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EVEREST

13.09.2015 | FILM/TV, KRITIKEN

FilmCover Everest~1

Ab 17. September 2015 im Kino
EVEREST
USA / 2015
Regie: Baltasar Kormakur
Mit: Jason Clarke, Jake Gyllenhaal, Josh Brolin, Keira Knightley, Emily Watson, Robin Wright u.a.

Filme über Berge und Bergsteiger sind in den allermeisten Fällen letztendlich Katastrophenfilme, denn das Duell Mensch gegen Natur geht in den allerseltensten Fällen definitiv zugunsten des Menschen aus. Vielleicht besteht darin die geradezu selbstmörderische, halsbrecherische Herausforderung, die die riesigen Berge dieser Welt darstellen.

Und von allen „Achttausendern“ des Himalaya ist keiner magischer als der 8848 Meter hohe Mount Everest, der höchste von allen, und auch das bedeutet etwas. Der Brite Edmund Hillary hat ihn mit dem Sherpa Tenzing Norgay am 29. Mai 1953 erstmals bezwungen, und seither sind ihm hunderte, vielleicht tausende Nachahmer gefolgt.

Der Film des isländischen Regisseurs Baltasar Kormakur, der die Tragödie des 10. Mai 1996 schildert, lässt auch durchaus Kritik an einem „Massentourismus“ auf die Berge aufkommen – 33 Bergsteiger waren damals in verschiedenen Gruppen unterwegs, den Gipfel zu bezwingen, acht von ihnen verloren unter tragischen Umständen am Rückweg bei verheerenden Wetterverhältnissen das Leben. Und dennoch dachten alle, die schier unglaubliche Summe von 65.000 Dollar für die Gipfeltour garantierten ihnen Aufstieg, Sieg und glückliche Rückkehr. Mitnichten…

Als Zuschauer ist man voll in das Geschehen eingesponnen, und ungeachtet dessen, dass Teile des Films in den Ötztaler Alpen (Südtirol) und in Island und nur Teile tatsächlich am Himalaya gedreht wurden, besteht kein gefühlsmäßiger Zweifel: Man ist an Ort und Stelle, von der Ankunft am Flughafen in Kathmandu, über die Präliminarien, die Basis-Camps, das Training, bis zum Aufstieg.

Man erlebt die verschiedenen Gruppen, voran jene des Haupt-Sympathieträgers Rob Hall (Jason Clarke), der für die Firma „Adventure Consultants“ Leute auf den Berg führt, die eigentlich Hobby-Bergsteiger sind und die man mit besonderem Verantwortungsgefühl behüten muss, das bei ihm gewährleistet ist. Weniger scheint das bei Scott Fischer (Jake Gyllenhaal) der Fall, der sich genau so locker und unbeschwert gibt, wie man es dem Leiter eines Teams namens „Mountain-Madness“ zutraut.

Interessanterweise geht die Figur von Fischer irgendwie im Geschehen verloren, gewinnt nicht ausreichend Kontur – und dem Zuschauer wird bald die Identifikation jegliches Mitwirkenden, der auf den Berg geht, schwer gemacht, weil sie unter dickster Kleidung, Mützen und Brillen regelrecht „verschwinden“ und immer wieder kurz ihre Gesichter zeigen müssen, damit man weiß, mit wem man es gerade zu tun hat…

Es ist die Gruppe von Rob Hall, der sich der Film vordringlich widmet, dem anfangs so forschen, angeberischen Texaner Beck Weathers (Josh Brolin), dem schlichten Postboten (!)Doug Hansen (John Hawkes), der unbedingt auf den Gipfel will, der Japanerin Yasuko Namba (Naoko Mori) und schließlich der Journalist Jon Krakauer (Michael Kelly), der die Katastrophe überlebt und einen Bestseller darüber geschrieben hat, der dem Film zugrunde lag.

