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EXTREM LAUT UND UNGLAUBLICH NAH

15.02.2012 | FILM/TV

Ab 17. Februar 2012 in den österreichischen Kinos
EXTREM LAUT UND UNGLAUBLICH NAH
Extremely Loud & Incredibly Close  /  USA  /   2011
Regie: Stephen Daldry
Mit: Thomas Horn, Tom Hanks, Sandra Bullock, Max von Sydow, Viola Davis, John Goodman u.a.

Es hat eine Zeit gedauert, bis die nationale Tragödie von 9/11 außerhalb von Zeitungsserien und TV-Dokumentationen behandelt wurde – zu schmerzend ist sie für die Amerikaner vielleicht auch noch aus der Distanz von einem Jahrzehnt, um sich dem Thema fiktional zu nähern. Und ein Film wie dieser tritt im Grunde nur den Beweis an, dass man es besser lassen sollte…

Basis ist ein Roman von 2005 (mit einem nicht wirklich erklärbaren Titel), in dem Autor Jonathan Safran Foer den neunjährigen Oskar (so berühmt wie Oskar Matzerath wird Oskar Schell allerdings mit Sicherheit nicht werden) die Geschichte seiner Trauerarbeit erzählen lässt: Papa starb bei dem Terrorangriff in einem der Hochhäuser, dazu kommt noch die Geschichte der jüdischen Großeltern, die im Film allerdings vernachlässigt wird. Oskar ist seltsam, Oma und Opa sind seltsam, und seine Eltern schaffen es gerade noch, in diesem Film als halbwegs „normal“ durchzugehen. In Rückblenden ist Tom Hanks ein intellektueller Papa, wie man ihn jedem aufgeweckten Sohn wünscht, der sich voll und ganz mit herausfordernden Aufgaben auf den interessierten Nachwuchs einlässt. Was die Mama betrifft, in der Sandra Bullock diesmal gar nicht ihren persönlichen Humor-Charme einsetzen darf, sondern tapfer gegen den Widerstand eines eigenbrödlerischen Heranwachsenden kämpft, so gewinnt sie erst im Lauf des Geschehens Profil und dann auch die verdiente Sympathie.

Diese kann Oskar selbst nicht wirklich erwerben, und daran liegt das Problem von Geschichte und Film, so gescheit der junge Thomas Horn (zur Zeit der Dreharbeiten 14 Jahre alt) den gesprächigen, überaktiven Außenseiter auch spielt. Er ist auch im Film teilweise der Erzähler, und er „bockt“ von Anfang an – als man einen leeren Sarg begräbt, nur um Papa zu ehren, von dem vermutlich nichts übrig geblieben ist. Oskars persönliches Problem rund um des Vaters Tod besteht darin, dass er das Telefon nicht abhob, als dieser aus dem brennenden Hochhaus anrief – und es auch seiner Mutter nie gesagt hat, dass es berührende Abschiedsworte auf dem Anrufbeantworter gibt. Warum das so ist, erklärt sich nicht, aber es ist nicht völlig unverständlich – weiß man denn immer, warum man etwas tut oder nicht tut?

Allerdings hat man es mit dem Rest der Geschichte mehr als schwer, weil sie so abstrus und im Grunde nicht nachzuvollziehen ist. In den Sachen des Vaters, die von der Mutter unberührt bleiben, findet Oskar eine Vase, diese zerbricht, darin befindet sich der Schlüssel zu einem Schließfach und ein Zettel mit der Aufschrift „Black“. Und Oskar setzt nun zu dem Wahnsinnsmarathon hat, Hunderte und Aberhunderte „Blacks“ im Telefonbuch von New York herauszuschreiben und einen nach dem anderen abzuklappern… Nein, man muss glücklicherweise nicht mit ihm von Tür zu Tür (man versagt ihm innerlich ja schon bei dem ganzen Projekt die Gefolgschaft), aber eine Begegnung (mit Viola Davis) wird entscheidend und führt zur schlimmsten aller Lösungen: Dieser Schlüssel, dem Oskar wie besessen monatelang  seine Existenz widmet, hat absolut nichts mit ihm zu tun, Papa hat ihn für einen flüchtigen Bekannten aufbewahrt… Deutlicher könnte sich die Sinnlosigkeit des Ganzen nicht „entschlüsseln“, wenngleich jede dramaturgisch pathetische Lösung wohl noch schlimmer gewesen wäre.

Und um die Unnatur des Gebotenen auf die Spitze zu treiben, findet Oskar eines Tages in Omas Wohnung einen alten Mann, der zwar nicht spricht, sondern seine Botschaften nur aufschreibt, aber ihn nach und nach auf seinen Steifzügen begleitet: Ja, es ist Opa, irgendwo im Hintergrund ist die nicht behandelte Holocaust-Geschichte, und Max von Sydow tut, was ein Schauspieler seines Kalibers machen kann, aber es kommt dabei nichts heraus…

Nein, in diesem Film von Regisseur Stephen Daldry, der wenigstens nur in Grenzen sentimental verfährt, wird eine Trauerarbeit-Geschichte erzählt, die zu seltsam und abgehoben ist, um wirklich Interesse zu erregen oder etwas allgemein Gültiges auszusagen. Dass man sie mit 9 / 11 kombiniert hat, wirkt (obwohl es im Roman vorgegeben ist) im Grunde wie reine Spekulation, denn in Bezug auf das damals Geschehene ist die Handlung absolut unspezifisch.

Renate Wagner

 

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