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FRANKFURT/ Alte Oper: LONDON PHILHARMONIC ORCHESTRA – VLADIMIR JUROWSKI; BEATRICE RANA (Klavier)

16.12.2019 | Konzert/Liederabende


Vladimir Jurowski, Beatrice Rana. Foto: Wonge Bergmann

 

Frankfurt / Alte Oper: „BEATRICE RANA –   LONDON PHILHARMONIC ORCHESTRA  –  VLADIMIR JUROWSKI”  –  15.12.2019

In kurzer Folge gaben sich Londoner Orchester in der Alten Oper die Ehre, heute gastierte das London Philharmonic Orchestra unter der Stabführung von Vladimir Jurowski.

Als Gastsolistin war Beatrice Rana mit von der Partie und brillierte mit dem „Klavierkonzert Nr. 3“ von Sergej Prokofjew.

Unter den Klavierwerken des russischen Avantgarde-Komponisten erfreut sich das dritte C-Dur Konzert unentwegter Beliebtheit, stammt es doch aus Zeiten der Übernahme „romantischer Konzerte“ präsentierte sich jedoch nun in tonaler Grundlage des 20. Jahrhunderts. Die italienische Pianistin Beatrice Rana verstand es prächtig die Bestandteile des Impressionismus wie auch die der Neuen Musik zu offerieren. Zarte Holzbläser  eröffneten das Andante, Violinen und Blechfraktionen formierten sich zur weiteren orchestralen Vielfalt, glitzernde Klavierkaskaden, hämmernde Akkordschläge überboten die lyrische Episode dieses Satzes  variierend in wunderbarem Interaktion.

Beherzt im Anschlag, virtuos, brillant entwickelte Rana variabel das Marschthema des Andantino mit seinen fünf Variationen, veränderte harmonisch die Farbklänge zum orchestralen Wechselspiel vortrefflich. Kompakt während der Ostinato-Rhythmen, machtvoll und knackig profilierte sich das Blech sowie herrlich intonierend bildeten die Streicher kontrastreich Paroli im Spiel des in atemberaubender Rasanz hervorragend aufspielenden London Philharmonic Orchestra unter der sachkundigen Leitung von Vladimir Jurowski.

Herrlich aufgefächert, spritzig, temperamentvoll erklang das finale Allegro dessen seltsam verdrehte Mazurka-Thematik Anlass bot für allerlei pianistische wie orchestrale Kunststücke. Technisch vortrefflich ausbalanciert, überlegen leicht in schwerelosem Anschlag meisterte Beatrice Rana mit Noblesse, unter steter Wahrung des substanzreichen Tones die finalen Sequenzen und zündete knapp zwei Wochen vor Silvester ihr persönliches instrumentales Brillant-Feuerwerk. Zwischen schwärmendem Streicher-Melos fand das Konzert seinen harten Ausklang. Als wäre es das Selbstverständlichste der Welt musizierte die bescheiden wirkende Künstlerin souverän, präzise, punktuell und erfreulich abseits jeglicher Tasten-Theatralik.

Prasselnder Applaus und Bravos für die Künstler. Mit einer herrlich intonierten Bach-Zugabe bedankte sich Rana für die herzliche Zustimmung.

Nach der Pause stand die „Symphonie Nr. 11“ von Dmitri Schostakowitsch auf dem Programm. Das außerordentlich weiträumig angelegte Werk erhielt den Untertitel „1905“, bezieht sich auf den niedergeschlagenen Aufstand gegen Zar Nikolaus II. und wurde im Jahre 1957 uraufgeführt. Entstanden unter großem Einfluss von der damaligen Sowjetunion klingt das Werk entsprechend nach offiziell eingefordertem sozialistischem Realismus-Klang. Doch diese Gefahr umging Vladimir Jurowski mit der absoluten Identifikation der Partitur ohne Kompromisse und vermittelte entgegen den breiten Pinselstrichen des Komponisten eine spannende Tonsprache.

Die vier ohne Pausen miteinander verbundenen Sätze tragen entsprechende Übertitel. In schroffem Wechsel formte der Dirigent monotone und melancholische Rhythmik zum ersten Teil Platz vor dem Palast, Harfenschläge, wie von fern abgetönte Trompetenklänge, leichte Trommelwirbel reflektierten noch den Frieden, die unterschwellige Bedrohung wurde permanent greifbarer bei den Paukenschlägen. Schneidend schier brutal erhob sich der grandios musizierende Klangkörper zur Massaker-Szene im zweiten Titel 9. Januar. In einer Art Largo in akzentuiert transparentem Klangbild mit leise pulsierenden Harfen zog das Ewige Gedenken vorüber. Interessant fand ich die instrumentale Anordnung der hellen Streicher, dahinter in zweiter Reihe die Celli und Bässe.  Auftrumpfend als ginge es um Leben oder Tod, tut es ja wirklich im niedergeschlagenen Aufstand, enthält diese Musik auch symbolisch jene Menschenwürde welche im Zarenregime thematisiert erschien und vermittelte so im Finalsatz Sturmgeläut  die Vorgänge trefflich. Das Instrumentarium schien zu bersten im monumentalen Klangrausch in seinen dunkel-schwermütigen Formteilen, dazwischen wiederum das kurze versöhnliche Intermezzo der Harfen, dem untermalenden Streicherklang zum Solo des Englischhorns, dennoch wurde dieser Finalsatz von strahlendem Hymnus des Sieges über das Böse gekrönt. Man wähnte sich regelrecht erschlagen bar dieser großartigen Interpretation.

Das Publikum hielt zuweilen den Atem an, eine unglaubliche (vorbildliche) Stille herrschte im Saal und in Bravochören und langem Beifall entlud sich die Begeisterung.

Gerhard Hoffmann

 

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