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Literaturforum
7. Mai 2020
9:52
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Christine
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Forumsbeiträge: 133
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7. September 2019
sp_UserOnlineSmall Online

Gurnemanz, das ist ein doch etwas ungewöhnliches Kapitel das Sie hier eröffnet haben. Literatur gehört zur Kunst und kann natürlich hier auch ihren Platz haben. Aber ist es wirklich sinnvoll über ein Buch hier derartig ausführlich zu berichten? Wenn das Schule macht: Wer will ein Buch noch lesen, wenn ihm alle Spannung genommen wird? Wenn man schon so viele Details kennt? Es sollte bei einer Beschreibung eines neuen Werkes doch eher auf dieses neugierig gemacht, aber nicht alles über es bekannt gemacht werden. So dachte ich zumindest bisher.

7. Mai 2020
5:15
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Gurnemanz
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Forumsbeiträge: 776
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29. September 2018
sp_UserOfflineSmall Offline

Danke für Ihre Reaktion - das sehe ich auch alles so!

 

Ich beteilige mich aus verschiedenen Gründen derzeit nicht im Merkerforum, aber weil ich diesen Text soeben ohnehin verfasst habe, kann ich ihn auch hier hereinstellen, vielleicht stößt er ja auf Interesse.

 

Link zum Coverbild

Soeben habe ich den Roman "Die Nacht, als ich sie sah" (To noč sem jo videl) von Drago Jančar fertiggelesen. Hat mir „Nordlicht“ schon wirklich gut gefallen, habe ich von „Die Nacht, als ich sie sah“ einen noch deutlich besseren Eindruck. Waren im „Nordlicht“ für mich manche Leerläufe vorhanden, habe ich „Die Nacht, als ich sie sah“ von der ersten bis zur letzten (von ca. 200) Seiten durchgelesen, fast ohne Pause, und mich dabei keine Sekunde gelangweilt.

„Nordlicht“ stammt aus dem Jahre 1984, „Die Nacht, als ich sie sah“ aus dem Jahre 2010/2011, und beim Vergleich der beiden Werke könnte man (was sehr riskant ist) ist eine deutliche Entwicklung des Autors erkennen. Während „Nordlicht“ eine Geschichte chronologisch klar von Anfang bis Ende inkl. detaillierter Schilderungen von Grausamkeiten erzählt (wobei die chronologisch erzählte Handlung natürlich mit zahlreichen Vor- und Rückblenden versehen ist) und sich eindeutig auf EINE Figur fokussiert (auf die des Josef Erdmann, dessen persönlichen Abstieg und Verwicklung in einen Doppelmord), geht „Die Nacht, als ich sie sah“ deutlich subtiler vor.

Leider habe ich vor dem Lesen bereits den hinteren Buchdeckel angeschaut, und die dort zu lesende Kurzbeschreibung „Von der Gier zu leben und dem Verschwinden einer faszinierenden jungen Frau in Zeiten des Krieges. – In einer Nacht, kurz nach Neujahr 1944, führt eine Gruppe von Tito-Partisanen Veronika Zarnik und ihren Mann Leo aus ihrem Schloss in Slowenien ab, von da an verlieren sich ihre Spuren... Drago Jančars Roman nimmt seinen Ausgangspunkt von einer wahren Begebenheit, die erst 2015 aufgeklärt werden konnte.“ zerstört einen Teil der Spannung, denn der Leser wird recht lange im unklaren gelassen, wo der Roman eigentlich hinführt.

Gegliedert ist er in fünf unterschiedlich lange Kapitel, in denen von ein- und derselben Begebenheit aus der Ich-Perspektive unterschiedlicher Figuren erzählt wird – trotzdem schafft es Jančar, den Roman nie langweilig werden zu lassen, indem er seine Ich-Erzähler nur ganz selten Inhalte wiederholt lässt (es handelt sich eher um ein Puzzle, das beim Lesen nach der Reihe im Kopf zusammengesetzt wird); und wenn es Wiederholungen gibt, so beziehen sich diese Wiederholungen aufeinander – zum Beispiel, als im zweiten Kapitel die Mutter der Hauptperson einen kurzen Blickkontakt mit einem Mann hat, von dem sie vermutet, er könnte etwas mit dem Verschwinden (an einen Mord möchte sie nicht denken) ihrer Tochter zu tun haben... Jančar deutet das subtil an, und erst im letzten Kapitel wird genau diese Szene aus der Perspektive eben jenes Mannes erzählt. Die Ahnungen der alten Mutter haben sich bewahrheitet.

Die ersten knapp 60 Seiten haben jedoch nichts mit einem Gewaltverbrechen zu tun – der Offizier Stevo, tätig in der Kavallerie der serbischen Armee, schildert kurz vor Beginn des 2. Weltkrieges sein Verhältnis mit Veronika, einer Frau, die sich sehr extravagant verhält (es wird erzählt, sie sei mit einem Alligator als Haustier spazieren gegangen) und den an rauhe Sitten gewöhnten Offizier mit ihrer Liebe zu Pferden verwundert. Die beiden beginnen auf Initiative der Frau hin (das ist eine Parallele zu „Nordlicht“) ein Verhältnis, für das sie ihren Mann verlässt, Stevo nach Bulgarien folgt, aber schließlich wieder zu ihrem Mann zurückkehrt (Stevo interpretiert eine Gewalttätigkeit seinerseits gegenüber Veronika als den Grund ihrer Rückkehr, was ich nicht so recht glaube; sie wollte wohl auch aus anderen Gründen wieder nach Hause – eine Frau wie sie hat anderes zu tun, als einsam irgendwo im Nirgendwo mit einem Kavallerieoffizier in einer „Zigeuner-Siedlung“ zu wohnen). Stevo spielt nach diesem ersten Kapitel keine Rolle mehr; ich mutmaße, dass der Leser durch die Stevo-Episode hauptsächlich einen Eindruck von Veronikas leichtlebigem, herzlichem, feinfühligem aber auch naivem und unentschlossenem Charakter bekommen sollte. Auffallend sind zwei Stellen, an denen der Autor Drago Jančar ganz eindeutig auf sein „Nordlicht“ anspielt (Szene im Gasthaus inkl. Namensnennung; Doppelmord), und beide male sind es kurze Einschübe, die für die Fortsetzung der Handlung nicht von Relevanz sind. Der Titel „Die Nacht, als ich sie sah“ bezieht sich auf eine Szene zu Beginn des Buches, in der Stevo von Veronika träumt.

Das zweite Kapitel wird aus der Sicht jener Figur erzählt, die mir beim Lesen am meisten ans Herz gewachsen ist, nämlich Veronikas verwitwete, kranke, einsame Mutter, der von allen die Wahrheit verheimlicht wurde, die aber innerlich genau weiß, was passiert ist, auch wenn sie diesen Gedanken innerlich wegschiebt. Die alte Mutter wartet tagaus, tagein auf die Rückkehr ihrer geliebten (einzigen) Tochter, wartet aber vergebens. Sie spürt, dass ihr die anderen Leute in ihrem Umfeld Informationen zum Verbleib ihrer Tochter vorenthalten. Für mich war interessant, dass die alte Frau genau weiß, dass sie von ihrer Umwelt angelogen wurde, aber sie vermag nicht, die Wahrheit herauszufinden, auch wenn sie sie erahnen kann.

Das dritte Kapitel war für mich das Interessanteste; beschrieben wird die Handlung aus der Perspektive eines Deutschen Gestapo-Mannes, und zwar desjenigen, mit dem Veronika ein Verhältnis hatte (was der Ich-Erzähler dieses Kapitels vornehm verschweigt) und dessentwegen sie als „Gestapohure“ von Partisanen vergewaltigt und getötet wurde). Besonders gut gefällt mir, dass Jančar nicht urteilt, schon gar nicht mit dem mit dem erhobenen Zeigefinger. Sowohl Deutsche, als auch Partisanen verüben grausame Morde; Jančar überlässt es dem Leser, sich einen Eindruck zu bilden. Das dritte Kapitel war für mich deshalb das interessanteste der fünf, weil darin nebenbei auch viel über das Verhältnis Deutsche vs. Partisanen gesagt wird (z.B. wird die Exekution von fünf Slovenen durch Deutsche beschrieben). An sich ist mir aufgefallen, dass dieser Ich-Erzähler kein Interesse hat nachzuforschen, was wirklich passiert ist; er will Gras über die Sache wachsen lassen und ist froh, selber heil aus dem Krieg herausgekommen zu sein. Leichte Gewissensbisse plagen ihn, er überlegt, ob er durch seine oftmalige Anwesenheit bei Veronika und ihrem Manne mitschuldig am gewaltsamen Tode der beiden ist, schiebt diese Gedanken aber wieder weg. Er hat einen Brief erhalten jemandes, den er nicht kennt, in dem er um Aufklärung des Verschwindens von Veronika und ihrem Mann gebeten wird (mit Hinweis auf die noch immer ihre Tochter erwartende Mutter), aber er zerreißt den Brief und schmeißt ihn weg, schließlich möchte er mit der Sache nichts mehr zu tun haben, keinesfalls eine Mitschuld eingestehen, und außerdem befürchtet er in diesem Brief eine Falle, vielleicht wollte man ihn der Polizei ausliefern...? Also beschließt er, den Brief unbeantwortet zu lassen. Interessant war für mich auch eine kurze Stelle, in der er davon spricht, wie schwierig es (jetzt, kurz nach dem Krieg sei), Handlungen während des Krieges nachzuverfolgen, weil viele Spuren verwischt wurden, Leute durch andere gedeckt werden etc etc... (das erinnert mich an das Massaker an elf Zivilisten am Peršmanhof (Partisanenstützpunkt) am 25. April 1945, dessen Täter, die der SS und NS-Polizei angehörten, auch nie identifiziert wurden – da wurden selbstverständlich absichtlich Spuren verwischt, mutmaße ich beinhart)

Im vierten Kapitel, das aus der Sicht von Veronikas Haushälterin erzählt wird, erfährt der Leser mehr. Des Nachts seien Partisanen eingedrungen, hätten das Schloss, in dem Veronika mit ihrem Mann wohnt, ausgeraubt und dann schließlich auch die beiden Hausherren mitgenommen. Die Haushälterin ist schockiert, als Helfer der Partisanen einen jungen Burschen erkannt zu haben (der dann das 5. Kapitel erzählen wird). Meiner Meinung nach gehört die Haushälterin gemeinsam mit der alten Mutter zu den Sympathieträgern des Romans.

