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FRANKFURT/ Alte Oper: HR-SINFONIEORCHESTER“ – Andrés Orozco-Estrada / Lisa Batiashvili + Francois Leleux

13.01.2017 | Konzert/Liederabende

Frankfurt: „HR-SINFONIEORCHESTER“ – AOF 12.01.2017

Drei namhafte Solisten sowie einen Komponisten präsentierte das erste Abo-Konzert das hr-sinfonieorchester unter der Leitung seines Chefdirigenten Andrés Orozco-Estrada zum Jahresauftakt 2017 in der Alten Oper. Das Künstler-Ehepaar Lisa Batiashvili + Francois Leleux fand sich mit dem Solisten und Komponisten Thierry Escaich zum Trio.

Eröffnet wurde der interessante Konzertabend mit dem „Konzert für Oboe und Streicher“ von Johann Sebastian Bach, einer sinnvollen Entscheidung, denn die Musik Bachs ist die Basis zeitlos resistent gegenüber Moden, im besten Sinne unverwüstlich. Bach aufzuführen bedeutet Konzentration auf das Wesentliche, die Befreiung von Ballast, der Neuorientierung des musikalischen Kompasses.

Nun gewann man den Eindruck Francois Leleux vertrat eine stringente Bach-Auffassung. Es beeindruckte sehr wie er die straffen Tempi präzise und klar artikuliert, sein Ton wirkte schlank und transparent, Vibrato brachte er sparsam zum Einsatz. Vortrefflich wie selbstverständlich gesellte sich die Oboe von Francois Leleux in brillanter Tongebung und polyphoner Ornamentik im herrlich musizierten orchestralen Zusammenspiel.  Dazu gesellte ich ein Intermezzo von Seltenheitswert: nach dem einwandfrei interpretierten Allegro zeigte sich der Künstler mit seinem Instrument „unzufrieden“ – entschwand flugs, brachte ein neues Exemplar und spielte sodann göttlich eines der schönsten Adagio aus der Feder Bachs und ließ ein exzellent musiziertes Presto folgen. Ach ja, die Künstler und ihre Meriten – zum Glück hatte er kein Klavier im Gepäck!

Fein gesponnen, duftig im Klang, bestens akzentuiert integrierte  Andrés Orozco-Estrada das bis auf die Streicherfraktionen reduzierte Orchester.

Thierry Escaich ist seit 1997 Titulärorganist der Kirche St. Ètienne-du-Mont Paris, neben diesem Amt verfolgt er eine internationale Karriere als Komponist und Konzertorganist. In dieser Funktion war er nun heute als Interpret von „Orgel-Variationen“  über Themen von Bach und Brahms (???) zu hören. Nun beim besten Willen konnte ich keine Bezüge zu den Komponisten erkennen, doch entschädigte der Solist mit exzellentem Orgelfeuerwerk, ließ die Bässe krachen und die Pfeifen tanzen.

Wie bereits zur UA 2014 interpretierten nun Lisa Batishvili sowie ihr Ehemann Francois Leleux  in Folge das „Doppelkonzert für Violine und Oboe“ von Thierry Escaich. Keck und vorwitzig übernahm die Oboe (wohl in eitlem Selbstbewusstsein, wurde sie vor wenigen Tagen vom Landesmusikrat Schleswig-Holstein zum „Instrument des Jahres 2017“ gekürt!) die vertrackten solistischen Einlagen, in welchen allerdings im Verlauf auch die Violine eine gewichtige Rolle spielte. Die Komposition erweckte in mir zwiespältige Gefühle, zum einen wirkte sie schwungvoll, taktil voller dynamischer Akkorde, hörbar bestückt mit kompositorischen Anleihen des 21. Jahrhunderts und zum anderen stellenweise recht gewöhnungsbedürftig. Die merkliche Unruhe im Saal widerspiegelte meine Empfindungen.

Die technischen Herausforderungen der Solisten sowie ihre hervorragendes Spiel wohl honorierend zeigte sich das Publikum dennoch begeistert  und wurde vom strahlenden Künstler-Duo ironisch-sinnigerweise (?) mit der herrlichen Mozart-Variation „Der Hölle Rache, kocht in meinem Herzen“ bedankt.

Im Geiste der Romantik erklang zum Abschluss des interessanten Konzertabends die „Vierte Symphonie“ von Johannes Brahms. Diese letzte Symphonie des bedeutenden Komponisten unterscheidet sich im Merkmal von ihren drei Vorgängerinnen durch die Diktion vergangener Jahrhunderte. Uralte Sakraltonarten leben in ihrer Melodik wieder auf: mittelalterliche Kolorits, barocke Formen etc.

Ohne Einleitung begann das Allegro non assai, dem Hauptthema des ersten Satzes und offenbarte bereits die klare durchsichtige Instrumentationskunst des genialen Tonsetzers. Kanonartig, echohaft im Frage- und Antwortspiel malten die akkuraten Holzbläser mit den bestens disponierten Hörnern melodische Harmonien, die Bässe und tiefen Streicher gesellten sich in fundamentaler und rhythmischer Auflockerung hinzu. Andrés Orozco-Estradas Brahms-Interpretation erstrahlt in herbstlichen Farben, in sämigem Streicherklang und dunkelgetöntem Bläsertimbre, aber auch in atemberaubend-eleganter Rasanz.

Wie eine Ballade erklang das Andante moderato, wenn das Horn das von altertümlichen Harmonien getragene Thema einleitet, ein melancholisches Bardenlied. Die Celli spinnen es betörend fort, die Violinen begleiten mit geheimnisvollen Figurinen, packend lässt der einfühlsame Dirigent die Melodik anschwellen und verhallen, wie im Nebel der Zeit.

Herrlich erklang das Presto giocoso einem Scherzo, wie Brahms keines zuvor und wieder schrieb, eine Seite seines Wesens enthüllend, welche sonst nirgends in seinen Werken offenbar wurde. Wilder Humor, sprunghafte Verläufe voll leidenschaftlichen Spannungen von den präzisen hellen Bläsern in grellen Farben gemalt. Das Orchester jubelt, schreit, stöhnt, es flüstert, wurde träumerisch versonnen und schäumte in jagendem Presto wild auf. In höchster Präzision führte Orozco-Estrade sein vortrefflich musizierendes hr-sinfonieorchester schwungvoll-spannend durch die Partitur.

Zur Barockform der Chaconne welche im Sonatensatz des Allegro energico eingeschmolzen ist, krönt Brahms dieses Finale seines symphonischen Schaffens. In handwerklichem Können verbanden sich Dirigent und Orchester zu genialer Tonalität der Variationen dieses prächtigen Schlusssatzes. Aus der Abgeklärtheit, aus dem Ernst, aus dem düster leidenschaftlichen Pathos einiger Partien, vernehmen wir die Stimme eines Menschen, berührt unser Herz die Mahnung, dass alles auf Erden vergänglich ist. Dynamisch bewegt, voll thematischer Kraft ließ das Instrumentarium dieses Werk in klassischer Gestaltungsform ausklingen.

Mit tosendem Applaus und vielen Bravos bedankte sich das begeisterte Publikum.

Gerhard Hoffmann

 

 

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