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FIDELIO – Eva Marton und James King als intensive Rollenvertreter im Hohelied der Gattenliebe

29.10.2015 | cd, CD/DVD/BUCH/Apps

fide  Beethoven: FIDELIO – Eva Marton und James King als intensive Rollenvertreter im Hohelied der Gattenliebe unter Lorin Maazel – live Salzburger Festspiel 5. 8. 1983 ORFEO 2 CD

ORFEO hat nun in der Reihe der Festspieldokumente aus Salzburg einen Mitschnitt aus dem Jahr nach der Premiere 1982 (Regie Leopold Lindtberg) mit den Wiener Philharmonikern in Höchstform und einer beeindruckenden Sängerschar herausgebracht. Der Star dieser Symphonie mit Gesang oder wie es Gottfried Kraus im Booklet schreibt, „dieser Oper für Dirigenten“, ist eindeutig das berauschend schön spielende Orchester der Wiener Philharmoniker. Obwohl Lorin Maazel einen kühler analytischeren und strukturell metrischeren Fidelio dirigiert als der glutvoll vorwärtsdrängende Furtwängler, der human berührende Böhm oder der genial kosmische Beethovendirigent Karajan, vermag das Orchester dennoch jene Wärme und jenen üppigen Klangteppich zu erzeugen, der dieser Aufführung im Verein mit französischer clarté und dem Wissen um die spätere musikhistorische Entwicklung eine ganz besondere Note verleiht. Außerdem tut den Wiener Philharmonikern ein Genauigkeitsfanatiker wie Maazel immer gut, alles andere an Zwischentönen, feiner Abschattierung und Luxusklang liefern sie schon selbst. Die fabelhafte Tontechnik trägt das ihre zum Hörgenuss bei. 

Die Besetzung wird angeführt von Eva Marton als Leonore. Wie Gwyneth Jones tremoliert ihr (hoch)dramatischer Sopran etwas zu sehr, um vokal ideal für diese Rolle (für mich Flagstad, Jurinac, Mödl, Rysanek, Söderström) zu sein, aber ebenso wie die walisische Diva gibt sie alles auf der Bühne, ist sie bewegend in der Totalhingabe und faszinierend in der puren Stimmgewalt. Mit dem hohen Ton der Arie hat sie ebenso Mühe wie manchmal sogar Birgit Nilsson oder Christa Ludwig. Macht also nix. Auf jeden Fall eine Sängerin mit großem Herz. In der Kerkerszene mit dem heldisch sympathischen Florestan  des James King kann man sogar im Wohnzimmer Bühnenluft atmen, so intensiv werfen sich die beiden in die dramatische Aktion. Noch kurz zu James King: Was für ein großer bescheidener Künstler war doch dieser amerikanische Tenor, den wir in Wien in vielen Rollen von Siegmund, Parsifal und Lohengrin bis hin zu Cavaradossi, Kaiser und Bacchus erleben und lieben durften. Die manchmal getadelten Seufzer oder geschrieenen Höhe hin oder her. Ebenso bedeutsam im Heldenbaritonfach war Theo Adam für uns junge Operngeher (z.B.: Walküren Wotan, Holländer!). Leider überträgt sich auf der Tonkonserve nicht die Faszination, die von ihm auf der Bühne ausging. Zu hart und bisweilen forciert klingt er hier als Pizarro, wenngleich er das „stimmliche Bösewichtsgen“ hat und dieses auch grandios abzubilden vermag. Der Rocco des Aage Haugland verströmt reinen Wohlklang und  kann wohl auch im historischen Vergleich als Idealbesetzung durchgehen. Marzelline und Jaquino werden ebenso jugendlich frisch wie stilistisch tadellos von Lilian Watson und Thomas Moser verkörpert.

Die Konzertvereinigung Wiener Staatsopernchor (vor allem der Männer-Gefangenenchor) ist wie immer im Fidelio überwältigend. Insgesamt ein beeindruckendes Dokument einer vergangenen Opernepoche, in der aber auch nicht alles Eitel Wonne war. Wie schon gesagt, macht aber nix. 

Dr. Ingobert Waltenberger

 

 

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