Erst im 5. Kapitel eröffnen sich dem Leser, der den bisherigen Roman über eher Vermutungen anstellen und Handlungsbausteine in seinem Kopf zusammensetzen konnte, die wahren Ereignisse. Ich gehe davon aus, dass Veronika und ihr Mann insofern einen Fehler gemacht haben, als sie sich nicht eindeutig auf eine Seite gestellt haben (weiter oben habe ich nicht grundlos von Naivität Veronikas geschrieben), sondern versucht haben, gleichzeitig Partisanen zu helfen, als auch mit Deutschen zu kooperieren, und wenngleich anzunehmen ist, dass sie eher auf die Seite der Partisanen standen, wurde ihnen genau das zum Verhängnis.
Der Ich-Erzähler blickt als Mann fortgeschrittenen Alters nach dem Verlauf vieler Jahrzehnte auf die Ereignisse zurück. Angefangen hat das ganze durch eine blöde Eifersuchtsgeschichte: Er selbst wäre gern bei Veronika „gelandet“, musste aber zuschauen, wie sie mit dem Deutschen (aus Kapitel 3) etwas hatte. Aus gekränktem Stolz (auch wenn er das nicht zugibt, aber es lässt sich klar erkennen) verpfiff er – obwohl er sich des Spruchs „Der größte Lump im ganzen Land, das ist und bleibt der Denunziant“ erinnert und somit indirekt eine Mitschuld eingesteht – Veronika und ihren Mann der Kollaboration mit dem Feinde. Damit war das Todesurteil gesprochen; es war für mich interessant zu sehen, wie die Partisanen-Bewegung funktioniert hat. Plötzlich sind Personen, die man nur vom Sehen kannte (wie zB der Bahnhofsvorstand, vom Ich-Erzähler früher liebevoll „Onkel“ genannt) geheime Verbündete, andere Todfeinde.
Veronika und ihr Mann werden abgeholt und in den Schlosshof getrieben, wo es zu einer unfreiwillig grotesken Szene kommt: Veronika und ihr Mann sicherlich in Todesangst, plötzlich erklingt Gesang: Es handelt sich um die Stimme der alten Mutter, die in ihrem Zimmer Lieder singt und die bevorstehende Ermordung ihrer Tochter höchstens nur vage ahnt.
Die beiden werden in den Wald getrieben, dort kommt es zu einem „Verhör“, das aus Körperverletzung besteht. Bei der Tötung der beiden ist der Ich-Erzähler nicht dabei (beschrieben wird, dass die Partisanen ihre Spuren verwischen, indem sie am Weg im schneeverschneiten Wald stets ein Stück Reisig hinter sich herziehen), er bekommt geschildert, was passiert ist (Leo zu Tode geprügelt, danach Veronika vergewaltigt und getötet). Am Rückweg verliert er die Nerven (und wohl auch die Kontrolle über sein schlechtes Gewissen, den Mord durch seinen Verrat beim Bahnhofvorsteher ausgelöst zu haben) und richtet seine Gewalt gegen einen anderen Partisanen, was ihm später beinahe das Leben gekostet hätte. Als alter Mann erinnert er sich nun an die damaligen Ereignisse, erzählt seinen Nachkommen aber nur einen Teil der Geschichte und lässt manches bewusst im Unklaren, um seine Schuld zu mindern. Für mich war das Interessante weniger die Schilderung der Ereignisse, als vielmehr die psychologische Ausdeutung dieser Figur. Was bewegt einen Menschen, andere Menschen zu verraten? Wie schafft er es, mit der Schuld fertigzuwerden? Wie kommt er damit zurecht, indirekt Menschen umgebracht zu haben, die ihm gar nichts getan haben? Jančar zeichnet ein interessantes Charakterportrait dieser Figur.

 

Ganz generell sind mir zwei Punkte aufgefallen, die auch schon im „Nordlicht“ meine Aufmerksamkeit erregt haben: Erstens Jančars Erzählkunst, komplexe Erzählmuster auszuführen, die regelmäßig Vorverweise und Andeutungen enthalten, die dem aufmerksamen Leser regelmäßig Botschaften vermitteln, aber keineswegs zu viel verraten; und zweitens Jančars Liebe zum Detail. Wie im „Nordlicht“, so auch in „Die Nacht, als ich sie sah“ werden mit sichtbarer Liebe zum Detail Personen und Schauplätze beschrieben – beim Lesen konnte ich mir die Schauplätze und Charaktere richtig gut vorstellen.

Ein wesentlicher Unterschied zum „Nordlicht“ besteht übrigens darin, dass im „Nordlicht“ der Doppelmord und eine Sexszene mit akribischer Genauigkeit geschildert werden und auch Zeitungsberichte / Sach-Informationen eingestreut sind; „Die Nacht, als ich sie sah“ ist hingegen deutlich zurückhaltender gestaltet; die Erzählung wird dann unterbrochen, wenn genau das geschildert werden sollte, was der Leser ohnehin erwarten kann.

Ein weiterer Grund, wieso ich diesen Roman (genau wie das „Nordlicht“) empfehlen kann, ist die detaillierte Aufarbeitung zu wenig beachteter europäischer Geschichte, wobei Jančar nicht mit dem Holzhammer vorgeht, sondern die Erwähnungen von Stalin („Nordlicht“), Tito und Hitler (beide „Die Nacht, als ich sie sah“) relativ subtil gestaltet. Insgesamt kann ich nur eine deutliche Leseempfehlung aussprechen – und obwohl „Nordlicht“ dank der Gliederung in 81 kurze Kapitel vielleicht leichter zu lesen ist, würde ich „Die Nacht, als ich sie sah“ eindeutig zum besseren Werk dieser beiden erklären. Und: Man kann froh sein, in friedlicher Umgebung („friedlicher Zeit“ möchte ich nicht schreiben; Handlungen wie von „Die Nacht, als ich sie sah“ sind heute in bestimmten Regionen der Welt sicherlich alltäglich) zu leben.

12. April 2020
18:11
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Gianni Roccanova
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8. April 2020
sp_UserOfflineSmall Offline

Verspäteten Dank für diesen Beitrag, sicher ein wenig ungewöhnlich für dieses Forum, aber doch eindeutig Kunst und Kultur zuzuordnen, somit am richtigen Platz.

Zumal derzeit die richtige Zeit ist, um sich verstärkt auch der Literatur zu widmen.

Grundsätzlich wird derzeit wieder sichtbar, wie wichtig Kunst und Kultur für das Alltagsleben sind.

26. März 2020
23:35
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Gurnemanz
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29. September 2018
sp_UserOfflineSmall Offline

Dass heute im Tageskommentar auch von Literatur die Rede ist:

Buch/ Literatur: Verlage am Abgrund
Das Coronavirus treibt die Buchbranche in eine Krise. Die Buchhändler bleiben auf ihren Büchern sitzen, und Amazon will sich auf Haushaltswaren konzentrieren.

nehme ich zum Anlass, mal ausnahmsweise etwas über Literatur einzustellen (diese gehört ja auch zur Kultur und ist daher in einem Kulturforum nicht fehl am Platze):

 

Der Österreichische Staatspreis für Europäische Literatur wird seit den 1960er Jahren jährlich in Österreich an europäische Schriftsteller verliehen, deren Werk international Beachtung erfährt und auch in deutschsprachiger Übersetzung vorliegt. Bisherige Preisträger waren beispielsweise Václav Havel, Friedrich Dürrenmatt und Umberto Eco.

Gestern wurde der Preis dem in 1948 in Maribor/Marburg geborenen Drago Jančar verliehen, der von einigen als der bedeutendste und beste zeitgenössische Schriftsteller Sloveniens angesehen wird. Jančar ist der deutschen Sprache mächtig, schreibt aber in seiner Muttersprache Slovenisch. 1974 wurde er wegen "feindlicher Propaganda" und "publizistischen Ungehorsams" in Jugoslavien inhaftiert.

Grund, sich ein bisschen mit diesem Autor zu beschäftigen und ihn auch hier ein bisschen vorzustellen, denn die Literatur unserer Nachbarländer ist uns noch immer kaum bekannt.

Gestern habe ich Jančars Roman "Nordlicht" (im Original "Severni sij") gelesen (1984 erschienen).

Link zum Coverbild​ (kann leider nicht eingefügt werden)

 

Meine Kurzbeschreibung:

Die Geschichte spielt im Jahre 1938 in Marburg/Drau, die Hauptperson gerät immer mehr in einen Abwärtsstrudel, bis sie in ein grausemes Gewaltverbrechen vewickelt wird. Nebenbei gibt es zahlreiche Ausblicke in Vergangenheit/Zukunft, man erfährt sehr viel über die gesellschaftliche Situation in Slovenien am Vorabend des Zweiten Weltkriegs.

Symbol für die herannahende Katastrophe (allgemein gesellschaftlich und für die Charaktere in diesem Buch) ist das Nordlicht, das am 25. Jänner 1938 über Mitteleuropa zu sehen war.

Das Buch kann ich nur jedem empfehlen, der man auf der Suche nach einer spannenden Lektüre ist, die nicht zum Mainstream gehört.

 

Anbei möchte ich noch die Notizen einstellen, die ich gestern während des Lesens verfasst habe (aber ursprünglich nicht für das Forum bestimmt) - immer während oder unmittelbar nachdem ich ein Kapitel gelesen hatte, es sind somit Momentaufnahmen:

(Der Text ist lang, aber man muss ihn ja nicht lesen.)

 

Kapitel 1

Leser wird plötzlich in die Geschichte hineingeworfen, beschrieben wird, dass Erdmann, frisch in der Stadt angekommen, „in der Dunkelheit des Morgens“ eine seltsame Gestalt sieht, sie nicht einschätzen kann, aber neugierig ist und nicht kehrtmacht. Die Gestalt ruft auf russisch-kirchenslavisch „Christus ist auferstanden!“. Jančar rückt nicht sofort mit der Information heraus, sondern macht es für seine Leser spannend. Wer ist die Figur? Man erfährt den Namen Fedjatin. Sein Gesicht wird als zerfurcht beschrieben, die Augen aber als ängstlich („nicht die Augen eines betrunkenen oder blöden Menschen“). Erst im letzten Drittel des Kapitels deutet Jančar an, dass die dunkelroten Flecken auf Fedjatins Jacke wohl Blutflecken sind. Ich als Leser werde neugierig und möchte wissen, was es damit auf sich hat. Die kurze Begegnung zwischen Erdmann und Fedjatin wird eindeutig zeitdehnend erzählt, also sehr detailliert. Der allerletzte Satz enhält erst das Datum: 1. Jänner 1938.

