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FRANKFURT/ Alte Oper: „DIANA DAMRAU – BAYER. STAATSORCH. – KIRILL PETRENKO“

22.09.2016 | Konzert/Liederabende

Frankfurt: „DIANA DAMRAU – BAYER.  STAATSORCH. – KIRILL PETRENKO“

 

                      Superlative-Konzert in der Alten Oper  21.09.2016

Bildergebnis für diana damrau bayerisches staatsorchester petrenko
Diana Damrau, Kirill Petrenko. Copyright: Wilfried Hösel

Zur Europa-Tournee gastierte das Bayerische Staatsorchester mit seinem charismatischen Chefdirigenten Kirill Petrenko in der Alten Oper und schenkte Konzertwonnen der Superlative. Prächtig, panoramahaft, vollmundig in symphonischer Dichte trumpft der imposante Klangkörper auf. Petrenko achtet auf Struktur und Trennschärfe, präpariert die mannigfaltigen Details der überquellenden Partitur. Es war beeindruckend mit welcher sicheren Selbstverständlichkeit sich die bestens disponierten Musiker sich der programmeröffnenden Ouvertüre zu „Die Meistersinger von Nürnberg“ (Richard Wagner) nicht nur im Blechbläserbereich auftrumpften, sondern auch die leise kammermusikalische nuancierte Transparenz beleuchtete. Ein herrlicher bejubelter Auftakt.

Nicht mehr von dieser Welt entrückt in schwebenden Sphären der Unendlichkeit, Stimmungen aus Stille, Seelenruhe, Zärtlichkeit und Todesbereitschaft vereint in stark inspirierten Gesängen. Die Rede ist von „Vier letzte Lieder“ vertont von Richard Strauss, späte meisterlich kolorierte Alterslyrik auf schwerfällige Ornamentik verzichtend, kehrt der Meisterkomponist der Instrumentationen zur Schlichtheit der melodischen Linie zurück. Die menschliche Stimme ist in die Melos-Süße des Klangbildes integriert. Ein für den altersmüden Richard Strauss typischer klassizistisch mediterraner Zug liegt über dem Finale seines Lebens.

Was für ein Glücksfall eine der größten Sopranistinnen unserer Zeit Diana Damrau zu erleben. Am Anfang Frühling das erste Lied der drei Hesse-Gedichte erfährt in dieser Interpretation durch Diana Damraus helle aquarelle Tongebung und astreine Intonation eine ungemein klangliche Dichte und Homogenität.

Ambitioniert durch die Vermeidung von Larmoyanz, sich den feinsten Nuancierungen der Tonsprache bewusst schenkt die famose Sängerin September durch die schlanke Führung ihres jugendlichen Timbres die besondere eindringliche Aussage.

Legatokunst und die Fähigkeit Töne zu changieren, Entwicklungen aufzubauen, harmonische Raffinessen in einen genussvollen Rausch zu verwandeln, gleichsam silberne Färbung des Organs mit dunklerem Klang zu kombinieren, prägte das traumverlorene Beim Schlafengehen.

Kirill Petrenko am Pult des unglaublich präzise strömend, in Pastellfarben  musizierenden Orchesters verwandelte die Partituren zu majestätisch breitem melodischem Fliessen . So manches Mal dachte ich bei mir Ist´s ein Traum, kann nicht wirklich sein.

Den Eichendorff-Text  Im Abendrot interpretierte die persönlichkeitsstarke Künstlerin subtil-ausdrucksvoll wie zuvor, doch nun auf besonders großem Atem gesungen, innerlich bewegt voll Emphase, erfüllt in musikalischer Gestaltung und Emotion, nicht in Resignation sondern  entströmend im Abschiednehmen verhauchend. Derartig stilistisch einmalig hohe Kunst des Vortrags ging an die Nieren, ich schämte mich meiner Tränen nicht.

Ergriffene Stille, sodann tosender Applaus und grenzenlose Begeisterung.

Die Pause war zu kurz zum Besinnen, zur Rückkehr in irdische Gefilde sowie dem folgenden ebenso emotionsreichen symphonischen Werk der „Fünften“ von Peter Tschaikowsky.

Wie der Vierten Symphonie liegt auch der Fünften als poetische Idee das Schicksalsproblem zugrunde. Musikalisch wird dieser Leitgedanke zum Ausdruck gebracht durch das marschartige Thema, welches das Werk eröffnet und von Tschaikowsky als Motiv der vollständigen Beugung vor dem Schicksal gedeutet wurde erscheint in allen vier Sätzen. Jenes Schicksalsthema wird im Andante von den Klarinetten in tiefer Lage angestimmt, der versierte Dirigent nimmt diesem Satz die sonstig gehörte Schwere, lässt den Gesamtapparat zwar mächtig aufblühen doch mindert diese bedeutungsvolle Struktur die sonst so bleierne Gewichtigkeit.

Von punktierter Rhythmik getragen stimmen Klarinette und Fagott das walzerartige Thema des Andante cantabile an, die Violinen schwelgen, die Holzbläser intensivieren die Entwicklung. Im Tutti entfaltet sich das traumhaft aufspielende Bayerische Staatsorchester. Schemenhaft entwickeln sich nach und nach die Seitenthemen um regelrecht im Fortissimo zu explodieren. Petrenko beleuchtet formell weiche Konturen, nimmt den Ecksätzen die sonst oft verwendeten Schärfen. Zielstrebig kehrt das beruhigende Intonieren zurück und im pianssimo klingt der Satz aus.

Prägend formiert der Klangzauberer Kirill Petrenko mit seinem qualifizierten Klangkörper das dreiteilige Allegro moderato  mit seiner choralartigen Einleitung der tiefen Streicher und der schwärmerischen Hornmelodie. Im Wechselspiel der Oboen, Celli, Violinen steigert sich die Bewegung zu pastoraler Intensität, entwickelt drängend die dramatisch herein brechende Introduktion. Transparent, filigran, virtuos, kapriziös erklingt die Walzermelodie des Ecksatzes.

In einer Hymne eröffnet  das berühmte Schicksalsmotiv den Finalsatz zum Andante maestoso, in wogenden Triolen werden die Wiederholungen umspielt, drängend erhebt sich der Streichersatz. Der stampfende Geschwindmarsch erhebt sich, die Holzbläser führen das Seitenthema an, in spannender  voranstürmender Entwicklung entfaltet sich das vom Blech akkurat geschmetterte von jagenden Läufen begleitet das Schicksalsthema. Das Ganze erscheint in unbändiger Wildheit und strebt in orchestral interpretierter Präzision einem an Brillanz unübertroffenen  glanzvollen finalen Trompetenwirbel zu.

Man wähnte sich regelrecht erschlagen wie betäubt. Wie schon so oft bei derartig grandiosen Konzerten keimte in mir der Gedanke dafür gebe ich gut und gerne einige  halbherzige Opern-Aufführungen hin. Kaum war der letzte Ton verklungen entlud sich die grenzenlose langanhaltende Begeisterung des Publikums. Die sichtlich erfreuten Gäste bedankten sich wiederum mit der rasant-temperamentvoll musizierten Ouvertüre zu „Ruslan und Ludmilla“ (Michael Glinka).

Gerhard Hoffmann

 

 

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