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ESSEN/ Aalto-Theater: PARSIFAL. Premiere

18.03.2013 | KRITIKEN, Oper

ESSEN: PARSIFAL Premiere am 17.März 2013

 Schon der erste, von den ESSENER PHILHARMONIKERN unter STEFAN SOLTESZ intonierte Streicherton ist ein kleines Wunder: weich, vibrierend, intensiv. Die langsam aufblühenden Arpeggien verdichten sich zu astralen Klangwolken, von der Solotrompete metallisch überstrahlt. Die Bläser legen samtene Choralteppiche aus. “Parsifal“ am Aalto Musiktheater – man wähnt sich auf dem Grünen Hügel. Das seidig-warme Spiel des Orchesters lässt Diskussionen um den legendären Bayreuth-Klang sekundär werden, zumal er mit dem Szenischen von heute kaum noch in Einklang zu bringen ist. Soltesz, der für Bayreuth eigentlich längst mal fällig gewesen wäre, hält an dem Klangideal (verdeckter Graben mit all seinen Folgen) im Prinzip zwar fest, mystifiziert aber nichts in die Musik hinein, dazu ist er ohnehin viel zu sehr Theaterpraktiker. Dennoch liefert er Klangwunder, und sein Orchester könnte ohne weiteres im Bayreuther „Untergrund“ sitzen.

 Der Essener „Parsifal“ ist die letzte Premiere von Stefan Soltesz in seiner Abschieds-Saison. Die Jahre seit 1997 mit ihm als GMD und Operndirektor boten in summa grandiose Eindrücke. Die Mischung von gutem Hausensemble mit interessanten Sängergästen (z.Z. mit Rollendebüts) führte immer wieder zu gloriosen Ergebnissen, gleichzeitig war Soltesz das Szenische stets ein besonderes Anliegen. Besonders superbe Produktionen, spontan der Erinnerung entnommen: Brittens „Midsummer Night’s Dream“ in der Inszenierung des heutigen Gelsenkirchener Intendanten Michael Schulz oder die beiden Stefan-Herheim-Arbeiten „I Puritani“ und „Don Giovanni“ Musikalische Avantgarde war die Sache von Soltesz nicht so sehr, auch wenn er sich für Reimanns „Lear“ einsetzte und mit Christian Josts „Arabische Nacht“ sogar eine Uraufführung bestritt. Richard Straus war und ist sein Favorit, die Kultinszenierung „Frau ohne Schatten“ (Fred Berndt, 1998) wird demnächst für 2 letzte Vorstellungen zu sehen sein. Hochinteressant geriet Gottfried Pilz 2003 die „Ägyptische Helena“, sängerisch getragen von Luana DeVol (Titelpartie) und Helen Donath (Aithra).

 Zurück zu „Parsifal“ und Blick auf das Szenische. JOACHIM SCHLÖMER, Choreograph und gelegentlicher Opernregisseur, hat für Wagners Bühnenweihfestspiel ein außerordentlich sympathisches Konzept entworfen. Er sieht in dem Werk eine Welt des Leidens (verdinglicht nicht zuletzt in den vielen Blut-Metaphern), in welcher auf Erlösung bzw. Befreiung gewartet wird. Wenn am Ende ein Meer von Menschen (Programmheft; „Bürger des Ruhrgebiets“) die Bühne überschwemmt, in ihm nota bene auch Klingsor, um die leuchtende Kugel in der Hand eines (zunächst total verschleierten) Knaben („Lichtkind“) zu berühren, ist das ein bewegender Ausdruck von utopischer Hoffnung. Dieser Knabe wird bereits im 1. Aufzug von Kundry (!) in das von JENS KILIAN auf die Drehbühne gestellte, nüchterne Krankenzimmer zum siechen Amfortas geschickt. Die „Gralsfeier“ spielt sich hinter zugezogenen Vorhängen ab, man sieht lediglich schemenhafte Figuren. Der (von ALEXANDER EBERLE wahrhaft superb einstudierte) Chor erscheint während der gesamten Aufführung nicht auf der Bühne, singt vom Rang (Männer) oder aus dem Off (Frauen), was in diesem Haus schon häufig musikalisch große Wirkung machte. Die Bildidee zu einem kühl funktionalen, ständig sauber gehaltenen, von Ritualen des Personals schematisch belebten Klinikraum kam Schlömer nach der Lektüre eines Berichtes über ein Hospiz in den Sinn. Der sich ständig neu mit Blut besudelnde Amfortas ist eine ergreifende Figur und fraglos als Stellvertreter für das gesamte Leid in dieser Welt gedacht (das Programmheft bietet etliche Schmerzporträts aus der Historie). Dieser Aufzug, welcher mit dem Librettotext auch kaum in Konflikt steht, besitzt hohe emotionale Qualität, die später nicht mehr erreicht wird.

 Der aseptisch leere Kundry-Akt mit willkürlich in Gang gesetzter Drehbühne wirkt wie eine kalte Dusche. Das jetzt in der Höhe schwebende Krankenzimmer dient einzig dazu, bei „Amfortas, die Wunde“ den Gralskönig als Mahnfigur in Erscheinung treten zu lassen, auf dass auch Unbedarften die Situation klar wird. Das im letzten Aufzug zerstörte Klinikum macht Sinn, ohne dass sich Regiedetails immer erklären ließen.

 Zu ihnen gehört die zweigeteilte Kundry. Herbert von Karajan unternahm 1961 an der Wiener Staatsoper den Versuch, das Zerrissene der Figur durch unterschiedliche Besetzungen zu verdeutlichen (Elisabeth Höngen war die Getriebene, dann Dienende in den Rahmenakten, Christa Ludwig – gerade 85 geworden – die Höllenrose im mittleren). Diese Entscheidung missachtete freilich die Goethe‘sche Konzeption Wagners von den „Zwei Seelen ach in meiner Brust“. Schlömer schickt die amerikanische Sopranistin JANE DUTTON und ein stummes Double (YARA HASSAN) ins Rennen, wobei nie ganz klar wird, welche Charakterunterschiede beabsichtigt sind. Der Mittelakt mit seinen vielen eindeutig choreographischen Bewegungselementen gerät ohnehin in die Nähe eines inszenatorischen Offenbarungseids.

 Jane Dutton, ursprünglich Mezzo, wurde u.a. von Margaret Harshaw ausgebildet. Ihre vokale Darbietung beschert divergierende Eindrücke. Etwas grell und wabernd wirkt die Stimme zu Beginn, steigert sich dann flammend und raumgreifend, ohne Schwierigkeiten in den Extremlagen. Einen Amfortas von beklemmender Leidensgewalt und baritonaler Verve gibt HEIKO TRINSINGER, der Norweger MAGNE FREMMERLID einen Gurnemanz von großer Bassautorität, ALMAS SVILPA einen ausgezeichneten, freilich nur maßvoll dämonischen Klingsor in rotem Anzug (Kostüme: NICOLE VON GRAEVENITZ), der unverwüstliche MARCEL ROSCA einen leicht clochardhaften Titurel. JEFFREY DOWD, am Aalto für Heldentenorales zuständig, verfügt weiterhin über ein kraftvolles, expressives Organ. Darstellerisch wird er nur bedingt gefordert. Die Kostüme der Blumenmädchen sind mit Buchstaben-Applikationen versehen, die oft das Wort „Sex“ ergeben. Also nein, das haben wir vorher wirklich nicht gewusst. Das Premieren-Publikum dankte Schlömer diese außerordentliche Information nicht und gab seine Ablehnung mit seltener Einvernehmlichkeit kund.

 Christoph Zimmermann

 

 

 

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