Online Merker Logo

Die internationale Kulturplattform

FRANCESCO CAVALLI: L’AMORE INNAMORATO

13.12.2015 | cd, CD/DVD/BUCH/Apps

0825646166428 FRANCESCO CAVALLI: L’AMORE INNAMORATO –L’Arpeggiata unter der Leitung von Christina Pluhar – ERATO CDEine Steirerin in Paris auf Spurensuche venezianischer Musik des 17. Jahrhunderts 

Unsere verehrte Christina Pluhar hat sich mit großer Delikatesse, einem ausgesuchten Sinn für Klangfarben, getragen von großer persönlicher Passion mit ihrem Ensemble und zwei herausragenden Sängerinnen an die Erforschung des musikalischen Universums des Monteverdi-Schülers Francesco Cavalli gemacht. 

Che Città – welch eine Stadt besingt Nerillo (Nuria Rial) in einer Szene aus Cavallis Oper L’Ormindo. „Als hübscher Knabe mit noch glatter Haut ist Nerillo selber das Objekt der Begierde für Männer und Frauen. In seiner Arie gibt er eine vielsagende Beschreibung seiner Stadt (in der Oper Fez, das allerdings die Verhältnisse in Venedig widerspiegelt)  aus der Perspektive des Lustobjekts: „Welch eine Stadt, welche Sitten, welch verdorbenes Pack“.(Ilja Stephan im Booklet). Cavalli, der Mitbegründer der venezianischen Operntradition im 17. Jahrhundert, war erstaunlicherweise schon dem Opernbusiness und damit der Unterhaltung eines zahlenden Publikums verpflichtet. „Sex and the City“ würde man das heute nennen. Schon damals ging es um allerlei mögliche und unmögliche Intrigen, erotische Irrungen und Wirrungen, Verkleidung, Maskeraden und Travestie mit Röntgenblick auf Menschliches, vielleicht allzu Menschliches. Geschichtlicher Hintergrund war die Verbannung der Jesuiten zu Beginn des Jahrhunderts und die damit verbundenen Publikationsfreiheit in der Republik Venedig. Man konnte sogar ungestraft den bankrotten Papst und die Inquisition verhöhnen.  

Der Kirchenmusiker und Opernkomponist Cavalli hat 32 Werke für Musiktheater geschrieben, auf der neuen CD sind Ausschnitte aus den Opern L’Ormindo (2), Il Giasone (Sinfonia); La Calisto (5), La Rosinda (1), L’Artemisia (2), L’Eliogabalo (Sinfonia) und La Didone (2) zu hören. Zwei Werke von Giovanni Girolamo Kapsberger (Toccata prima) und Andrea Falconieri (La suave melodia) runden das Programm der CD ab. Gespielt und gesungen wird auf der neuen CD ganz vorzüglich. Die Musiker des Ensembles L’Arpeggiata mit seinen Theorben, Barockharfen (die spielt die Chefin selbst), Viola da Gambas, Cellos, Barockgitarren, Kornett, Lauten und Cembalos sorgen für die klanglich raffinerte Umschmeichelung von Wort und Affekten. Rezitativisches geht ohne Übergang in Arioses über, die Lust an Verzierung und das freie Spiel mit Melodie vereint Berichtendes mit Emotion. Ein musikalisch paradiesischer Urzustand sozusagen. Dieser wird auch in allen gewählten Ausschnitten ganz deutlich vor Ohren geführt. Dazu tragen neben den nicht hoch genug zu lobenden Instrumentalisten auch die beiden Sängerinnen Nuria Rial und vor allem Hana Blazikova bei.

 Christina Pluhar ist die beste denkbare „Anwältin“ für das Unterfangen der musikalischen Spurensuche in einer Stadt wie Venedig. Sie tut das in Paris, die klanglich exzellenten Aufnahmen sind im Dezember 2014 im Palais de Béhague entstanden. Wie stets bei Pluhar sind die individuelle Note und das persönliche Engagement bei der Interpretation (ähnlich wie bei Jordi Savall) mit ein Teil des Faszinosums.  

Dr. Ingobert Waltenberger

 

 

Diese Seite drucken