 

Kapitel 2

Plötzlich in der Ich-Perspektive. Beschrieben werden in sehr chaotischer Form die ungeordnet wirkenden Eindrücke, die (höchstwahrscheinlich – wird zwar nicht gesagt, ist aber anzunehmen) Erdmann von der Stadt hat, in die er gekommen ist (und wo er auch in seiner Kindheit war). Der „sonderbare Mensch“ aus Kapitel 1 ist nur eine der Seltsamkeiten, die ihm unterkommen. Erdmann hat ein Hotelzimmer bezogen, die Frage des Personals nach der Dauer seines Aufenthalts nimmt er offenbar nur schemenhaft wahr; für ihn scheint die Realität wohl nicht mehr wahrnehmbar.

 

Kapitel 3

Endlich ein längeres Kapitel. Erdmann (Ich-Erzähler) ist schon mindestens den zweiten Tag in dieser Stadt (kurz danach konkretisiert: „den dritten Tag“), korrekt-distanzierter Kontakt mit dem Hotelpersonal. Plötzlich fällt der Name „Jaroslav“: Der Ich-Erzähler wartet offenbar auf diesen Jaroslav und ist über dessen Nicht-Erscheinen verwundert, denn Jaroslav kommt sonst immer pünktlich.

Erdmann geht zur Post und gibt ein Telegramm an Jaroslav auf, dass er bis zum 7. Tage warten und dann zurückfahren würde – besonders auffallend ist, dass das auffallende Äußere der Postangestellten beschrieben wird: „rote Wangen“, „ungewöhnlich weiße Zähne“, „dass sie stark hinkte“; das lässt vermuten, dass genau das im weiteren Verlauf des Romans eine Rolle spielen wird (aber ich weiß es jetzt noch nicht). Jedenfalls erfährt man erstmals den Ort des Geschehens: Marburg an der Drau (also Maribor in Slovenien), diesen Ort hatte Erdmann dem Jaroslav als Treffpunkt vorgeschlagen, Jaroslav war damit einverstanden. Es scheint um das Aufbauen von Vertretungen quer durch die Länder zu gehen. Erdmann ärgert sich, nicht Triest als Treffpunkt vorgeschlagen zu haben. Erdmann geht ins Kino und erinnert sich an eine gewisse Lenka. Flüchtigen Kontakt beim Mittagessen bricht Erdmann bald ab – er wirkt wie ein Zerrissener, hält es weder allein aus, noch mit anderen Menschen. Beim Lesen werde ich immer neugieriger, wer Jaroslav ist und was er mit Erdmann plant.

Gegen 2 in der Früh betritt Jaroslav das Hotelzimmer – beziehungsweise nicht wirklich, denn Erdmann träumt das nur und wacht schweißgebadet auf. Im Traum wirkt Jaroslav sehr ungepflegt und wie bei einer medizinischen Untersuchung (unmittelbar davor erzählt Erdmann von Frauen in Paris, die zur Gänze mit Fell bedeckt sind, so ähnlich kommt ihm jetzt Jaroslav im Traum vor).

Erdmann gibt ein weiteres Telegramm bei der Post auf, beim Mittagessen kommt er wieder mit dem Handelsvertreter Pešič ins Gespräch, der aus Agram (Zagreb) stammt (ähm, eigentlich sollte er dann viel eher Pešić statt Pešič heißen, aber egal).

Im Hotel kommt er auch mit einem Tschechen (Ondra aus Mähren, lebend in Brünn) ins Gespräch, die beiden Männer unterhalten sich miteinander, obwohl keiner am Gesprächsthema des anderen interessiert ist. Erdmann sagt, Jaroslav Štastny sei ein Wiener Tscheche.

Gegen Ende des Kapitels philosophiert Erdmann über Stadt- vs. Landleben; er selbst ist ein Stadtmensch, Ondra favorisiert das Land.

 

Kapitel 4

Erdmann begegnet wieder dem verwirrten Russen vom ersten Kapitel und folgt ihm in ein heruntergekommenes Beisl. Mitten im Kapitel kurz Perspektivenwechsel, als Erdmann vom „Ankömmling an der Tür“ ( = er selbst beim Betreten des Beisls) spricht, gleich danach aber wieder Ich-Erzähler. Der Wirt sagt, Fedjatin sei ein ganz normaler schnapstrinkender Narr, und er möchte auch Erdmann etwas fragen, doch der zahlt wortlos und geht.

 

Kapitel 5

Ondra erzählt, er sei vor Marburg/Drau gewarnt worden, vor allem vor der dortigen Gewaltbereitschaft, die Messernarben mit sich bringen. Unweigerlich kommen mir die hinkende Postlerin und die Blutflecken auf Fedjatins Jacke in den Sinn.

Ondra beschreibt Fedjatin als Gottesmann, auch Stalin sei aus einem Priesterseminar hervorgegangen. Erdmann philosophiert innerlich über Fedjatin – ein gewöhnlicher Narr oder steckt mehr dahinter?

 

Kapitel 6

Erdmann, Ondra und Pešič verbringen mehr Zeit miteinander, Pešič provoziert im Lokal einen Serben – Streit liegt in der Luft. Erdmann verlässt eilig das Lokal, bevor die Situation eskaliert. Jančar kündigt in Erdmann-Ich-Perspektive an, dass Erdmann diese Nacht noch in diese (zwielichtige) Welt eintreten werde, in die nicht eintreten wollte... (es wird spannend, man spürt richtig, wie Erdmann in diesen Strudel hineingezogen wird).

Auf der Post wieder nichts Neues, im Hotel erfährt er, jemand warte auf ihn im Restaurant. Erdmann wird nervös und erwägt, es könnte Jaroslav sein – aber es ist nur Ondra, der ihm einen Herrn namens Franjo Samsa (Oberkontrolleur in Textilfabrik) vorstellt.

 

Kapitel 7

Historischer Rückblick: Slovenien als terra incognita; Erdmann vergleicht sich mit Personen, die vor ihm diese Stadt besuchten. Als es spannend wird, setzt Jančar also bewusst einen Ruhepunkt, um den Leser noch hinzuhalten, was diese Nacht passieren wird.

 

Kapitel 8:

Die Stimmung der Männer im Lokal heizt sich auf, Samsa möchte seine Bekannten zu seinen Weingärten in der Nähe der Stadt mitnehmen, viel Schnee, das Auto bleibt stecken. Samsa betritt mit den Männern das Haus einen alten Winzers, der sie mit Wein bewirtet. Danach wird Ermann vom Samsa einer Mitarbeiterin (Marjeta) vorgestellt als einer, der „zu uns“, „in seine Kindheit“ zurückgekehrt ist.

Erdmann kehrt ins Hotel zurück, fühlt sich verloren, hat keinen Zeitbegriff mehr. „Wie ein Rasiermesser“ überkommt ihn „der scharfe und klare Gedanke“, dass er auf Jaroslav vergeblich warten und die Stadt nie mehr verlassen würde.

 

Kapitel 9

Die besagte Frau heißt Margerita oder Marjeta. Erdmann reflektiert den vergangenen Abend, er kommt drauf, dass er nicht „nein“ sagen kann, wenn es am notwendigsten wäre, denn eigentlich wäre er gern daheimgeblieben, konnte sich dann aber doch nicht dazu durchringen. Er reflektiert über Margerita/Marjeta. In Gesellschaft begegnet er allen möglichen Leuten, auch (die verheiratete) Margerita/Marjeta, die seine Hand demonstrativ für alle gut sichtbar berührt. Die Gesellschaft der vielen Leute langweilt ihn. Er beschließt, noch 1-2 Tage auf ein Lebenszeichen von Jaroslav zu warten, und wieder kommt ihm das hinkende Postfräulein in den Sinn.

 

Kapitel 10

Das ganze Kapitel besteht aus einer Reflexion über das hinkende Postfräulein – ich frage mich langsam, wieso Jančar dieser Figur so viele Zeilen widmet, obgleich sie bisher nur eine Nebenrolle hat (steckt da mehr dahinter?). Im letzten Absatz beschreibt Jančar die Gedanken des Postfräuleins über Erdmann: „Das Postfräulein (...) hat als Erste mit aller Zuverlässigkeit festgestellt, dass dieser Mensch in eine Falle geraten ist. (...) Sie hat (...) gefühlt, dass es für ihn keinen Ausweg gibt. Diese Stadt ist seine Falle und in die ist er geraten.“.

 

Kapitel 11

Sehr wirre, eher unzusammenhängende Gesprächsthemen von Erdmanns Bekannten werden angerissen; gegen Ende des Kapitels kommen düstere Andeutungen, dass mit der Stadt und den Menschen, die sich dort aufhalten, „etwas wirklich Schlimmes“ geschehen könnte. Margerita/Marjeta wird als Alkoholikerin beschrieben, Erdmann sieht sich als im Grunde einsamen Menschen.

 

Kapitel 12

Blick in die Zukunft auf die Ereignisse des Jahres 1945 in Marburg/Drau aus Perspektive des hinkenden Postfräuleins (im Stil von „Könnte sie in die Zukunft schauen, dann sähe sie...“): die brutale Ermordung des verheirateten Elektrikers, mit dem sie jetzt ein Verhältnis hat, durch die bulgarische Armee.

 

Kapitel 13

Erdmann glaubt, sich an gewisse Bauten/Stätten in Marburg, die er in der frühen Kindheit gesehen hat, erinnern zu können, aber Margerita/Marjeta erklärt ihm, dass er sich das nur einbildet. Jančar beschreibt, wie Frau Samsa die Miete einhebt – ich frage mich, was das zur Handlung beiträgt, vielleicht erfahre ich es später.

 

Kapitel 14

Erdmann ist am Weg zur Post, ihm wird aber unheimlich, als er an das hinkende Postfräulein denkt, daher hemmt er seinen Schritt bzw. biegt vorher ab und gelangt in ein verrufenes Viertel mit Lokalen, in denen zwielichtige Gestalten sitzen: erstens Fedjatin (der russische Irre aus dem ersten Kapitel) mit einem „Mann mit Stiernacken und glatt rasiertem Gesicht“. Erdmann beschließt, diese beiden Figuren aus der Erinnerung zu löschen, er fragt sich, was er mit diesen überhaupt zu tun hat.

 

Kapitel 15

Reflexion über Marburg, anschließend philosophische Reflexion über ein Kind (Erdmann selbst?), das während der heiligen Messe in der Kirche den „blauen Ball“, den Gott in der Hand hält, haben möchte und nicht versteht, dass es die Weltkugel oder den Kosmos symbolisieren soll. Später wird dem Kinde ein blauer Ball gekauft, aber es wollte denjenigen haben, den Gott in der Kirche in Händen gehalten hatte.

