Online Merker Logo

Die internationale Kulturplattform

FRANKFURT/ Alte Oper: „ANTOINE TAMESTIT – MOJCA ERDMANN – hr-SO. – ANDRÈS OROZCO-ESTRADA“

20.01.2018 | Konzert/Liederabende

Frankfurt / AOF: „ANTOINE TAMESTIT – MOJCA ERDMANN – hr-SO. – ANDRÈS OROZCO-ESTRADA“ – 19.01.2018

Sehr konträr gestaltete sich die Programmgestaltung beim Abo-Konzert des hr-Sinfonie-Orchesters unter der Leitung seines Chefdirigenten Andrés Orozco-Estrada im Großen Saal der Alten Oper. Zwei moderne Kompositionen traten den Wettstreit gegen Mahler an und unterlagen weit dem Titanen!

Charles Ives (1874-1954) war eine außerordentliche komplexe Persönlichkeit: meisterte sein Leben als Geschäftsmann (Chef einer Versicherungsgesellschaft) und komponierte „nur so nebenbei“, weil er kein Publikum hatte. Sein kurzes Werk „The Unanswered Question“ aus dem Jahre 1906 wurde kurzerhand nach der Pause vor den Mahler platziert und bildete einen bruchlosen quasi musikverwandten Übergang. Andrés Orozco-Estrada reflektierte das Stück mit seinem ungewöhnlichen Aufbau in choralartigen Streicherakkorden, die Trompete intonierte immer wieder das fragende Motiv, vier Bläser antworten sechsmal dissonant, ungeduldiger, schroffer. In einer Art Collage gänzlich unabhängig voneinander fragen die Instrumente weiter um schließlich unbeantwortet zu enden.

Orchestralen Positionsgründen zu Folge begann der Konzertabend mit einem musikalischen Fauxpas: Antoine Tamestit, der Bratschist des im Jahre 2015 in Paris uraufgeführten „Violakonzert“ (Jörg Widmann) interpretierte es wiederum. Zunächst beklopfte der Solist sein Instrument, sodann wurde es eine Weile gezupft bis der Bogen einsetzte, die Folgetöne klangen eher nach Instrumental-Einstimmung. Ein kurzes orchestrales elegisches Adagio gewährte virtuose Viola-Momente und erwies sich als Pasticcio diverser Komponisten. Der Solist hüpfte durch die Orchesterreihen, stieß auch mal einen Schrei aus, das Publikum amüsierte sich köstlich, unwillkürlich dachte ich so bei mir: ach wie gut, dass niemand weiss, dass ich R.. heiss´. Nun wurde ich mit dieser „Komposition“ erstmals (und mit Sicherheit zum letzten Mal) konfrontiert und las zuvor darüber: Es ist ein ziemlich weiter Weg, bis das entsteht, was wir Musizieren nennen. Ein Konzert, das erst mal ein Konzert werden muss. An einer Stelle in der Partitur heißt es etwa: Der Dirigent reagiert leicht irritiert! Na ja, nicht nur der Dirigent – meine absolute Hochachtung gilt jedoch uneingeschränkt allen Musikern welche derartige Absurditäten einstudieren und interpretieren müssen. Das Publikum schien vermutlich meiner Meinung und zollte allen Beteiligten herzliche Anerkennung.

Nach der Pause erklang die „Vierte Symphonie“ von Gustav Mahler dem eigentlichen Wunschobjekt meiner musikalischen Begierden, bescherte Musikwonnen in überreichem Maße und ließ den vorherigen Alptraum fast gänzlich vergessen. In großer Vielzahl und sehr unterschiedlichen Interpretationen erlebte ich bisher diese wunderbare Symphonie, doch heute unter der Stabführung des exzellenten Andrés Orozco-Estrada mit seinem erlesenen hr-Sinfonieorchester, der Dirigent erweiterte dankenswerterweise seinen bisherigen Mahler-Zyklus, erschien mir das Werk gleich einer himmlischen Offenbarung.

Orozco-Estrada schien diese Partitur wörtlich zu lesen und statuierte bereits zu Beginn ein Exempel: Die Schellen verklangen im angeschlagenen Tempo, der Rest des Orchesters stellte sich gleichzeitig auf das Ritardando ein, zwei Welten schienen auseinander zu driften. Weich grazioso entfalteten sich die Violinen zum sanglichen Seitenthema der Celli, vereinten sich im Gesamtklang des herrlich aufspielenden Instrumentariums zum heiter dahin musizierten Sonatensatzschema dem Lob der Freuden des Diesseits und Jenseits! Die Tempi der Mikrostruktur der Partitur schnell bzw. langsam, kostete der Dirigent in feinsten dynamischen Feinheiten vortrefflich nuanciert aus. Immer wieder aufs Neue faszinieren mich die umwerfende Klangkultur, die solistischen Instrumentierungen, die bestechende Perfektion der Bläser, die transparenten seidenweichen Streicher des hochqualifizierten außergewöhnlichen Klangkörpers. Last not least – der Umgang des smarten liebenswürdigen Dirigenten mit seinen konzentrierten und dennoch sichtlich spielfreudigen Musikern, man wähnt sich stets im Kreis einer harmonischen Familie.

Thematisch spielt die „verstimmte“ Geige jedes Crescendo im Scherzo des zweiten Satzes aus. Nach der Melodie „Freund Heins“ spielt sie freudig zum Tanz. Einige grelle spukhafte Momente verirren sich ins Geschehen, changieren in flüchtigen Anklängen zwischen den Ausdruckscharakteren des Unheimlichen und Idyllischen.

Der dritte Satz welcher aus einer Folge von zwei Themen besteht geleitet den Hörer endgültig ins Paradies! Sensibel ruhig fließend erklang das Streicherthema in klagendem Moll, welches vorweg den exzellent disponierten Bläsern anvertraut traumhaft erklang. Kunstvoll breitete der einfühlsame Dirigent diesen rauschenden Klangteppich von so großer suggestiver Gewalt in aparter Harmoniefolge aus. Einer Verheißung gleich erstrahlten wiederum die Themen und Motive aus den beiden ersten Sätzen um sodann gleich einer Vision geheimnisvoll zu verweben.

Die himmlischen Freuden des vierten Satzes verstand leider nur das Orchester harmonisch, verklärt zum Himmel strebend zu vermitteln. Die Solistin Mojca Erdmann mit ihrem piepsigen Sopran brachte mich schnell auf den Boden der Realität zurück und vermittelte keineswegs in Ton und Attitüde die Naivität und Transparenz der Texte vom Himmlischen Leben. Doch entschädigte dafür im jähem orchestralen Verlöschen das klangvolle Instrumentarium und geleitete in die verklärende Paradiesidyllik.

Prasselnder Applaus und Bravorufe bedankten die denkwürdige Interpretation. Zu neuen Taten … Maestro!

Gerhard Hoffmann

 

Diese Seite drucken