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FRANKFURT/ Alte Oper: ANJA HARTEROS & HR-SINFONIEORCHESTER unter ANDRÉS OROCZO-ESTRADA

07.09.2018 | Konzert/Liederabende

Frankfurt / AOF: „ANJA HARTEROS-HR S.O.-

ANDRÈS OROZCO-ESTRADA“ – 06.09.2018

Zur Eröffnung seiner neuen Konzertsaison präsentierte das HR-Sinfonieorchester unter der Leitung seines Chefdirigenten Andrés Orozco-Estrada eine musikalische Sternstunde, eine der kostbarsten Sopranstimmen unserer Zeit Anja Harteros bereitete dazu kulinarische akustische Genüsse für die Gehörgänge mit „Vier letzte Lieder“ von Richard Strauss. Durfte ich die grandiose Interpretin letztes Jahr in Baden-Baden mit Wagners Wesendonck-Liedern erleben, erachte ich es als besonderes Geschenk Anja Harteros erneut mit meinen Lieder-Favoriten zu begegnen. Nicht mehr von dieser Welt, entrückt in schwebenden Sphären der Unendlichkeit, Stimmungen aus Stille, Seelenruhe, Zärtlichkeit und Todesnähe vereinen sich in diesen stark spirituellen Gesängen.

Die erste Strophe Frühling dieser genialen Vertonungen nach drei Hesse-Gedichten erfuhr durch das herrliche Timbre der Künstlerin eine aquarelle Tongebung, betörende Intonation und ungemein klangliche Dichte.

Ambitioniert durch jegliche Vermeidung von Larmoyanz sich der feinsten Nuancierungen der Tonsprache bewusst, schenkte die famose Sängerin September durch die schlanke Führung ihrer jugendlich schimmernden Stimme, eine besonders eindringliche Aussage.

Legato-Kunst die Fähigkeit Töne zu changieren, Entwicklungen zu verknüpfen, harmonische Raffinessen in genussvolle Euphorie zu wandeln, Silbertöne mit dunklen Färbungen zu binden, prägte Harteros beim traumverlorenen Beim Schlafengehen.

Andrés Orozco-Estrada am Pult des unglaublich präzise strömend , in Pastellfarben musizierenden hr-Sinfonieorchesters verwandelte die Partitur zu majestätisch breitem melodischem Fließen. So manches Mal dachte ich Es ist ein Traum, kann nicht wirklich sein!

Den Eichendorff-Text Im Abendrot interpretierte Anja Harteros subtil ausdrucksstark wie zu vor, auf breitem Atem gesungen, innerlich bewegt in Emphase, erfüllt in musikalischer Gestaltung und Emotion, nicht resignierend, weich entströmend im Abschiednehmen verhauchend – einfach zum Niederknien. Derartig stilistisch unvergleichlich hohe Kunst des Vortrags bewegte ging an die Nieren, ich schämte mich meiner Tränen nicht.

Sekundäre Stille, sodann tosender Applaus und grenzenlose Begeisterung für die bescheidene sympathische Künstlerin.

Eröffnet wurde der Konzertabend mit dem Vorspiel und Liebestod zu „Tristan und Isolde“ (Richard Wagner). Es erzeugte schon einen gewissen Gänsehaut-Effekt wenn Orozco-Estrada den Tristan-Akkord anstimmte, sich der samtige Klang des hessischen Eliteorchesters entfaltete in unbeschreiblichen Weichheit ausbreitete, eintauchte in die surreale, meditativ-reflexive Welt des Gefühls. Der Dirigent manövrierte sein Instrumentarium in Klangmagien der Superlative welche sich allmählich in die unendlich tiefe Sehnsucht der Liebes-Ekstase steigerte, in seraphischem Klangrausch überbordete, sich darin transzendent verlor. Mehr, mehr bitte mehr davon Maestro – pourquoi pas den kompletten Tristan, bevor Sie zum Leidwesen der hessischen Metropole nach Wien entschwinden.

Nach der Pause ein gewaltiges Werk aus der Feder von Dmitri Schostakowitsch seiner letzten der „15. Symphonie“, welche er im Jahre 1971 während schwierigster gesundheitlicher Probleme komponierte und unter der Stabführung seines Sohnes Maxim am 8. Januar 1972 uraufgeführt wurde. Während der Komponist seine vorletzten Werke meist solistisch untermalte, beinhaltet diese 15. Eine reine Orchesterbesetzung. Auffällig an dieser Symphonie sind die häufigen Zitate, so u.a. motivische Bezüge zu Rossini und Wagner, aber natürlich ureigene Themen aus früheren Werken zur Gestaltung des sinfonischen Geschehens sowohl mit heiteren als auch mit traurigen Momenten.

Andrés Orozco-Estrada verstand es vorzüglich die formellen Strukturen des Werkes zügig und einleuchtend zu bündeln, zitierte im ersten Satz Rossinis Themen irrwitzig zu resignativen avantgardistischen Intervallen. Der zweite Satz wurde getragen vom bestens disponierten Bläsersatz des Klangkörpers in einer Art Reminiszenz an einen Trauermarsch.

Herrliche, teils grotesk überdrehte Heiterkeit wurde dem Allegretto – dritten Satz zuteil. Schier hymnisch entfalteten sich die instrumentalen Orchestrierungen zu schönen unwirklichen Kantilenen. Vollendet zeichnete der Klangkörper unter Führung seines temperamentvollen Dirigenten die polyrhythmischen Elemente des vierten Satzes überdimensionaler Qualität des Klangs. Mystisch strukturiert schimmerten die Todesverkündigungs-Motive der Walküre und die Tristan-Elemente zur artikulierten Instrumentation ironisierend hervor. Somit schloss sich der Themenkreis zum eingangs gehörten Programmpunkt.

Das Publikum war begeistert und spendete Dirigent und Orchester großen Beifall.

Gerhard Hoffmann

 

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