 

Kapitel 16

Sehr rätselhaft. „Sie kam ins Café Central, um mich abzuholen“ – aber wer diese „sie“ ist, wird nicht schwarz auf weiß verraten. Handelt es sich um Margerita/Marjeta? Die Frau reagiert ablehnend auf Erdmann, die beiden schweigen einander an. Schließlich fragt ihn die Frau, ob er Lust habe mitzukommen, denn sie habe in der Kärntner Straße etwas zu erledigen... Für den Erzähler ist klar, dass das kein beiläufiges Angebot ist, sondern sie genau deswegen ins Café gekommen war (wie auch schon er erste, oben zitierte, Satz des Kapitels verrät). Er folgt ihr.

 

Kapitel 17

Ja, es ist Margerita/Marjeta. Erdmann kommt es so vor, als handle sie gegen ihren Willen. Im warmen Zimmer hat Erdmann das Gefühl, von (der verheirateten) Margerita/Marjeta „mit ihrem Blick“ geküsst zu werden, und die beiden schlafen miteinander – für Erdmann völlig unerwartet („vor einer halben Stunde hatte ich noch im Café Central gesessen“). Jančar beschreibt aus Erdmanns Perspektive den schönen Leib der Frau. Das ganze wirkt jedoch auf mich irgendwie einstudiert und leidenschaftslos. Erdmann: „ich will sagen, dass es mir bei ihrem Spiel keineswegs leichtfiel mitzumachen“. Schließlich bringt sie ihn dazu, das zu tun, was sie will, das alles geht jedoch gesprächslos vor sich, Zitat: „Als ich sie überwältigt hatte und mit den Fingern zwischen ihre leicht geöffneten Beine fuhr, wo es seltsam warm und feucht war, flüsterte sie: Nicht so, nicht mit den Fingern. Das war alles, was sie an diesem Vormittag sagte.“.

Erdmann stellt ganz am Ende fest, dass es lächerlich ausschauen müsse, dass er es nicht geschafft habe, seine Krawatte abzunehmen.

 

Kapitel 18

In auktorialer Perspektive Beschreibung des Hauses, in dem das Kapitel 17 spielt, und mancher seiner Bewohner. Gespräch zwischen den Bewohnrinnen Kätchen und Gretchen über einen Mann, der nicht vor der eigenen, sondern vor „ihrer“ Tür steht. Ich weiß nicht, wer gemeint ist, vielleicht Erdmann vor der Tür? Die beiden Frauen munkeln, es könnte sich um einen „von den Kiberern, von der Polizei“ handeln.

 

Kapitel 19

Wieder in der Ich-Perspektive Jančars: Er scheint jemand in der Stadt zu suchen, vielleicht Margerita/Marjeta? Er traut sich nicht, ins Hotelzimmer zurückzugehen, da er dort die Worte seines Vaters innerlich hört. Unterwegs spricht ihn ein unbekannter Mann an und fragt ihn gradheraus, ob er „nach dem Essen im Hotel sei“. Erdmann bejaht.

Und tatsächlich, nach dem Essen klopft es an Erdmanns Zimmertür, und es tritt „der vormittäglich Unbekannte von der Eislaufbahn“ ein. Der Unbekannte fragt ihn nach seinem Verhältnis zu Gašper und Ondra, Erdmann kennt sich zunächst nicht aus. Schließlich kristalliert sich heraus, dass es um Verbindungen nach Tschechien geht. Der Fremde fragt nach der Lage in Prag und ob sich „unsere Leute alle in Sicherheit“ befänden. Erdmann versteht langsam...

Erdmann möchte den Unbekannten hinausschmeißen, doch er traut sich nicht, zum Hotelportier zu gehen. Der Unbekannte gibt sich als Verbindungsmann zu erkennen und sagt: „Filip lässt dir mitteilen (...) dass man auf der Hochzeit beschlossen hat, dass es noch eine Menge Tanz geben wird“, und dass „der große Abverkauf der Drucksachen“ in 14 Tagen beginne: Die Verkäufer würden bereitstehen, die Käufer nichts ahnen.

Erdmann sieht, dass er Teil einer Untergrundbewegung ist, ihm wird das alles zu viel, er ruft sich gewalttätige Vorgänge in Osteuropa ins Gedächtnis.

 

Kapitel 20

Erdmann braucht Zeit für sich, findet aber an der Rezeption einen Brief von „Margerita Samsa“ vor, wieso er nicht mehr zu ihnen komme. Der Bitte kommt er nach – in Gesellschaft werden diverse Geschichten erzählt, diesmal über brutale Todesfälle/Ermordungen. Schlusssatz: „An diesem Abend floss zwischen Teppichen und Früchtekuchen Blut“.

 

Kapitel 21

Erdmann unternimmt mit seinen Bekannten einen Ausflug, dort küssen sich Margerita und er, und es fallen abfällige Äußerungen über die Deutschen, denen niemand widerspricht.

 

Kapitel 22

Reflexion über die Geschichte Maribors im 20. Jahrhundert (inkl. Blick in die Zukunft nach 1938) aus der Perspektive eines Trafikanten und auch anhand der oftmaligen – historisch bedingten – Umbenennung von Straßen (Goethe als DER deutsche Dichter wechselt mehrmals mit Prešeren als DEM slovenischen Dichter).

 

Kapitel 23

Erdmann befindet sich bei Margerita, mit der er sich mittlerweile offenbar regelmäßig trifft, nennt aber ihren Namen nicht, denn es ist klar, um wen es sich handelt („Ihr Ingenieur war in seiner Fabrik, (...) wir zwei lagen mitten am Tage am Bett“). Margerita schlägt vor, Erdmann könne zum Skifahren mitkommen, denn Jaroslav würde „doch so bald nicht“ kommen. Margerita sagt, eine ganze Woche (im Skiurlaub) würde sie nicht ohne Erdmann aushalten, also treffen sie sich offenbar mehrmals pro Woche.

Nach dem Lesen des Kapitels 15 hatte ich noch geschrieben: „über ein Kind (Erdmann selbst?)“ – jetzt in Kapitel 23 wird klar, dass es sich um Erdmann handelt (bzw. vielleicht sogar um Jančar?).

Margerita sagt zu Erdmann, er sei „ein Fremder (...), über den schon alles mögliche geredet werde“, verweigert aber die Antwort, was denn geredet werde.

 

Kapitel 24

Der Hotelportier teilt Erdmann an drei aufeinanderfolgenden Tagen mit, dass er von jemandem gesucht werde. Erdmann kommt es so vor, als würde er „sie“ (wohl Margerita) schon von früher kennen, aus einer anderen Stadt...

Ein Offizier, der auf der Straße einen Leutnant ohrfeigt, erinnert ihn optisch an den Unbekannten aus Kapitel 14 (vielleicht ist er es auch? das wird nicht gesagt). Erdmann fühlt mit dem Schmerz des abgewatschten Leutnants.

Erdmann treibt es zum Bahnhof: Er möchte in den erstbesten Zug einsteigen, vermag es aber nicht – hinter seinem Rücken hört er Franjo Samsa (mit dessen Frau er das Verhältnis hat) reden, er möchte nicht erkannt werden (wohl aus schlechtem Gewissen ihm gegenüber).

Erdmann möchte nicht ohne Koffer und ohne „diese blaue Kugel“ wegfahren, die er als Kind in der Kirche in den Händen Gottes gesehen hatte.

Erdmann möchte am Bahnhof nicht erkannt werden und versucht, sich zu verstecken. Er geht zurück ins Hotel und scheint Wahnvorstellungen zu haben, er fühlt sich sichtlich nicht wohl (Ich muss sagen, irgendwie erinnert er mich schon die ganze Zeit irgendwie an Aschenbach in Thomas Manns „Der Tod in Venedig“, auch wenn bei Jančar natürlich keine homosexuelle/pädophile Komponente vorhanden ist).

 

Kapitel 25

Innere Reflexion Erdmanns über seinen seelischen Zustand und zu dem, was er überhaupt in Marburg sucht. Es kommt ihm vor, als befinde er sich in einem „Chaos“, in einer „Verwirrung, die von allen Seiten an den Mauern gräbt und nagt.“.

 

Kapitel 26

Margerita ist in der Nacht um zwei in der Früh in Erdmanns Hotelzimmer gekommen und bis zum frühen Morgen geblieben.

Erdmann: „Ich muss weg, ich muss abreisen“. (aber der Leser weiß jetzt schon, dass er das nicht so bald tun wird)

Erdmann und Margerita treffen einander in der Stadt, er schreckt zurück, ihr zu erzählen, wie ein Kalb geschlachtet wird, denn Margerita sei schon in der Vergangenheit bei Schilderungen von Gewalttaten „ganz bleich“ geworden. Das lässt mich vermuten, dass sie selbst mit Gewalttaten Erfahrung hat, womöglich in welche verstrickt ist.

 

Kapitel 27

Erdmann vergleicht Margerita mit „geheimnisvollen Frauenschicksalen“ und kommt zum Schluss, dass Margerita ihrer Realität entfliehen möchte. Ganz am Ende des Kapitels wird ganz vorsichtig eine Ermordung (bzw. die Ermordung Margerita s) angedeutet.

 

Kapitel 28

Erdmann kommt zum (richtigen) Schluss, dass er „so viele Leute“ kenne und trotzdem „verdammt einsam“ sei. Nur mit Margerita fühlt er sich mehr verbunden (sie fehlt ihm immer mehr). Die zweite Hälfte des Kapitels ist längeren Reflexionen Erdmanns über die damalige weltpolitische Situation und jüngere Vergangenheit gewidmet. Politisch braut sich etwas zusammen... Außerdem kommt die Rede auf Untergrundsysteme in Slovenien, und da sollte man bedenken, dass auch der Autor Drago Jančar im jugoslavischen Slovenien politischer Gefangener war (vermutlich hatte Jančar sich selbst beim Schreiben dieses Kapitels vor Augen).

Erdmann schließt mit der Feststellung, dass auch die ganze Erde explodieren könnte, sofern es nicht in seinem Kopf explodiere – es geht im offenbar nicht gut, er ist der Weltpolitik gegenüber gleichgültig eingestellt.

 

Kapitel 29

Im Kapitel 29 werden viele Zahlen strafrechtlicher Verurteilungen präsentiert. Dieses Kapitel liest sich wie ein Auszug aus einer Zeitung.

