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FRÄULEIN JULIE

19.01.2015 | FILM/TV, KRITIKEN

FilmPlakat Fräulein Julie~1

Ab 21. Jänner 2015 in den österreichischen Kinos
FRÄULEIN JULIE
Norwegen, GB  /  2014 
Drehbuch und Regie: Liv Ullmann
Nach dem gleichnamigen Theaterstück von August Strindberg
Mit: Jessica Chastain, Colin Farrell, Samantha Morton u.a.

Es ist eines der berühmtesten Drei-Personen-Stücke der Weltliteratur: Strindbergs Geschichte des adligen Fräuleins Julie, das sich mit Jean, dem Kammerdiener ihres Vaters, einlässt und innerhalb eines Tages und einer Nacht solcherart in den Untergang rast. Soziologie, Psychologie, Neurose – alles drinnen in diesem Absturz, und das so extrem, wie es dem Naturell dieses August Strindberg entsprach.

Kann, was im Theater ein Kammerspiel ist, auf der großen Leinwand genau so stark wirken? Nun, Liv Ullmann hat es jedenfalls versucht. Diese wunderbare Norwegerin war nach der Garbo und Ingrid Bergmann Skandinaviens großartigster Beitrag zum Weltkino des 20. Jahrhunderts, die Ingmar-Bergman-Heldin, die, als ihre Filmkarriere als Darstellerin ausdünnte, gelegentlich Regie führte. Nicht oft und meist ohne besondere Beachtung der breiten Medien. Das ist diesmal, dank der weltberühmten literarischen Vorlage, anders.

Strindberg war Schwede, Fräulein Julie spielt sich auf einem schwedischen Landgut während eines Mittsommernachtsfestes ab, und man fragt sich, was Liv Ullmann bewogen haben kann, die Handlung nach Irland zu verlegen. Obwohl eine mögliche Antwort auf der Hand liegt: Ihr Hauptdarsteller Colin Farrell ist Ire, er artikuliert sich in der wunderbaren Sprachmelodie seiner Heimat, die hier auch zum authentischen Ausdruck des „Manns aus dem Volke“ wird. Auch kann man die soziale Situation zwischen Adel und Volk in Irland ähnlich sehen wie in Schweden. Im übrigen verbleibt das Werk, wo Strindberg (Entstehung: 1888) es hinpflanzte: In seiner damaligen Gegenwart, Ende des 19. Jahrhunderts.

Nun kennt man Strindbergs Frauenhaß, ein Mann, von dem man manchmal annehmen könnte, er wäre zum blutrünstigen Mörder geworden, hätte er sich seine Emotionen nicht von der Seele schreiben können. Endziel seiner Geschlechterkampf-Stücke ist immer die Demütigung der Frau – ein Schicksal, das auch die Grafentochter ereilt, die dem Diener ihres Vaters sozial haushoch überlegen ist (so wie Siri von Essen ihrem Gatten August Strindberg, nicht seine einzige Ehe, die mit Karacho zerbrach). Doch benützt der Dichter den Sexualakt, um die Überlegenheit des Mannes gesellschaftlich unwidersprochen zu behaupten. In dem Augenblick, wo die Grafentochter mit dem Diener nicht nur ihre Machtspielchen treibt, sondern tatsächlich seine Geliebte wird, ist sie nach Strindbergs Wunsch und Wille verloren – was bis zum Selbstmord führt.

„Fräulein Julie“ ist ein einziger Kampf, der vom Autor vollkommen unstet verläuft, was man bei jeder Inszenierung feststellt und was auch diesen Film belastet. Liv Ullmann ist inhaltlich und räumlich kaum über das Stück hinausgegangen – mit einer (stummen) Einleitung, die Julie als Kind in der Natur um das väterliche Schloß zeigt, und indem sie die Handlung nicht in der Küche fixieren muss, wie es das Bühnenschicksal des Einakters ist, sondern die drei Protagonisten im Schloß herumtreibt, von einem Schauplatz zum anderen.

Fräulein Julie 1 xx

Es fällt auf, dass die Regisseurin mit der rothaarigen, so seltsamen Schönheit Jessica Chastain eine Protagonistin gewählt hat, die ihr selbst sehr ähnlich ist – so wie sie in ihrer Jugend aussah. So hätte sie selbst wohl die Julie gespielt, zwischen Mutwillen und einer elementaren Unsicherheit, die aus der sexuellen Erregung kommt, die spürbar in ihr vibriert und sie in glaubhafter Hektik durch das Geschehen trägt.

Noch interessanter aber als die Grafentochter sind die beiden „Bedienten“, Köchin und Kammerdiener, ein Paar mehr aus vernünftigen Überlegungen denn aus Zuneigung, aber jedenfalls Menschen, die zusammen passen und sich verstehen. Immer wird die Köchin, an sich Kristin, hier aufgrund des irischen Ambientes Kathleen genannt, eine besondere Figur sein – weil sie dem erotischen Geplänkel der beiden anderen strenge, unverrückbare moralische Maßstäbe entgegensetzt, weil sie in einer Welt lebt, wo man weiß, was sich gehört und was nicht. Das Schicksal der beiden anderen wird hingegen von ihren Grenzüberschreitungen gekennzeichnet. Und Samantha Morton stellt ihre Frau mit faszinierendem Nachdruck. Und obwohl die Selbstgerechten selten sympathische Menschen sind, wird an ihrem Schicksal das Bemitleidenswerte der „Untergebenen“ klar, die letztlich alles mit sich geschehen lassen mussten…  

Und doch ist der Kammerdiener Jean, der hier John heißt, die interessanteste Figur des Films, weil Colin Farrell ein solches Spektrum widersprüchlicher Gefühle aus ihm herausholt und in darstellerischer Detailarbeit erster Ordnung darlegt. Einerseits steckt in ihm der kleine Bauernjunge, der in das kleine Mädchen Julie schon verliebt war und stets davon geträumt hat, das elende Bauernleben hinter sich zu lassen und im Schloß zu leben. Das ist ihm gelungen, die Stellung beim Grafen (der nie erscheint und als drohender Schatten immer präsent ist) ist ihm wichtig und wertvoll, und eine Plänkelei mit der Grafentochter, die ihn immer stärker herausfordert, ist ihm an sich das Risiko nicht wert, sie möglicherweise einzubüßen. Andererseits ist er ein Mann, der letztendlich nimmt, was ihm bietet, und der schnell rechnet – diese Grafentochter könnte Geld haben. Er war schon einmal in der Schweiz im Hotelgewerbe tätig, wenn man viel Geld hätte, könnte man weggehen und ein Hotel eröffnen… Aber Julie ist nach dem Sexualakt doppelt uninteressant für diesen immer kalkulierenden John: Erstens kann er sie zu seiner Erleichterung nun als Hure verachten, und zweitens hat sie natürlich kein Geld, das bisschen, das sie aus des Vaters Schreibtisch nehmen kann, ist lächerlich. Er muss sie dazu bringen, sich selbst das Leben zu nehmen, damit er weiterhin in Ruhe der Kammerdiener des Grafen, den er fürchtet bis in die Knochen hinein, sein kann…

All das spielt Farrell, und das ist das stärkste Element des Films, der sonst wie eine brave, sehr gut gespielte Theateraufführung abläuft. Das ist nicht wenig, aber dann auch wieder nicht so viel, dass man von der Regisseurin Liv Ullmann so begeistert sein könnte, wie man es einst in besonderer Bewunderung von der Bergman-Schauspielerin Liv Ullmann war…

Renate Wagner

 

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