Ganz wichtig das „Bodenteam“, wunderbar vertreten von der immer kompetenten, immer besorgten, menschlich verlässlichen Helen Wilton (Emily Watson), während Guy Cotter (Sam Worthington) bei den Bodentruppen später für Rettungsaktionen zuständig ist.

Man erlebt als Zuschauer erst die Wochen der Akklimatisierung mit verheerenden körperlichen Anstrengungen, und jeder, der selbst nie das Bedürfnis empfunden hat, einen Berg zu besteigen (sie sind ja auch von unten herrlich!), fragt sich natürlich, warum Menschen unmenschliche Anstrengungen und Qualen auf sich nehmen, um auf einem Gipfel zu stehen.

Die Frage wird in einer eigenen Szene nachts im Zelt gestellt, und das Ergebnis: Es gibt keine Antwort. Warum auf den Berg? „Weil er da ist!“ hat sich schon eingebürgert, sagt aber natürlich nichts darüber aus, warum man sich selbst, unter vollem Bewusstsein, sein Leben zu lassen – oder auch nur blind zu werden, Zehen, Finger, Nasen zu verlieren – , da hinauf quält. Der Drang ist in gewissen Menschen so angelegt, wie in irrationaler Geschwindigkeit über Landstraßen zu brettern – und sich dabei lebendig zu fühlen, weil man dem Tod so nahe ist?

Schließlich geht es auf den Gipfel, auch da ist man bewundernswert und mit all den unheimlichen Angstgefühlen eines Laien dabei – tatsächlich scheint man im Kinosessel zu frieren und um Luft zu ringen, denn über 8000 Metern geht es nicht mehr ohne Sauerstoff, es sei denn, man ist ein Urviech wie der Russe Anatoli Boukreev (Ingvar Eggert Sigurðsson, vom Regisseur wohl aus Island mitgebracht), der die Ozon-Flasche beharrlich verweigert.

Besonders tragisch an den Ereignissen vom Mai 1996 ist die Tatsache, dass die Bergesteiger, die damals starben, den Gipfel erreicht hatten und am Rückweg Opfer des hereinbrechenden Wetters wurden – darunter auch Rob Hall, an sich schon auf dem Rückweg, der (wenn es denn so war) mit Doug Hansen noch einzeln auf den Gipfel ging, um ihm den Triumph zu gönnen, und dann starb, weil er ihn nicht verlassen wollte.

Neben dem Bangen im Basislager bedient der Film parallel dazu zwei Schicksale zuhause, bei den daheim gebliebenen Ehefrauen, wobei die Geschichte von Jan, der schwangeren Gattin von Rob Hall, so besonders tragisch ist und von Keira Knightley, meist am Telefon, auch voll ausgespielt wird, vor allem die Szenen, als man sie daheim in Neuseeland noch mit ihrem sterbenden Mann am Berg telefonisch verband.

Und ein Überlebenswunder hatte dieses schreckliche Abenteuer auch: Der gar nicht so sympathische Texaner, der dann schneeblind wurde, von einer Lawine verschüttet und von allen für tot gehalten, wankte wie eine lebendige Leiche in ein oberes Lager, ohne dass die Chance bestand, ihn lebend herunter zu bringen. Da organisierte seine Frau (Robin Wright) von Texas aus, alle Schwierigkeiten und Kostenfragen auf sich nehmend, einen Hubschrauber, der ihn schließlich ins Tal brachte und damit rettete – ein Mann mit abgefrorener Nase, abgefrorenen Händen, aber am Leben. Mehr als man von acht anderen sagen konnte.

Es ist eine unglaublich dramatische Geschichte, die Baltasar Kormakur hier erzählt, sehr viel „echter Berg“ dabei und sehr wenig Computermanipulation, wie versichert wird und was man gerne glaubt: Man ist zwei Stunden am Everest – mit seiner ganzen Pracht, mit seiner ganzen tödlichen Bedrohung. Und das in 3 D. Mitten drin.

Renate Wagner

 

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