 

Kapitel 30

Nebenbei: Es ist ärgerlich, dass die Übersetzung in neuer Rechtschreibung gesetzt ist und somit zwischen zwei Hauptsätzen kein Beistrich steht – ein ganz großer (mittlerweile nicht mehr verpflichtender) Unsinn der neuen Rechtschreibung: Somit musste ich den Satz „Solch ein Sonnenlicht war zwischen uns und in dem freundlichen Streifen, der vom Teppich aufstieg, tanzten die Staubteilchen“ mehrmals lesen, um ihn zu verstehen, was nicht passiert wäre, wenn zwischen „zwischen uns“ und „und in dem freundlichen Streifen“ ein Beistrich stünde!

Erdmann ist auf dem Polizeikommissariat bei einem Verhör nach der Ursache des Verbleibs in Marburg. Erdmann ist das Polizeikommissariat aufgrund der dort verübten Gewalt unheimlich, doch der Beamte ist freundlich. Im Dialog mit dem Beamten kommt heraus, dass Erdmanns Eltern „vor dem Krieg“ (also vor dem Ersten Weltkrieg) weggezogen sind und sein Vater Beamter bei der Reichspost war.

Der Beamte sagt, man müsse die Leute in der Stadt erfassen überprüfen, um Gewalttaten und Verbrechen zu verhindern.

Schließlich rückt der Beamte mit der Sprache heraus: „Josip Klančnik, bei seinen Komplizen bekannt unter dem Namen Jelenc“ sei „ein bekannter kommunistischer Agitator“. Die Polizei folge ihm auf Schritt und Tritt, so sei sie auch von Klančniks Besuch in Erdmanns Hotel (Kapitel 19) unterrichtet, aber man verhafte ihn noch nicht, weil man ihn noch brauche, um die Spur zu Spießgesellen zu erfahren...

Erdmann versucht auszuweichen, was der Beamte sofort erkennt und eindeutige Anspielungen auf Erdmanns Verhältnis mit Margerita macht. Erdmann wird es langsam zu viel. Er zögert, dem Beamten zu sagen, dass er „wegen dieser Kugel in der Kirche gekommen“ sei. Der Beamte rät Erdmann, eine Arbeit in Maribor zu suchen, einen Wohnsitz anzumelden anstatt herumzulungern, die ganze Stadt kenne ihn bereits. Der Beamte macht Andeutungen, Erdmann sei zurückgekommen (in die Stadt seiner Eltern) und würde die Stadt nicht mehr verlassen können...

Erdmann reicht es, er hat keine Lust, sich von ihm sein Leben erklären zu lassen. Er geht und hört nicht mehr, was ihm der Beamte nachruft. Schließlich sinniert er darüber, wieso er nach Marburg gekommen ist. Hätte er nicht auch in Triest aussteigen können...?

(übrigens schon 30 von 81 Kapiteln ohne die Erwähnung des titelgebenden Nordlichts)

 

Kapitel 31

Erdmann begegnet Franjo Samsa, der ihn zu einem russischen Abend einlädt, und Erdmann hat den Eindruck, als wüsste Samsa genau über Erdmanns Verhältnis zu Samsas Frau. Erdmann wird die Situation unheimlich, er lehnt dankend ab.

Erdmann geht durch die Stadt (in die er, wie er sich einzugestehen beginnt, zurückgekehrt ist), er beobachtet von draußen das Geschehen in einer Spelunke und wird vom durchdringenden Blick des Fedjatin getroffen. Er setzt sich zu ihm und zu dem „jüngeren Mann mit dem kräftigen ausrasierten Nacken“ (er erfährt seinen Namen: Ivan Glavina). Glavina hat vor kurzem seine Arbeit verloren und schimpft auf so ziemlich alles und jeden. Es fließt immer mehr Alkohol...

Als Erdmann im Hotelzimmer aufwacht, erkennt er, dass er „letzte Nacht so schrecklich getrunken“ hatte, als wollte er sich umbringen, sich „in genau dieser Nacht total und endgültig vernichten“. Allerdings sei es zum Besäufnis aufgrund einer gewaltigen Angst gekommen, nicht aufgrund von Selbstmordabsichten. Erdmann spürt, dass Ivan Glavina gewalttätiges Gefahrenpotential ausgeht. (womöglich ein Vorverweis auf das, was im Roman noch folgt?)

 

Kapitel 32

Längere Reflexion über Alkohol und vor allem über die Alkoholabstinenzbewegung. (nebenbei auch kurze Erwähnung der angespannten Situation zwischen Slovenen und Deutschen und der allgemeinen Unsicherheit der Menschen)

 

Kapitel 33

Am Vormittag nach dem Besäufnis kehrt Erdmann zum Gasthaus zurück, das ihm jetzt noch unheimlicher vorkommt als in der Nacht.

Später hört er beiläufig von Margerita , dass sich die Stimmung in ihrer Gesellschaft immer mehr gegen ihn, Erdmann, richte und die Polizei ihn für einen internationalen Hochstapler und Betrüger halte. Erdmann verteidigt sich nicht gegen diese Vorwürfe.

Erdmann fragt Margerita , ob sie „bezüglich Dachrepartur“ „etwas zu erledigen habe“ (ein Code für die Affäre), sie sagt aber, es sei heute „völlig unmöglich“. (offenbar wendet sie sich mittlerweile von ihm ab). Er lässt nicht locker und zieht schon die Aufmerksamkeit anderer Gäste auf sich, worauf sie aufsteht und grußlos weggeht. Erdmann fühlt sich allein gelassen und ist verzweifelt. Er zahlt hektisch, geht ins Hotel, schläft bis zum Abend, und als er aufwacht, ist ihm, als würde seine Brust zugeschnürt.

 

Kapitel 34

Margerita kommt (betrunken) doch wieder zu Erdmann. Erdmann fasst den Entschluss, sich am Abend zu betrinken. Margerita geht, Erdmann hält Blickkontakt mit dem Kapellmeister der Musikkapelle, die unter dem Hotel spie.t

 

Kapitel 35

Reflexion über Musik, über die Bedeutung des Dirigenten einer Blaskapelle und über das Verhältnis zwischen Vater und Sohn, außerdem über die gesellschaftliche Situation des Jahres 1938 (Instrumentalisierung der Jugend für propagandistische Zwecke). Am Ende kurzer Ausblick in die Zukunft (Zweiter Weltkrieg, ein „blutige(r) Wahnsinnstanz“).

 

Kapitel 36

Erdmann begegnet Gretchen (eine Nachbarin von Margerita ), die ihn zu einem Besuch einlädt. Erdmann sucht die zwielichtige Kneipe wieder auf. Schließlich kommt es zu einer Begegnung mit dem glatzköpfigen Doktor Bukovski, und Erdmann versucht mit mäßigem Erfolg, den Gedanken beiseite zu schieben, dass Bukovski seinetwegen, also Ermanns wegen, gekommen sei...

In der Nacht ruft Margerita an und besteht auf einem dringenden Treffen gleich am nächsten Morgen.

 

Kapitel 37

Das Verhältnis zwischen Ermann und Margerita wird aufgedeckt: Alles ist bekannt, sie hat ihrem Mann auch den Vorwand mit der Dachreparatur erzählt (doch wurde bezeichnenderweise die Tatsache ausgespart, dass Erdmann von Margerita verführt worden war und nicht umgekehrt). Doch die Konfrontation zwischen Samsa und Erdmann ist auffallend ruhig, beide verhalten sich freundlich und korrekt. Samsa macht Erdmann Vorhaltungen über sein unstetes Leben und erzählt ihm von seiner Beziehung zu Margerita . Fast freundschaftlich scheiden die Männer voneinander, nachdem Samsa Erdmann gebeten hatte, „keine Besuche mehr zu machen“. (Erdmann als Ich-Erzähler lässt den Leser wissen, dass er „schon lange keine Besuche mehr“ mache.) Die mitgebrachten Blumen erhalten somit die Nachbarinnen Gretchen und Kätchen.

 

Kapitel 38

Erdmann zieht um, nachdem er in seinem Hotelzimmer von Alpträumen geplagt wird. Er kann sich nicht eingestehen, dass die Alpträume etwas mit seinen sozialen Kontakten zu tun haben.

Erdmann glaubt, auf dem Bett den Unbekannten aus Kapitel 19 zu sehen. Er geht zur Rezeption, führt sich dort auf und heißt den Hotelangestellten mitzukommen. Im Zimmer angelangt muss er feststellen, dass sein Bett völlig unberührt scheint. Vermutlich hat er sich die Erscheinung des Unbekannten nur eingebildet – oder doch nicht? Das wird offengelassen. Endlich gibt es einen Hinweis auf die vergangene Zeit: „Nicht einmal ein Monat“ befinde sich Erdmann schon in Marburg, denkt er bei sich. Erdmann zieht in ein Gasthof mit Fremdenzimmern am anderen Ufer der Drau.

 

Kapitel 39

Noch immer keine Antwort von Jaroslav. Auch in Erdmanns neuer Unterkunft wird regelmäßig nach ihm gefragt. Erdmann hat Sehnsucht nach Margerita (nur „sie“ genannt). Erdmann möchte die besagte Kirche mit der „blauen Kugel“, von der er auch geträumt hat, finden, so wie er schon andere Orte seiner frühen Kindheit gefunden hat.

 

Kapitel 40

Rückblende ins Jahr 1919: Pogrom (und öffentliche Demütigung) von Slovenen (vielleicht mit einem Serben) gegen den Deutschen Leopold Markoni (Erdmanns Vater? der Name wurde schon einmal im Buch genannt, aber ich will ihn jetzt nicht suchen).

 

Kapitel 41

Erdmann macht Bekanntschaft mit dem „Tondichter“, mit dem er sich in irgendeiner Weise verbunden fühlt. Erdmann drohen Geldprobleme, sein Aussehen ist ungepflegt. Der Tondichter will „eine künstlerische Seele“ in Erdmann, welcher den Entschluss fasst, morgen abzufahren, erkennen.

 

Kapitel 42

Information über die im Jahre 1938 moderne Rassenideologie des Anthropologen Hans Weinert, der laut Wikipedia „während der Zeit des Nationalsozialismus im Sinne der nationalsozialistischen Rassenhygiene wirkte“, und über die damalige Kritik an dieser Ideologie.

 

Kapitel 43

Erdmann und Tondichter befinden sich schon wieder / noch immer im Gespräch. Der Tondichter schwärmt für Musik, Boris Valentan („Bussolin“) betritt das Kaffeehaus und tadelt Erdmann des Verbreitens „intimer Dinge“, die er in der Gesellschaft, aus der er sich zurückgezogen habe, gehört hatte und des Missbrauchens des ihm entgegengebrachten Vertrauens. Der Tondichter versucht, Erdmann zu verteidigen, was schiefgeht; schließlich endet das Kapitel eher in Streit.

