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FELIX MENDELSSOHN & FANNY HENSEL: Lieder ohne Worte / MATTHIAS KIRSCHNEREIT: Ein Tastenpoet rehabilitiert eine große Komponistin!

05.09.2015 | cd, CD/DVD/BUCH/Apps

 

0885470006390 FELIX MENDELSSOHN & FANNY HENSEL: Lieder ohne Worte, Berlin Classics 3 CDs – Erste kombinierte Gesamtaufnahme dieser Klavierkompositionen der beiden Geschwister mit MATTHIAS KIRSCHNEREIT: Ein Tastenpoet rehabilitiert eine große Komponistin! 

Die nun in einer Box zusammengefassten Lieder und Melodien ohne Worte für Klavier  von Felix Mendelssohn und seiner älteren Schwester Fanny Hensel wurden 2013 und 2014 auf einem Steinway im Kammermusiksaal des Deutschlandfunks in Köln aufgenommen. Der höchst aktive Pianist Matthias Kirschnereit, der sich neben der Musik auch für die Malerei, Fußball und Italienische Küche interessiert (so ein Mann muss gut Klavier spielen!) und auf eine stolze Diskographie blicken kann, ist seit 2012 neben einer reichen Konzerttätigkeit und einer Professur auch künstlerischer Leiter der Gezeitenkonzerte Ostfriesland. 

Ein zart schwebender Anschlag ist Ausgangspunkt einer Interpretation, die hohe technische Finesse mit romantischer Linienführung und beredter Klangrede kombiniert. Aber vor allem gelingt es Kirschnereit, Felix Mendelssohn und seine Schwester Fanny als Klavierkomponisten voll zu rehabilitieren. Man hört seinem Spiel mit großen Vergügen zu. Ich habe  Mendelssohn als Komponisten wunderbar schöner Chöre schon seit Jugendtagen geliebt. Später kamen dann seine Symphonien, Oratorien und Lieder hinzu. Jetzt erschließt sich mir zum ersten Mal der Kosmos dieser Lieder ohne Worte, die Mendelssohns so spezifische Art, seine Welt in Seelentöne zu fassen, „ungefiltert“ deutlich werden lässt. Die Stimmungen, die in den neun Heften (das 9. Buch wurde vom Pianisten aus Nachgelassenem selbst zusammengestellt) zum Ausdruck kommen, sind mannigfaltig. Sie reichen von überschwänglicher Lebensfreude, nachdenklichem Innehalten, Sehnsucht und Enttäuschung bis zu Trauer und Verzagtsein. Dem Hörer offenbaren sich echte musikalische Diarien. Die Zyklen spannen sich sind wie ein Bogen um einen fiktiven Tag. Bei manchen größerformatigen Stücken wähnt man einer Schubertschen Ballade zu lauschen und möchte beinahe Worte hinzuerfinden. 

Es ist hochinteressant, wie der Pianist Matthias Kirschnereit im Booklet die Unterschiede der Komponierweise Fanny Hensels zu den Werken von Felix Mendelssohn sieht: „Fast durchgängig sind ihre Stücke umfangreicher und zuweilen freier in der formalen Anlage. Ihre Behandlung des melodischen Verlaufs nimmt die nicht enden wollenden Kantilenen Rachmaninoffs vorweg.“ Das beschreibt ganz gut auch das wahrscheinlich schwierige Verhältnis der beiden, was die Anerkennung ihrer Werke durch Bruder Felix angeht. Für den Hörer ist es kognitiv aufschlussreich, ohne eine Präferenz für eine der beiden Stile anzusprechen. 

Auf jeden Fall schließen die nun von Berlin Classics dankenswerterweise zugänglich gemachten Aufnahmen eine große Lücke in der Rezeption der auf unterschiedliche Weise genialen Mendelssohn Geschwister. Als Hörempfehlung mögen etwa die Tracks 3, 6, 12, 15 (CD 1), 6, 10, 18, 26 (CD 2) bzw. die gesamte CD 3 (hinreissend) dienen. 

Eine klare Empfehlung für Repertoirewert, subtil-differenzierte künstlerische Umsetzung und Klangqualität! 

Dr. Ingobert Waltenberger 

 

 

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