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FRANKFURT/ Alte Oper: JOHANNES-PASSION von J.S.Bach

10.04.2019 | Konzert/Liederabende

Frankfurt / AOF: „BACH: JOHANNES-PASSION“ – 09.04.2019

Eingebunden in die Passionszeit und wenige Tage vor Ostern erlebte die „Johannes-Passion“ (Johann Sebastian Bach) wie bereits im vergangenen Jahr eine interessante Aufführung. Am Pult des Orchestra of the Age of Enlightenment waltete Sir Simon Rattle und verhalf dem Werk welches vor 295 Jahren fast auf den Tag, am Karfreitag des Jahres 1724 seine denkwürdige UA erlebte, auch heute zu nachhaltiger Wiedergabe.

Es war Bach´s erstes großes kirchenmusikalisches Werk, doch es hatte nicht mehr die Formation des damals gewohnten Responsoriums, sondern mehr oder weniger die aktuelle Fasson der oratorischen Passion zur Karfreitags-Liturgik. Zwei Gesichtspunkte hoben den Stil vom vorher Üblichen ab, nämlich Modernität und Liturgie-Nähe. Wenn ich so bedenke wie modern und zeitgemäß manche Chorpassagen in unseren Ohren anmuten, wie provokant müssen sie die damaligen Hörer wahrgenommen haben? Heute erklang das Partitur-Fragment der Edition welches Arthur Mendel 1973 vorgelegt hatte.

Wie denn auch sei, gleich zu Beginn offerierte der rhythmische Choral Herr, unser Herrscher zeitlose Hörgewohnheiten zur ambivalenten Präsentation des vorzüglichen Choir of the Age of Enlightenment auch während der Folge-Choralsätze auf höchstem Vokal-Niveau. Herrlich intonierte die exquisite Sänger-Gemeinschaft natürlich phrasierend, pulsierend, wohlklingend, klar ihre Parts und selbst Kreuzige erklang elegant in symphonischer Formation.

Nicht Affektation schien dominierender Maßstab, sondern mehr der direkte emotionale Zugang ins Gemüt der Zuhörer war richtungsweisend. Das musikalische Geschehen litt weniger unter der Last des Leidens. Sir Simon Rattle beleuchtete mit dem exzellent musizierenden Orchestra of the Age of Enlightenment mehr die lichtvollen Aspekte der Erlösung, prägte jedoch zuweilen punktuell das Klangbild in mitreißendem Elan, ebenso zu eleganter Transparenz. Federnd leicht in perfekter Orchestrierung ergab sich so eine deutlich intensive Vokal-Begleitung von höchstem Rang. Lediglich lange (sinnvolle?) Generalpausen störten den absoluten Genuss.

In derart liebevoller Instrumental-Einbettung konnten sich die Sanges-Solisten vortrefflich entfalten. Allen voran sah sich Mark Padmore uneingeschränkt im Dienst tenoraler Ästhetik und versah die Botschaften und Rezitative des Evangelisten mit wohlklingender Stimme. Nur minimal verfärbte sich das Timbre, sein Sprechgesang schien ins Legato eingebunden, selbst hohe unbetonte Noten wurde bis ins feinste Piano sehr schön ausgesungen. Angesichts der regielich auferlegten zusätzlichen Aktionen eine bravouröse Glanzleistung.

Körperhaften Klang zu baritonalem Wohllaut sehr schön ausgesungen präsentierte Roderick Williams den Jesus-Part in nachhaltiger Formation. Ausgewogen deklamiert, schön timbriert absolvierte Georg Nigl in sensibler Artikulation und melodischer introvertierter Dramatik den Pilatus und den Bariton-Part. Lyrische Ausdrucksfähigkeit in allen Lagen ausgeglichen, die melodischen Linien fein zeichnend verstand es Andrew Staples den Tenor-Arien Glanz zu verleihen.

Schlank, schwebend, farblich dezent kontrastiert sang Camilla Tilling ihre beiden Sopran-Arien sphärisch zu Himmel strebend. Pastose Dramatik mischte Christine Rice ihrer ersten Arie Von den Stricken meiner Sünden bei, in weichen Farben erstrahlte das schöne Timbre des Mezzosoprans bewegend von Trauer umflort zu Es ist vollbracht.

Ohne Noten sangen die Solisten sowie der Chor zur unsinnigen, nicht lautlosen und störenden  Boden-Akrobatik, teils barfuß in legerer Kleidung. Peter Sellars war für die völlig überflüssigen Actions verantwortlich. Hat Bachs Musik eine derartige „Versündigung“ nötig?  NEIN!

Mit Bravochören und langanhaltendem Applaus dankte das  begeisterte Publikums für die exzellente Wiedergabe.

Gerhard Hoffmann

 

 

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