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FRANKFURT/ Alte Oper: „DIANA DAMRAU-MÜNCHNER  PHILHARMONIKER-VALERY GERGIEV“

Konzert-Schmankerl in der Alten Oper

06.02.2020 | Konzert/Liederabende

Frankfurt / Alte Oper: „DIANA DAMRAU-MÜNCHNER  PHILHARMONIKER-VALERY GERGIEV“

  Konzert-Schmankerl in der Alten Oper 05.02.2020


Valery Gergiev, Diana Damrau. Foto: Wonge Bergmann

Drei Musik-Metropolen Frankfurt-Paris-Baden-Baden waren die Stationen der Mini-Tournee der Münchner Philharmoniker unter der Stabführung von Valery Gergiev  zu deren Auftakt sie die Alte Oper besuchten. Diana Damrau war die elitäre Solistin.

Vor gut drei Jahren gab sich die großartige Sopranistin in der AOF letztmals die Ehre und hatte nun heute erneut die „Vier letzten Lieder“ von Richard Strauss auf dem Programm.

In schwebenden Sphären der Unendlichkeit jenseits dieser Welt entrückt, Silentiums-Atmosphären, Seelenruhe, Zärtlichkeit vereint in Todesbereitschaft wären die Worte welche man diesen inspirierten Gesängen zugrunde legen könnte? Diese von Richard Strauss in unvergleichlicher Meisterschaft vertonte kolorierte Alterslyrik verzichtete auf schwerfällige Ornamentik, kehrte der legendäre Tonschöpfer der Instrumentationen zur Schlichtheit der melodischen Linie zurück. Die menschliche Stimme wurde in die Melos-Süße des Klangbildes integriert. Ein klassizistisch-mediterraner Hauch schien über dem Finale des altermüden Richard Strauss zu liegen.

Ich sehe es als Privileg wiederum Diana Damrau, einer der kostbarsten Sopranstimmen unserer Zeit begegnen zu dürfen. Das erste Lied der drei Hermann Hesse-Gedichte Frühling erfuhr durch Damrau´s helle lichte Tongebung, wunderbare Intonation eine ungemein klangliche Dichte und Homogenität. Jegliche Larmoyanz vermeidend, sich den feinen Nuancen der Tonsprache bewusst, schenkte die fabelhafte Sängerin durch die schlanke Führung ihres jugendlichen Timbres September die besonders eindringliche Aussage.

Entwicklungen aufzubauen, in Legato kunstvoll Töne zu changieren, Harmonien raffiniert in genussvolle Euphorie zu binden, gleichsam silberne Färbungen des Organs mit dunklerem Klang zu kombinieren, prägten das traumverlorene Beim Schlafengehen.

Den Eichendorff-Text Im Abendrot interpretierte die an Persönlichkeit noch mehr gereifte Künstlerin auf besonders subtil-ausdrucksvolle Weise. Innerlich bewegt voll Emphase, auf  unendlich schwebendem Atem gesungen, erfüllt von immenser musikalischer Gestaltung, vernahm man nicht resignierend eher in verströmendem Abschied nehmen verhauchend diese an die Nieren gehende Final-Strophe.

Weich dahin fließend in Pastellfarben orchestriert musizierten die Münchner Philharmoniker unter Valery Gergievs sensibler Sublimation diese traumhafte Partitur in Vollendung. Momente vollkommenen Glücks lassen sich nur mit der Rosenkavalier-Zeile: Ist´s  ein Traum, kann nicht wirklich sein widergeben.

Ohne ergriffene Stille ließ das Publikum sogleich seiner Begeisterung  freien Lauf.

Im Grunde hätte man bar dieses tiefemotionalen Ereignisses beruhigt nach Hause gehen können, jedoch hätte man folglich ein weiteres Schmankerl versäumt: Gustav Mahler´s „Fünfte“! Nach bereits erlebten Mahler-Interpretationen Valery Gergievs sah ich seiner Version der Fünften eher skeptisch entgegen, wurde aber dennoch mehr als angenehm überrascht.

Bereits die eröffnende Trompetenfanfare zum Trauermarsch sowie die dimensionalen Proportionen der Blechfraktionen prädestinierten die geniale Komplexität der Münchner Philharmoniker, ließen verheißungsvoll das objektive Folgende erahnen. Herrlich warm und voll im Ton leiteten die Celli und dunklen Streicher die Marschrhythmen ein, zu weichen Empfindungen der Holzbläser leuchtete die düstere Stimmung auf. Gestikulierend erhob sich das erste Trio in grellen Motiven der Trompeten, schwirrend folgten die Violinen, leiteten zum düsteren Marsch und die nächste Triole fand ihren disharmonisch-grotesken Höhepunkt, welcher in wehmütiger Resignation allmählich verlosch.

Im stürmisch bewegten zweiten Satz schien sich ein Mensch in hemmungsloser Klage gegen ein unbarmherziges Schicksal aufzubäumen. Ein weitgespanntes zerklüftetes Motiv geisterte beängstigend durch die Themen. Zunächst schroff kantig formulierte Gergiev die Introduktion, ließ in bezwingender Intensität die herrlichen Streicher aufleuchten, schenkte den ausdrucksstarken Frequenzen sowie den  jähen Folge-Ausbrüchen ruhigere, sanfte Modulationen. Großartig wurden die zahlreichen Nebenthemen in filigran-transparenter Instrumentation ausmusiziert.

Der ambivalente, zwischen forciertem Elan und gebrochener Reminiszenz (Ländler, Walzer, Horn-Episode) changierende dritte Satz mit dem großdimensionierten Scherzo, den beiden Trios und der angedeuteten Burleske, erklangen in akribischen Akzentuierungen der Orchestergruppen vom Maestro zu überragender Präzision animiert.

Einer spürbaren Flexibilität zwischen Musikern und Führung wurde man gewahr welche ein Höchstmaß der Partitur-Kenntnis voraus setzt spiegelte sich im elegisch ausmusizierten Adagietto. Es pendelte stets zwischen träumerischem Schwelgen und dem Aufblühen der Streichinstrumente, denn wie es schien sah es Gergiev wie der Komponist, als innig formulierte existenzielle Liebeserklärung an seine Frau Alma. Wie in Verklärung zelebrierten Streicher und Harfe jene berührenden, melodisch unübertroffenen Weisen.

Keck formierten sich die Hörner zum Entree des Rondo-Finale-Allegro, von Celli verstärkt vereinten sich energische Themen zum Dialog der angeregten Orchestergruppen, gleich einer verstärkten Befreiung von Trauer und Resignation. Kraftvoll, in erfrischend klar-figuraler Evolution führte Valery Gergiev seinen famos und akkurat aufspielenden Klangkörper mit kontrapunktischem Elan in die überschäumende Apotheose dieser grandiosen Symphonie.

Es war ein Evenement der besonderen Art, das Werk in dieser intensiven, ambivalenten, pastoralen Akribie erlebt zu haben.

Das Publikum schien meiner Meinung und feierte den Dirigenten und sein Orchester mit lautstarken Ovationen.

Gerhard Hoffmann

 

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