 

Kapitel 44

Eine absolute Seltenheit: Das Kapitel 44 schließt unmittelbar an das Kapitel 43 an. Bussolin beschuldigt Erdmann „mit zitternder Stimme“, Margerita „ins Unglück gestürzt“ und „verraten“ zu haben. (Wobei das natürlich nicht den Tatsachen entspricht, zumal unterschlagen wird, dass Margerita von sich aus das Verhältnis mit Erdmann begonnen hatte und keinesfalls dazu gezwungen wurde.) Erdmann verteidigt sich nicht, Bussolin geht.

Der Tondichter hat Gelegenheit, auf die Menschheit zu schimpfen und die Rassenideologie zu propagieren.

 

Kapitel 45

Glavina ist schlecht gelaunt und kritisiert Erdmann, der ihn auf seine Schultern nimmt und zum Amusement der Leute durchs Lokal trägt.

 

Kapitel 46

Wechsel in die auktoriale Perspektive: Erdmann lässt sich offenbar gehen, ist häufig betrunken. Reflexion über die Juden in Marburg bzw. über die „Judenfrage“ im Jahre 1938 in Mitteleuropa.

 

Kapitel 47

Wieder in der Ich-Perspektive Erdmanns. Erdmann und der glatzköpfige Doktor Bukovski begegnen einander auf der Straße. Bukovski weicht aus, doch Erdmann schreit ihm Grüße nach, worauf Bukovski kehrtmacht und die charakterliche Veränderung Erdmanns der letzten beiden Wochen konstatiert. Er nimmt ihn mit ins Krankenhaus und zeigt ihm dort mehrere Leichname von Menschen, die vom Schnapsrausch an Leberzirrhose verstorben sind. Erdmann sackt zusammen, kommt aber wieder zu sich. Der Arzt bemerkt die „eigenartig geweiteten Pupillen“ Erdmanns. Dieser hat das Gefühl, der Boden würde unter seinen Füßen weggleiten.

 

Kapitel 48

enthält in direkter Rede das, was Josef Erdmann (wenn ich mich recht erinnere, wird hier erstmals Erdmanns Vorname genannt) von Doktor Bukovski über die im Jahre 1938 aktuelle Rassentheorie erzählt bekommt – aus heutiger Perspektive sind die Inhalte rassistisch, judenfeindlich und lächerlich absurd. Bukovski schlägt schließlich vor, die Juden auszurotten.

 

Kapitel 49

Erdmann ist ungepflegt und der Zahlung seiner Unterkunft säumig. Unterwegs läuft er einer Liselotte in die Arme, die ihm Komplimente macht – doch der Leser ahnt, dass etwas Unheimliches folgt, denn Erdmann kommentiert: „Wenn sie mir gleich gesagt hätte, was sie mir später sagte, wäre ich wahrscheinlich nie mitgegangen und mir wäre manches erspart geblieben.“.

Der Gastgeber („Ggb.“, also Leopold Markoni) bewirtet Erdmann und erzählt ihm von seiner Theorie des „Deutschen Kulturbodens“ und stellt die Deutschen als übermächtig hin.

 

Kapitel 50

Rückblende in die Familiengeschichte der Markonis: Der Sohn entwickelt sich anders als der Vater, dem Vater dämmert es immer deutlicher, dass sein Sohn den Betrieb wohl nicht übernehmen könne/werde; das verletzt den Vater innerlich sehr. Der Vater schickt den Sohn auf ein Jugend-Militärlager, was aber auch nicht den gewünschten „Erfolg“ bringt. Das Verhältnis zwischen Vater und Sohn scheint zerrüttet und wird noch zerrütteter, als der Sohn auf anraten eines slavophilen Schulmeisters öffentlich ein Transparent mit der großen Aufschrift „Das Herz unserer Stadt schlägt für das tschechoslowakische Brudervolk“ emporhält: Der Vater verliert die Kontrolle über sich, schlägt auf den Sohn ein und zerrt den Sohn vom Ort des Geschehens. In der darauffolgenden Nacht schliefen weder Vater noch Sohn, jeder der beiden „war voll stillen Hasses. Das war die erste Ohrfeige“. – Was hat diese Geschichte hier zu suchen? Hat Jančar die Kindheitsgeschichte von Josef Erdmann erzählt?

 

Kapitel 51

Erdmann gibt sich gegenüber dem „Ggb.“ (Leopold Markoni) als Pazifist zu erkennen, worauf sich Markoni zum Nationalsozialismus bekennt. Es wird immer klarer, dass der Roman am Vorabend des Zweiten Weltkriegs spielt.

 

Kapitel 52

Erdmann reflektiert über Fedjatin und wirft mit zahlreichen Fremdwörtern um sicn („hypnotische Disaggregation“, „somnambul“, „Idiosynkrasie“, ...).

Gretchen und Kätchen beklagen den körperlichen und optischen Verfall Erdmanns, Gretchen bügelt schließlich seine Hose. Erdmann macht sich sodann auf, um Glavina zu suchen (vergeblich).

 

Kapitel 53

Information, wie Leopold Markoni der Ältere vom (aus seiner Sicht skandalösen) Verhalten des Leopold Markonis des Jüngeren während des Zeltlagers an den Plitwitzer Seen erfährt. In den darauffolgenden Jahren haben Sohn und Vater kaum mehr Kontakt.

 

Kapitel 54

In der tagesaktuellen Zeitung wird der „Ausbruch eines blutigen Weltkrieges“ prophezeit.

Gretchen bekennt sich gegenüber Erdmann zu dessen Verwunderung nicht als Windische (Slovenin), sondern als Deutsche – obgleich ihre Schwester Kätchen Slovenin sei. Die beiden Schwestern reden abfällig über verschiedene Völker Europas (und über die Amerikaner und Türken).

Erdmann bekennt, „jetzt immer öfter“ die beiden Schwestern zu besuchen und deutet an, er mache dies, um „vor jener Tür“ haltzumachen, hinter der er einst mit Margerita allein gewesen war... Jetzt leben einige neue Mieter dort, die Samsas sind offenbar umgezogen.

 

Kapitel 55

Gänzlich im Futur formuliert, Schilderung der Ereignisse nach Abzug der Deutschen, als „der erste OZNA-Mann da sein wird“ (OZNA = Organ Zaštite Naroda Armije; also der Geheimdienst im Jugoslavien Titos). Gretchen wird als „Deutschenhure“, als „Gestapohure“ beschimpft und von den Männern brutal misshandelt.

 

Kapitel 56

Erdmann sitzt mit Glavina und Fedjatin zusammen und betrinkt sich – er hat sonst niemand in Marburg. Liselotte weicht ihm aus, und von Margerita hört er schon lange nichts mehr, aber er vermisst sie... Wieder überkommt ihn das Gefühl, als würde die Welt vor ihm davongleiten, abwärts, zum Fluss hinunter. Erdmann irrt durch die Straßen und findet sich „mitten in einem großen Kirchenschiff“ wieder.

 

Kapitel 57

Unmittelbare Fortsetzung des Kapitels 56. Erdmann befindet sich im Kirchenschiff. JETZT SIEHT ER DEN „BLAUE(N) BALL“, den er die ganze Zeit über gesucht hatte. „Jetzt war alles da und alles war ganz anders“ als in seiner dumpfen Erinnerung. Erdmann hat das Gefühl, die blaue Kugel würde herunterfallen, „unendlich langsam“ zu Boden gleiten und schließlich durch das Kirchenschiff rollen... Als er seinen Blick wieder gen Decke richtet, ist die Kugel jedoch wieder dort, wo sie sein sollte.

Es ist ihm, als wäre die Kugel „aufgeschnitten und mit dem schwarzen Faden aus der Prosektur mit großen unbeholfenen Strichen wieder zusammengenäht“ – wie schon früher, vermischen sich auch hier Realität und (Wahn-)Vorstellung Erdmanns.

Erdmann bricht vermutlich zusammen, eine unbekannte Stimme erkundigt sich nach seinem Befinden. Ich als Leser hatte zuerst den Eindruck, dass Erdmann in ein Zwiegespräch mit seiner Gottesvorstellung trete, aber es handelte sich „nur“ um einen Geistlichen, der anbot, einen Arzt herbeizuholen.

Die Wahnvorstellungen Erdmanns verflüchtigen sich.

 

Kapitel 58

Diesem Kapitel ist ein kursiver Text vorangestellt, der das Nordlicht ankündigt (dem Buchumschlag ist zu entnehmen, dass das Nordlicht „unheilschwangeres Sinnbild der heraufziehenden Katastrophe“ sei).

Gegen halb 9 abends wird Erdmann aus seinem Halbschlaf geweckt, denn es brennt. – Doch es brennt nicht wirklich, sondern „der ganze Himmel auf der Nordseite war blutig rot (...) als wäre plötzlich ein Tag auferstanden, aber kein Tag im Sonnenglanz, sondern ein Tag in blutiger Glut“. Die Leute wirken verstummt, „es war völlig still“, auch wenn später von einem „dumpfe(n) Dröhnen“ und einem Erdbeben erzählt wird.

Nur Fedjatin nützt die Gelegenheit für seinen großen Auftritt: Er wiederholt die Rufe von der Auferstehung Christi, die uns bereits im ersten Kapitel des Romans begegnet waren. Der Jüngste Tag sei gekommen, der Menschensohn sei da, die Erlösung nahe.

Die Menschen können sich das Naturereignis nicht erklären.

Auch nach dem Verschwinden des Lichtes beleibt Fedjatin wie eine Statue in der Mitte der Brücke stehen. Erdmann philosophiert im Gasthofzimmer über seine innere Unruhe.

 

Kapitel 59

Blende in die Zukunft, in die Ereignisse des Jahres 1944: Doktor Bukovski wird von der Gestapo abgeführt, weil – eine mit Verwaltungsaufgaben betraute Krankenschwester wird ihn verraten – er mehrmals Sanitätsmaterial einem Unbekannten ausgehändigt hat. Bukovski wird eine Woche lang gefoltert, dann ins Alte Gefängnis (Stari pisker) in Cilli/Celje, danach ins KZ Buchenwald, wo er zunächst kurze Zeit im Steinbruch arbeiten muss, dann für sogenannte anatomische Untersuchungen zur Verfügung stehen muss. Nach weniger als einem Monat dieser Tätigkeit wird er von einem betrunkenen SS-Offizier erschossen, wobei sich Jančar über den Grund des Mordes ausschweigt, bloß Andeutungen macht, es werde wohl seinen gehabt haben. Bukovski wird „in eine große Grube“ geworfen, über ihn „wie Holzscheite bis zum Tode ausgezehrte Juden“. Das gesamte Kapitel steht im Futur.

