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FRANKFURT/ Alte Oper: LES SIÈCLES (Ravel, Strawinsky, Mussorgsky). Roth; Frang

24.11.2019 | Konzert/Liederabende

Alter Oper Frankfurt (Besuchtes Konzert am 23. November 2019)

Les Siècles

François-Xavier Roth Leitung
Vilde Frang Violine

Maurice Ravel: Une Barque sur l’océan aus: Miroirs (Fassung für großes Orchester): Rapsodie Espagnole

Igor Strawinsky: Violinkonzert D-Dur

Modest Mussorgsky: Bilder einer Ausstellung (Fassung für Orchester von Ravel)

Im Jahr 2003 gründete Dirigent François-Xavier Roth das Orchester Les Siècles mit dem Ziel, die musikalische Bandbreite der verschiedenen Musikepochen auf z. T. Instrumenten des jeweiligen Jahrhunderts zu interpretieren und dazu die entsprechenden Vortragsanweisungen zu respektieren.

Am Beginn des Konzertes in der Alten Oper standen zunächst zwei Kompositionen von Maurice Ravel. Roth spielt derzeit das Gesamtwerk des Franzosen mit seinem Orchester auf CD ein und ist somit bestens mit dessen Oevre vertraut.

1905 komponierte Ravel seinen Klavierzyklus „Miroirs“ (Spiegelbilder), der ein Jahr später uraufgeführt wurde. Später entstanden dann Orchesterfassungen, so dass aus diesem Zyklus vor allem „Alborada del gracioso“ und „Une barque sur l‘ocean“ (eine Barke auf dem Ozean) immer wieder einmal im Konzertsaal zu erleben sind. Die letztere Komposition ist ein formidables impressionistisches Werk, welches den Zuhörer tief in eine maritime Klangwelt eintauchen lässt. Streicherarpeggien und Holzbläser eröffnen filgran und doch volltönend diese reizvolle Komposition. Dazu spannende Färbungen in den wuchtigen Akkorden der Blechbläser.

François-Xavier Roth zog gleich zu Beginn mit seinem wunderbaren Orchester alle dynamischen Register und umflutete die Zuhörer mit überwältigenden Klangwellen. Dabei wahrte der sehr gut auf einander reagierende Klangkörper eine außerordentliche Transparenz. Die häufig gefordeten Soli in den Holzbläsern wurden einfühlsam realisiert. Ungewöhnlich der schlanke Klang der Blechbläser, die auf historischen Posaunen spielten. Anstelle der Tuba war ein Ophikleide zu hören, der Vorläufer der heutigen Ventiltuba. Dieses Instrument ist äußerlich einem Fagott nicht unähnlich und wurde zu Beginn des 19. Jahrhunderts erfunden.

Sehr viel bekannter wurde Ravels späteres Klavierstück „Rapsodie Espagnole“; das 1908 in der Orchesterfassung erschien. Spanische Tanzrhythmen und programmatische Angaben werden in dieser Komposition bildhaft miteinander verwoben. Musikalischer Subtext und hohe Sensualität ergeben in dieser Komposition einen besonderen Reiz.

Roth begann sehr geheimnisvoll mit seinen geradezu sprechenden, aufblühenden Streichern die Nacht zu beschwören. Unfassbar, wie leise der ostinate Beginn der wiederkehrenden vier Töne aus dem Nichts entstand. Pure Klangmagie! Blitzsaubere Bläsereinwürfe und maximale Transparenz gaben seiner Interpretation eine extreme Klarheit. Im Kontrast dazu schärfte er die Tanzrhythmen, etwa im kompakt tönenden Fandango. Mit großer Sensibilität agierte das Schlagzeug und gab dieser vielschichtigen Komposition viel Farbigkeit. Ein herrliches Zusammenspiel zwischen Dirigent und seinem Orchester.

Solistin des Abends war die international sehr erfolgreiche Geigerin Vilde Frang, die bereits mit 12 Jahren von Mariss Jansons eingeladen wurde, mit ihm zu konzertieren. Es war Anne-Sophie Mutter, die Frang als Mentorin deutlich förderte.

