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ESSEN: MANON LESCAUT: Über die Ohnmacht großer Bilder und die Heimeligkeit von Gerüsten

05.10.2014 | Allgemein, KRITIKEN, Oper

MANON LESCAUT: Über die Ohnmacht großer Bilder und die Heimeligkeit von Gerüsten

 Premiere im Aalto Essen am 4.10.2014 (vorher in Graz 2012 & Dresden 2013)

 Achtung: Bitte keine Gefühle – hier wird die Freiheitsstatue gebaut!

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Foto: Karl Forster/ Aalto

 Eines möchte ich gleich vorweg erwähnen, bevor ich auf diese furchtbare und völlig librettofremde Drittverwertung dieser Firlefanz- Inszenierung von Stefan Herheim näher eingehe, bei der ich mich maßlos auf den Arm genommen fühlte:

 Die musikalische Seite war für ein Haus dieser Größe mehr als bemerkenswert. Und wenn Katrin Kapplusch als Manon zu den ganz großen Bögen ansetzte, dann waren wir eng bei Puccinis großer romantischer Oper – wenn man die Augen schloss. Gaston Riviero als de Grieux kann da stimmlich durchaus mithalten, wenngleich ich bei ihm doch etwas den puccini-typischen Schmelz vermisse. Grandios bot Heiko Trinsinger als Lescaut das, was man als Idealbesetzung bezeichnen würde und auch Tijl Faveyts als Geronte entbot eine großartige Sängerleistung; dies erfreute Herz und Seele des Puccini-Fans genauso wie die Topleistung der anderen Comprimarii.

 Ein Genuss, wie immer, die fabelhaft eingestimmten Chöre von Alexander Eberle, und mit Giacomo Sagripanti dirigierte ein ausgewiesener Fachmann (Namen bitte merken!) die Essener Philharmoniker. Das war strömende Italianita auf internationalem Qualitätsniveau; lange nicht mehr in Essen gehört. Bravi tutti! Um es gleich noch einmal zu erwähnen: Genuss kam nur bei geschlossenen Augen auf. Dann diese unsäglichen hin- und herfahrenden potthässlichen Gerüste – einfach furchtbar! Augen zu und durch…

 Nun merkte man bei diesem Regisseur sofort zu den ersten Takten der Musik, daß er gar nicht vorhatte diese wunderbare romantische Geschichte zu inszenieren, sondern er wollte große Oper einfach lächerlich machen; augenscheinlich ein Künstler mit Meriten wie weiland Kosky, der die Opern, die er inszeniert, eigentlich hasst.

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Foto: Karl Forster /Aalto

 Ach hätte ich das nur vorher gelesen ! Denn so erklärt er selber das Werk und sein Konzept:

 Es geht darum, wie ein junger Komponist meint, der Welt jetzt die Oper aller Opern bieten zu müssen, in der alles drin ist, was eine große Oper haben muss. Dummerweise hat er sich für das Buch nicht wirklich interessiert, sondern nur für die Affekte, die in den Figuren liegen, diese totale Abhängigkeit der Figuren von Projektionen, von Utopien, von Träumen der Liebe… Für uns ist es eindeutig ein Stück aus dem späten 19. Jahrhundert. Wir spielen es in einer Pariser Werkstatt, in der die Freiheitsstatue als männliche Projektion auf weibliche Freiheit gebaut wird. Das ist eine sehr freie Art, assoziativ Theaterbilder zu erfinden. (Kleine Zeitung, Kärnten 2012)

 Kaum jemand, der Puccinis Manon zum ersten oder zweiten Mal sieht, wird das Stück wiedererkennen. Und das geschieht erklärtermaßen, denn Herheim erfindet die Figur des Komponisten dazu, der die gesamte Handlung begleitet und ominpräsent mit Gags und Action verhampelt. Mal muss er ergriffen umfallen, mal zeigt er den Sängern ihre Partitur, mal schwelgt er mit ausgebreiteten Armen in der Musik, ersetzt den Dirigenten und karikiert ununterbrochen höchst lächerlich den Handlungsfluss.

 Wie muss jemand diese tolle Oper hassen, der sie dermaßen pseudointellektuell aufmischt. So antwortet er in einem Interview auf die Frage, ob jemand, der das Werk nicht kennt, seine Produktion überhaupt versteht, auch sehr klar und deutlich mit NEIN.

 Der hat ohnehin keine Chance. Selbst wenn ich das Stück ganz textgetreu inszeniere, wird niemand sagen, dass es sehr viel Sinn hat. Wir bemühen uns deshalb gar nicht, dem Zuschauer mit der Logik einer linearen Erzählung zu helfen. Es geht uns darum, zu begründen, warum sich Puccini gewisser Opernaffekte bediente, und die Wirklichkeit als Illusion zu enttarnen. Innerhalb dieser großen Ideen von Freiheit, Liebe und Weiblichkeit steckt eigentlich nur eine männliche Konstruktion und deshalb nur Eiseskälte, Stahl und Gerüste. (Zitat ebd.)

 Na, da werden sich die Scharen von Normalo-Abonnenten, Theatergemeinden und Volksbühnen aber freuen, denn nichts liegt dem Besucher eines erwünscht schönen Opernabends, wie man ihn bei Manon doch erwartet, ja näher als durch eben solche intellektuellen Spielchen und Szenenmummpitz entromatisiert zu werden!

 Also Freunde solcher Regietheater-Machwerke; auf, auf und auf nach Essen! Hier wird gezeigt, wie man einer tollen Oper unter der herzlosen Prämisse „Vermeidung jeglicher Gefühlsdusseligkeit“ jede Form von Romantik und bezaubernder Schönheit, die wir alle doch so besonders bei Puccini lieben, austreiben kann. Dem Essener Opernvolk, zumindest bei der Premiere, schien es zu gefallen – der Kritiker floh im Laufschritt…

 Peter Bilsing 5.10.14

 

 

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