 

Kapitel 60

Informative Abhandlung über das Nordlicht (und die Reaktionen der Menschen hierauf), das am 25. Jänner 1938 über Mitteleuropa zu sehen war – es handle sich um ein sehr seltenes Phänomen, zuletzt 1894 beobachtet.

 

Kapitel 61

Erdmann wacht nach einem „erotische(n) Morgentraum“ mit Margerita auf. In seiner Vorstellung wird er von mir mit den seltsamen Worten „Du hast mich zerweckt“ angeredet. Als er wieder zu sich kommt, fällt ihm wie Schuppen von den Augen, daß jetzt der letzte Moment ist, Marburg zu verlassen. Nach Marburg sei er wegen der Abmachung mit Jaroslav gekommen, allerdings auch, um die Stadt zu sehen, in der er etliche seiner Kindheitsjahre verbracht habe. Erdmann reflektiert sein Verhalten: Viel sei er in den letzten Jahren gereist, plötzlich sei er in Marburg ausgestiegen und dort geblieben. Er sei in eine Falle geraten, und jetzt sei der letzte Moment, die Stadt zu verlassen, und er macht sich daran, den Koffer zu packen (nebenbei: knapp ein Viertel des Romans liegt noch vor mir, man darf also davon ausgehen, dass er die Stadt natürlich nicht sofort verlässt).

 

Kapitel 62

Perchten ziehen durch die Stadt, Erdmann vermeint, in den roten Augäpfel eines Perchts das hängengebliebene Nordlicht zu sehen.

Erdmann verfolgt keine Nachrichten mehr, bekommt aber dennoch mit, dass in der Stadt die Rede von einem in Wien abgebrannten Hotel ist (ist das historisch? auf die Schnelle konnte ich nichts im Internet finden, aber das heißt ja nichts) und von „unglaubliche(n) politische(n) Umstürze(n)“ in Österreich. Er mutmaßt, Jaroslav könnte sich im abgebrannten Hotel befunden haben.

Jedenfalls hat Erdmann einen Grund, die Abreise nach Wien aufzuschieben, denn er möchte sich keiner Gefahr aussetzen.

Zu seinen Zechbrüdern gesellt sich ein junger, „hagere(r), schweigsame(r) Mensch“ namens Poldi Markoni – es wird zwar nicht gesagt, aber es handelt sich eindeutig um den Sohn, dessen Beziehung zum Vater ein paar Kapitel vorher beschrieben worden war. Unter Alkoholeinfluss hat Erdmann den Eindruck, als würden Glavina und Poldi Markoni etwas aushecken.

Erdmann geht zum Fluss und spielt mit dem Gedanken, sich zu ertränken, was er mit beschönigenden Worten verbrämt („damit mich sein trübes Wasser auf seinen ruhigen Wellen schön hinuntertragen könnte ins Schwarze Meer“). Doch danach der harte Schlusssatz: „Aber das da drinnen ist ein kalter Fischzwinger“.

 

Kapitel 63

Erdmann ist mit Fedjatin zusammen, als es zu einem Aufruhr kommt, den als Nonnen verkleidete Männer verursachen.

Erdmann fühlt sich inmitten vieler Menschen allein und beschließt, die Gesellschaft des Ingenieurs zu besuchen, obwohl ihm (und auch mir als Leser) dämmert, dass das keine gute Idee ist...

Beim Eingang kommt es jedoch zu einem weiteren Tumult mit Polizeieinsatz.

 

Kapitel 64

Erdmann kauft sich eine Piratenbinde und fühlt sich betrunken inmitten vieler Menschen, von denen er kaum beachtet wird, nicht unwohl. Er erblickt den Kahlkopf, aber als er sich ihm nähern möchte, taucht ein als Nonne verkleideter Mann aus dem vorherigen Kapitel vor ihm auf, der sich als Mitglied der Sokol-Turnbewegung bezeichnet und bekennt, Ziel der Sokoln sei es, „die Deutschen zu verprügeln“.

Bussolin und der Ingenieur sind da, der wohl für Marjeta bestimmte Sessel ist unbesetzt, Erdmann setzt sich dazu, wird aber von den anderen erst mit einiger Verzögerung bemerkt, zumal die Aufmerksamkeit aller auf den Artisten gerichtet ist. Schließlich versucht Erdmann, Blickkontakt mit seinen Tischnachbarn aufzunehmen. Bussolin fasst sich als erster, wird aber vom Ingenieur gebeten, keine Szene zu machen. Die Stimmung wirkt auf mich etwas erzwungen-heiter.

 

Kapitel 65

Erdmann nimmt „sie“ war, also wohl Margerita/Marjeta, und lädt sie mit einer Handbewegung ein, an seinem Tisch Platz zu nehmen. Nur mehr drei Personen im Raum sind relevant, nachdem die übrigen den Raum verlassen hatten. Margerita/Marjeta, Bussolin und Erdmann selbst. Im Hintergrund wird von einer Alkoholisierung Margeritas/Marjetas gesprochen. Erdmann tanzt mit ihr „sehr lange“ auf der Tanzfläche, er spürt beim Tanz, dass sie ihren Leib dem seinigen „willig“ hingibt. Sie haucht ihm ins Ohr, er hätte nicht kommen dürfen. Gemeinsam verlassen sie das Lokal, auf der Straße küssen sie einander, Erdmann zieht sie mit sich. Plötzlich stockt sie mit der Begründung, sie müsse noch ihren Mantel von der Garderobe holen. Erdmann begreift, dass sie, wenn sie das täte, wohl dortbliebe, weswegen er ihr sein Sakko anbietet. Doch sie besteht darauf, den Mantel holen zu müssen.

 

Kapitel 66

Unmittelbare Fortsetzung des Kapitels 65.

Margerita/Marjeta zögert, ins Hotelzimmer Erdmanns mitzukommen, weil sie sich dann vorkäme „wie eine richtige Hure“. – Doch „nach einer Weile“ sagt sie: „Abr ich bin ja eine Hure“, worauf Erdmann sie als seine „Geliebte“ bezeichnet und vorschlägt, „nach Abessinien“ (nicht nach Äthiopien, sondern in die Baracken Marburgs) zu gehen. Margerita/Marjeta willigt ein und bezeichnet Erdmann am Weg dorthin als einen „internationale(n) Hochstapler und Betrüger“, der sie und ihre Bekannten „an der Nase herumgeführt“ und ihr „das Herz gebrochen“ habe.

 

Kapitel 67

In „Abessinien“ angekommen, gewährt Glavina den beiden Einlass in seine dürftige Baracke. Margerita/Marjeta friert, Erdmann bietet Uhudler an, sie trinkt, er umarmt sie, spürt aber „ihre Abwehr“. Er macht ein paar Versuche, ihr näherzukommen, ist aber nicht erfolgreich.

Beiden kommt es so vor, als hätte im Nebenraum jemand gehustet. Schließlich schläft Margerita/Marjeta ein, während sich Erdmann der nunmehr vergangene glücklichen Zeit mit ihr erinnert.

 

Kapitel 68

Auktorialer Erzähler. Ivan Glavina und Leopold Markoni der Jüngere suchen einen Bekannten Glavinas in dessen Wohnung auf. Den drei Männern ist offenbar langweilig, denn sie überlegen, wie sie die Zeit vertreiben könnten, zum Beispiel maskiert den Vater von Leopold Markoni dem Jüngeren zu ärgern...

Leopold Markoni der Jüngere bewundert Glavina und entdeckt in ihm all jene Eigenschaften, die er selbst gern gehabt hätte (Stärke etc.).

Angekommen beim Geschäft des Leopold Markoni des Älteren, erkennt er seinen Sohn und heißt ihn, die Maskerade abzulegen, was dieser nicht tut, und statt dessen (diese beiden Wörter schreibe ich absichtlich generell auseinander) den Vater bedroht. Der Vater fühlt sich unweigerlich an den Überfall der Soldaten erinnert (das wird von Jančar nur angedeutet: „all das erinnerte ihn augenblicklich und mit Macht an etwas, an das sich Leopold Markoni d. Ä. nicht erinnern wollte“).

Leopold Markoni der Jüngere kassiert die dritte öffentliche Ohrfeige seines Vaters.

 

Kapitel 69

Erdmann (wieder der Ich-Erzähler) weiß nach dem Aufwachen nicht, wo er sich befinden, aber sogleich erinnert er sich wieder: mit Marjetica (wie er sie letztens nennt) in Abessinien...

Es wird erwähnt, die beiden hätten in der vergangenen Nacht miteinander geschlafen, was im Kapitel 67 für mich nicht zu erkennen war; im Nebenraum tobt sich ein Paar auch grad ziemlich aus.

Margerita/Marjeta möchte bestimmt nach Hause, sie spricht „kühl“. Sie fordert Erdmann auf, Boris (also Bussolin) zu holen, ihm gefällt ihr Verhalten gar nicht („Ich glaube, ich hätte ihr eine schmieren können.“).

Erdmann ist – genauso wie Margerita/Marjeta – in der aktuellen Situation verzweifelt.

 

Kapitel 70

Erdmann bittet Glavina, sich um die Heimkehr Margeritas/Marjetas zu kümmern, was dieser nach anfänglichem Staunen übernimmt.

Margerita/Marjeta hat sich angezogen und weicht Erdmanns Blicken beharrlich aus, die beiden sprechen kein einziges Wort miteinander.

 

Kapitel 71

Margerita/Marjeta wird von Bussolin, der Erdmann mit keiner Silbe bedenkt, abgeholt. Glavina kommt und kredenzt Erdmann Uhudler.

Den letzten Absatz dieses Kapitels verstehe ich nicht. Er beginnt mit „Ich hörte, wie sie im Schlaf stöhnte.“ – ist das eine Rückblende zum Verhältnis mit der verheirateten Frau? Ich weiß es nicht.

 

Kapitel 72

(Anmerkung: Jetzt wird es langsam spannend, schon seit den letzten Kapiteln ertappe ich mich dabei, gerne schon das Ende des Buches aufschlagen zu wollen, aber ich widerstehe, auch wenn ich beim Umblättern oft „unabsichtlich“ den Blick auf einen Satz(teil) des folgenden Kapitels erhasche.)

Erdmann geht durch die Stadt, der Tondichter flüchtet geradezu vor ihm.

Die Schulschwestern untersagen Erdmann den Zugang zum Lesesaal, solange er sich nicht gewaschen habe und nüchtern geworden sei, worauf sie Erdmann provoziert.