Frang spielte an diesem Abend das äußerst diffizile Violinkonzert, welches Igor Stravinsky im Jahr 1931 komponierte. Ein viersätziges Werk, horrend schwer in den Ansprüchen. Die einleitende Toccatta lässt in ihrer Farbgebung, insbesondere in den Bläserakkorden an Stravinsky‘s „Petruschka“-Ballett denken. Frang begann mit viel Energie und deutlichen Akzenten. Die vielen Wechsel in den Lagen meisterte sie mit Bravour. In den beiden Mittelsätzen gab sie ihrem Spiel mehr Raum für Kantabilität, gerade und vor allem auch in der hohen Lage ihres Instrumentes. Einen wunderbaren Ruhepunkt setzte sie dann im deutlich weiter ausschwingenden dritten Satz. Mit den innig intonierenden Holzbläsern ergab sich hier ein anrührender Dialog. Grotesk und bizarr mit seinen Marschrhythmen dann der von ihr mit großer Verve vorgetragene vierte Satz. Das viel geforderte Orchester wurde von François-Xavier Roth sehr aufmerksam geleitet und überzeugte auch hier mit großer Finesse in den Soli und den Tuttistellen.

Viel Begeisterung für dieses ungewöhnliche Werk in ausgezeichnerte Realisierung. Ungemein berührend dann die persönliche Zugabe von Vilde Frang: Joseph Haydn schrieb 1796/97 ein Lied für den Kaiser Franz II., welches dann Verwendung im sog. „Kaiser-Quartett“ fand und viel später dann zur Melodie der deutschen Nationalhymne bearbeitet wurde. Mit inniger Empfindung sang Frang auf ihrer Geige. Das Publikum dankte ihr mit einer stehenden Ovation.

Am Ende dann nochmals Maurice Ravel als genialer Instrumentator der „Bilder einer Ausstellung“ von Modest Mussorgskij. 1874 komponierte Mussorgsky dieses Werk für Klavier. Angeregt wurde er durch eine Ausstellung seines 1873 gestorbenen Freundes, dem Maler Viktor Hartmann.

Natürlich nutzen die fabelhaften Musiker des Les Siècles Orchesters die Gunst des Augenblicks, in diesem herrlichen Werk nochmals ihr großartiges Können zu demonstrieren. Dirigent Roth betonte die Kontraste und Konturen. Wie grotesk hüpfte der „Gnomus“ oder wuchtig crescendierend wackelte dann der „Bydlo“ mit ruppigem Streicherklang und kräftigen Akzenten bildhaft am Zuhörer vorbei.

Sarkastisch und schmerzlich zugleich die Solo-Trompete in „Samuel Goldenberg und Schmuyle“. Großes Getöse mit herrlich virtuosen Bläsern beim „Jahrmarkt von Limoges“.Ein wahrer Hexentanz mit knalliger Pauke dann in der „Hütte der Baba Yaga“. Bombastisch dann das Finale: hier zeigte Roth eine überlegende dynamische Dramaturgie im Aufbau, um mit intensiven Glockenklang diesen schönen Konzertabend begeisternd abzuschließen.

Les siècles zeigte an allen Pulten eine außerordentlich hohe Spielqualität. Dieses Orchester bestach an dem Konzertabend durch einen betont intensiven Dialog. Immer wieder zeigten die Mitglieder ihre hohe Spielkunt als individuelle solistische Persönlichkeiten, um sich dann wieder gemeinsam in höchster Homogenität zu einen.

Zurecht große Begeisterung im Publikum. In einer kurzen Ansprache dankte Roth persönlich dem Publikum und meinte, dass sein Orcheser und er den ganzen Abend Ravel spielen könnte. Und so gab es eine überaus großzügige Zugabe: La Valse! Perfektes Zusammenspiel und viel interpretatorischer Subtext führten diesen letzten Tanz in einer hörbar apokalyptisches Ende. Was für ein hinreißender Schluß!

Viel Jubel!

Dirk Schauß, 25.11.2019

 

 

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