zum Dank von dem charmanten Sympathieträger und Orchester als Zugabe eine hinreißend elegisch-transparent intonierte „Choral-Bearbeitung“ Ich rufe zu dir von Johann Sebastian Bach.

Nach der Pause erklang die „Neunte Symphonie – Aus der Neuen Welt“ von Antonin Dvorak in phantastischer Interpretation und ich wähne die Symphoniker spielten heute nicht die 2. Wiener Geige sondern die „Erste“!

Mit dieser Symphonie schuf der Komponist während seines dreijährigen Amerika Aufenthalts seine wohl populärste Komposition, einem Opus der Verschmelzungen herrlicher Motive und Elemente aus der Neuen Welt und seiner böhmischen Heimat. Weich eröffnete der Chefdirigent Philippe Jordan mit seinen Wiener Symphonikern das einleitende Adagio – Allegro molto, breitete genüsslich das vielfältige motivische Thema aus welches in den Celli leise aufbrach und sodann zur Flöte wanderte. Wunderbar setzte es sich fortissimo im Chor der Streicher fort, von Pauke und Bläsern übernommen. Auf vortreffliche Weise verstand es Jordan den weiteren Aufbau der Themen in ihrer artifiziellen Verkettung der Strukturen bestens auszurichten und zu präsentieren.

In herrlichen Blechbläser-Akkorden erhob sich das Largo zur feierlichen Einleitung, das Englischhorn stimmte seine melancholische Weise an, welche die Holzbläser in echohaftem Nachklang wiedergaben. Zur wunderbaren Intonation der Klarinetten, Oboe, Flöte und Violinen verstärkt erhob sich die altbekannte Melodie in leidenschaftlicher Steigerung.

Blutvoll, lebendig spielten die Wiener die herrlichen Verschmelzungen tschechischer Weisen mit denen der „Neuen Welt“ im kurzen Scherzo. Erregte Streicher fein gesponnen, Bläser in höchster Akkuratesse gipfelten sich in präzisen Akkorden und in der brillanten Gesamt-Formation des Orchesters im finalen Allegro con fuoco und offenbarten dem Hörer eine Spielkultur der Sonderklasse. Böhmisch-rhythmisch unwiderstehliche Dynamik verband sich nochmals in thematischen Gedanken der fremden Welt im sieghaften Jubeltons des vortrefflich musizierenden Instrumentariums.

Das Publikum war außer Rand und Band und wurde von den Wiener Gästen großzügig mit der feingestimmten „Pizzicato-Polka“ (Johann Strauß) und als der Jubel nicht enden wollte noch mit dem „Ungarischen Tanz Nr. 5“ (Brahms) belohnt.

Gerhard Hoffmann

 

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