Er reflektiert über seine Ankunft in Abessinien und sucht Fedjatin, den er nicht findet. Auch Gretchen und Kätchen findet er nicht. Er besucht die Kirche mit dem blauen Ball, die dortige Kindheitserinnerung lässt ihn erzittern.

In der Nacht hat er einen Alptraum, in dem Doktor Bukovski mit dem Skalpell vorkommt, schweißgebadet erwacht er und verfällt neuerlich in Alpträume. Jemand fragt ihn, ob ihm schlecht sei; Erdmann vermag es nicht, eine Antwort zu geben.

 

Kapitel 73

Auktorialer Erzähler. Geschildert wird ein (nur geträumter???) Kampf zwischen Markoni und Boris Valentan (Bussolin). Marjeta sieht zunächst nicht, was passiert. Markoni schlägt mit der Axt auf Boris Valentan ein. Marjeta ruft um Hilfe. Die Situation eskaliert. Es kommt zu einem Kampf auf Leben und Tod. Schlussendlich werden Marjeta und Valentan von Markoni mit der Axt getötet, wobei Glavina mithilft.

Markoni und Glavina schleppen ihre Opfer, die sogar noch Lebenszeichen von sich gaben, etwa 40 Meter weiter und fügten ihnen dort die tödlichen Verletzungen zu, bevor sie sie ausrauben. Am Ende des Kapitels komme ich zum Schluss, dass diese Vorgänge nicht erträumt sind, sondern bittere Realität darstellen.

 

Kapitel 74

Die Stadt Marburg erstarrt in Grauen ob des grausamen Doppelmordes, dessen Täter bald überführt werden. Man kommt zur Meinung, die beiden Täter hatten nach dem Mord „ohne rechtes Bewusstsein ihres Handelns“ gehandelt, und die öffentliche Meinung nimmt als gegeben hin, dass „der Anlass für das Verbrechen eine geringfügige, unbedeutende Beleidigung in einem Gasthaus unterhalb des Bacherngebirges gewesen“ sei. Tja, als Jančar-Leser weiß man, dass das nicht der Wahrheit entspricht.

 

Kapitel 75

In diesem Kapitel wird offenbar die Vorgeschichte des Mordes geschildert: Boris Valenta und Marjeta Samsa aßen in einem Gasthaus zu Mittag, wo sich Glavina zu ihnen gesellte und sie mit verschiedenen Bemerkungen störte. Markoni hat die Situation stumm beobachtet.

Glavina und Markoni machten sich auf und nahmen am Fuße des Bacherngebirges das Mordwerkzeug aus der Tasche, „eine Axt und einen Eisenschlegel“, und suchten eine für den Überfall geeignete Stelle.

Gegen 20 Uhr kam es zum tödlichen Überfall an einer dafür besonders geeigneten Stelle, an der sich dem Überfallenen keine Fluchtmöglichkeit bietet.

 

Kapitel 76

Die Menschen in der Stadt werden neugierig und versuchen, der wahren Ursache des Verbrechens auf dem Grund zu gehen.

Die Schlinge um Erdmann beginnt sich zuzuziehen, denn einer der Täter soll einen dritten Mann erwähnt haben, der die Bekanntschaft zu den Opfern hergestellt haben soll...

Doch Erdmann liegt in seinem Hotelzimmer, „Gestalten tanzen vor seinen Augen (...) und sein Bewusstsein (...) bröckelt jetzt wie dünnes, sprödes Porzellan.“.

Erdmann ist am Ende. Wie gesagt – gewisse Ähnlichkeiten zu Manns „Der Tod in Venedig“ sind nicht zu leugnen (allerdings auch gravierende Unterschiede: nicht durch eine Seuche kommt bei Jančar jemand zu Tode, sondern durch einen brutalen Mord).

 

Kapitel 77

Genaue Beschreibung der anatomisch festgestellten Todesursache der beiden Opfer.

 

Kapitel 78

Der Polizeibeamte Samo Benedičič wird von der Untersuchungsbehörde auch des Verdachts gegen Josef Erdmann unterrichtet, was ihn gar nicht wundert, denn der Österreicher Erdmann sei ihm immer schon verdächtig vorgekommen (vergeblich hatte er zur Abreise gemahnt), allerdings hatte er ihn für einen Schmuggler gehalten und ihn daher polizeilich verfolgen lassen, allerdings wurden die endlosen Spaziergänge für die Polizei uninteressant. Benedičič scheint es vor allem zu gefallen, mit seiner Intention, dass mit Erdmann etwas nicht stimme, richtig gelegen zu haben.

Er ordnet die Festnahme Erdmanns an, der in seinem Hotelzimmer betrunken aufgefunden wird, der gepackte Koffer trug eine „dünne, kaum merkliche Staubschicht“, woraus zu schließen ist, dass er seit ein paar Tagen nicht berührt wurde. Erdmann leistet keinen Widerstand gegen seine Festnahme.

Erdmann beginnt, mit den Behörden zu kooperieren, bekennt, dass es „ohne ihn zu diesem schrecklichen Ereignis überhaupt nicht gekommen wäre“, und auf Nachfrage erzählt er das Vorgefallene (Die Wiener Firma gibt es übrigens schon lange nicht mehr, und die Telegramme waren mit dem Vermerk „Empfänger unbekannt“ zurückgekommen.), verfällt jedoch immer mehr in Wahnvorstellungen und nennt als „oberste(s) Prinzip das Prinzip des Bösen“. Den Richtern wird es zu bunt, und weil Erdmann zu keinen vernünftigen Antworten mehr fähig ist, wird ein Psychiater herbeigeholt.

Unter Anamnese offenbart Erdmann nach der Reihe unzusammenhängende Informationen, die nun zusammengesetzt werden. Nach langem Zögern versucht der Psychiater die Diagnose einer latenten Schizophrenie, die unter dem Alkoholeinfluss und verschiedener seelischen Erschütterungen verstärkt werde. Die Tatsache, dass er eine Frau, für die er starke Gefühle habe, ausgerechnet mit deren späteren Mörder bekanntgemacht habe, sei wohl für den schizophrenen Schub verantwortlich.

Der Psychiater entscheidet sich für die damals neuste Behandlungsmethode, nämlich Elektroschocks.

 

Kapitel 79

Erdmann gerät aus dem Blickwinkel des öffentlichen Interesses; die beiden Mörder werden etliche Monate später zu je 20 Jahren Kerker verurteilt.

Die Stadt Marburg wird von neuen Großereignissen überschattet: Die Besetzung Österreichs durch die Nationalsozialisten, wodurch sie Marburg bis auf wenige Kilometer nahegekommen waren. Der Zweite Weltkrieg ist im Anrollen.

Erdmann kommt ins Irrenhaus, wo ihn Gretchen und Kätchen besuchen, aus dem er allerdings „genesen“ wieder entlassen wird.

 

Kapitel 80

„Einige Tage vor Ostern in Begleitung eines Wärters“ geht Erdmann zum Bahnhof, wo Fedjatin beharrlich die Auferstehung Christi verkündet. Diese Kirche sollte „in wenigen Jahren in einer gewaltigen Explosion in die Luft fliegen“. Josef Erdmann wird in Spielfeld „den Vertretern des Deutschen Psychiatrischen Dienstes“ übergeben und einige Tage später seinen Eltern in Lienz überstellt. Zwei Jahre später starb sein Vater. Erdmann wird „im gleichen Jahr (...) ohne Begründung ins Altreich überführt“ (also ins nationalsozialistische Deutschland), wo er von Wissenschaftlern des „im Rahmen des bekannten Euthansieprogramms“ untersucht wird. Aufgrund der schriftlich vorliegenden Diagnose des Psychiaters aus Marburg/Drau wurde Erdmann nicht im Rahmen des „Euthansieprogramms“ getötet, sondern „in der dortigen sogenannten Ambulanz schmerzlos sterilisiert“.

 

Kapitel 81

Erdmann sitzt bei seiner Mutter in Lienz und erzählt – wie so oft – die Geschichte von der blauen Kugel in der Hand Gott Vaters in einer bestimmten Kirche...

Erdmann warnt vor dem blutig roten Nordlicht.

 

Mein persönlicher Eindruck nach dem ersten Lesen:

Das Buch ist nicht leicht zu lesen (erstens hinsichtlich Verständnis, zweitens hinsichtlich innerer Beteiligung am Gelesenen, denn das Geschilderte lässt einen nicht kalt), entwickelt aber auf den 261 Seiten eine Spannung, die ihresgleichen sucht. Der Beginn war spannend (da war ich von Jančars Erzählstil, so kunstvoll die Erzählperspektiven zu wechseln und Situationen so treffend zu schildern) fasziniert, dann hatte es ein paar Durchhänger, die Mitte des Buches war wieder spannend, dann war wieder eine eher mühsame Passage, aber das Ende (ab dem Zeitpunkt, als Erdmann mit Marjeta in Abessinien ist) hat so richtig Fahrt aufgenommen – da erzählt Jančar mit akribischer Genauigkeit die Kriminalgeschichte.

Teilweise verwirrend sind die vielen Namen.

Großartig finde ich, dass Jančar nicht nur die Geschichte erzählt, sondern auch vieles von der gesellschaftlichen Situation in Slovenien im Jahre 1938 transportiert, die herannahende Katastrophe ist zu merken. Das alles verbindet er mit einer akribischen Ortskenntnis, mit sichtbarer Liebe zu Marburg an der Drau beschreibt er die örtlichen Gegebenheiten.

Das Nordlicht findet nur sehr wenig Erwähnung im Buch, es steht jedenfalls symbolisch für eine herannahende Katastrophe – in verschiedener Sicht: Erstens für Slovenien, wie auch für die ganze Welt, aber zweitens natürlich subjektiv für die handelnden Personen, deren Leben zerstört wird (sei es durch Mord, sei es durch 20 Jahre Kerker, sei es durch Schizophrenie).

Auf jeden Fall ist ein super Zufall, dass ausgerechnet gestern, als ich diesen Roman (in der Übersetzung von Klaus Detlef Olof) bis sehr spät in die Nacht von vorne bis hinten ohne Unterbrechung las, Drago Jančar den österreichischen Staatspreis für europäische Literatur verliehen bekommen hat.

Jančar​s Die Nacht als ich sie sah“ („To noč sem jo videl​“​) und „Wenn die Liebe ruht“ („In ljubezen tudi“) habe ich mir übrigens schon zugelegt und bin gespannt auf’s Lesen (diese beiden Bücher sollen mit "Nordlicht" eine Art Trilogie bilden, auch wenn das nicht offiziell ist).

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