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FAUST

09.01.2012 | FILM/TV

Ab 13. Jänner 2012 in den österreichischen Kinos
FAUST
Russland  / 2011
Regie: Aleksandr Sokurov
Mit: Johannes Zeiler, Anton Adasinsky, Isolda Dychauk, Hanna Schygulla u.a.

Haben nun, ach, unseren „Faust“ für eine russische Verfilmung verliehen, und von unserem Goethe sind wenig mehr als ein paar Zitate geblieben, die auch noch verstümmelt geboten werden. Im Grunde wollte Aleksandr Sokurov einen verzerrt-hinterfragenden Historienfilm drehen, der den Doktor Faustus an sich nur sehr bedingt, den von Goethe so gut wie gar nicht im Visier hat.

Er ist ein Suchender, ein Wissenschaftler, ganz ohne Zweifel: Es beginnt schon sehr unappetitlich damit, dass der gute Doktor eine menschliche Leiche regelrecht ausweidet, die Innereien glitschen herum. Dann besucht er seinen Papa, der offenbar Arzt ist und sich zwischen den Beinen der Dame am gynäkologischen Stuhl ergötzt. Schlimme Zeiten, das Mittelalter, obwohl es von der Ausstattung her dieses nun gar nicht ist – trug man dort Gehröcke und Zylinder, wie es hier immer der Fall ist? Auch Kleider und Hauben der Damen verweisen eher ganz auf den Beginn des 19. Jahrhunderts, während die enge Stadt, die da in tschechische Filmstudios gebaut wurde, in ihrem Dreck und Viechergewirr (vor allem den Ratten wird immer wieder Aufmerksamkeit gewidmet), doch recht mittelalterlich wirkt… Wie dem auch sei, es ist einfach Kino.

Der Pakt mit dem Teufel ist der Pakt mit einem extrem abstoßenden Wucherer, den man auch (offenbar in einem wulstigen „Fleischkostüm“) nackt erblickt, das Schwänzchen hat er am Hinterteil, es wirkt recht schweinisch. Man sieht dies in einer öffentlichen Waschanstalt, wo die Damen nach allen Regeln der Künstlichkeit scherzen, eine davon ist Margarete, die hier keine Marthe Schwerdtlein zur Vertrauten hat, sondern nur an ihrer dürr-verbiesterten Mutter kleben muss. Dass sie diese nicht leiden kann, verrät sie dem Priester in der Beichte, aber es ist natürlich Faust, der im Beichstuhl sitzt… Nach der Liebesnacht verliert sich die Gestalt dieses Gretchens völlig aus dem Geschehen, und Faust ist nur noch mit seinem ekligen Wucherer unterwegs, dem er einen Schuldschein mit Blut unterschrieben hat.

Dass sich die Dreharbeiten für die Schlusssequenz nach Island begeben haben, ist unübersehbar – eindrucksvolle Geysire, eine Landschaft aus Fels und ewigem Eis. Seinen Begleiter hat Faust kurzerhand erschlagen, der Film verlässt ihn lapidar und ohne weitere Auskunft bezüglich irgendwelcher Zukunftsperspektiven hier einfach. Ende. Und das hat immerhin zweieinviertel Stunden gedauert.

In denen wurde wenig „Faustisches“ geboten (die Fragen nach Gott, Tod, Lebenssinn huschen in Halbsätzen vorbei), aber viel bildlich geschildert, vor allem diese Umwelt von Schmutz, Hässlichkeit, Schäbigkeit. Die Kamera setzt immer wieder auf schräge, verzerrte Bilder (ohne dass sich der jeweils tiefere Sinn dieser Entscheidung dann mitteilte). Worum es eigentlich gehen soll, was da erzählt wird – man weiß es nicht.

Der Österreicher Johannes Zeiler, der es bei uns nur zu Nebenrollen in Fernsehserien oder kleinen Parts in österreichischen Filmen gebracht hat, nützt die Chance, den Film auf seinen kraftvollen Schultern zu tragen. Er hat ein gutes Kameragesicht und eine wunderbare Sprache – es wurde auf Deutsch gedreht, und seines hat, so hochdeutsch es auch ist, den österreichischen Klang. Isolda Dychauk ist eine akzentfreie deutsche Russin mit einem zauberhaften Kindergesicht (kürzlich in der Fernseh-Serie übrigens die Lucrezia Borgia) und neben Zeiler die einzige erfreuliche Erscheinung auf der Leinwand. Denn hässlicher als Anton Adasinsky könnte kein echter Mephisto sein, exzentrisch-widerlicher als Georg Friedrich kein Wagner (der noch dazu einen atmendes Homunculus-Fleischbrocken im Glas mit sich herumtragen muss), alberner und funktionsloser als Hanna Schygulla in aufwendigem Kostüm kann man nicht durch ein Geschehen irrlichtern, in dem man nichts zu suchen hat…

Dergleichen wird natürlich als große Kunst erachtet, wie auch anders. Das ist ein Film für Kritiker, anders lässt sich der „Goldene Löwe“ bei den Filmfestspielen in Venedig 2011 nicht erklären. Je preiser sie gekrönt… nein, nicht umso durcher fallen sie, wer wird das schon wagen. Aber ob das Kinopublikum das sehen will? Goethe-Freunde jedenfalls sollten im eigenen Interesse unbedingt fern bleiben, sie können sich nur ärgern. 

Renate Wagner

 

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