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ESSEN/ Aalto Theater: MANON LESCAUT – missglückte Premiere

04.10.2014 | KRITIKEN, Oper

Missglückte „MANON LESCAUT“ (Premiere am 04.10.2014)

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Katrin Kapplusch, Gaston Rivero. Foto: Karl Forster

 Wenn der Norweger Stefan Herheim inszeniert, weiß man, daß man sich auf etwas gefaßt machen muß. Dass er allerdings an einem so klar gegliederten Werk wie Puc­cinis MANON LESCAUT scheitert, war nicht zu erwarten. Dabei liegt der Fehler be­reits in der Konzeption. Offenbar vertraute Herheim dem Libretto nicht. Deshalb wird das Stück völlig auf den Kopf gestellt und handelt von der Herstellung der amerikani­schen Freiheitsstatue. Renato bastelt daran herum. Seine Vorlage scheint Manon zu sein. Zudem tritt durchgängig ein stummer Moderator auf, der gestikulierend Anwei­sungen und Kommentare gibt. Natürlich existiert eine solche Figur im Libretto nicht. Wer es sein soll, bleibt ein Rätsel. Es könnte sich um Illica, auch um Giacosa han­deln. Der zeitgenössischen Kleidung zufolge dürfte es aber eher Giulio Ricordi sein, der Puccini bekanntlich während der Kompositionsarbeiten nachhaltig angetrieben hat. Jedenfalls stört diese Figur gehörig.

Das Finale ist gänzlich entstellt. Auf einem dreistöckigen Gerüst starren regungslos verharrende Choristen und Statisten auf Manon und Renato herab, die sich keines­wegs durch die Wüste schleppen, wie das eigentlich der Fall sein müßte, sondern auf leerer Bühne vor diesem „Publikum“ agieren, sich zeitweilig auf der Bühne wälzen, und schließlich auseinanderlaufen. Während Renato zu seinem Entwurf der Frei­heitsstatue eilt und sich mit diesem beschäftigt, geht Manon nach hinten ab und fällt auf einen Wink des erwähnten Moderators tot um. Dilettantischer geht es nicht.

Bedauerlicherweise ist am Bühnenbild der Heike Scheele der Kostenfaktor das Be­merkenswerteste. Ein monumentaler Kopf der Freiheitsstatue ziert den Bühnenhin­tergrund, flankiert von einem bis in den Schnürboden reichenden Baugerüst. Wenn man auch noch die Kostüme von Gesine Völlm berücksichtigt, paßt überhaupt nichts mehr zusammen, denn die Freiheitsstatue ist bekanntlich 1886 in New York aufge­stellt und in den Jahren zuvor in Frankreich hergestellt worden. Zur Zeit der Weltaus­stellung in Paris 1876 waren nur Kopf und Fackel fertig. Insofern passen die Kostüme überhaupt nicht. Puderperücken und Ballonröcke, wie sie die Damen vorzuführen haben, gehören in die Epoche der Marie Antoinette. Man sollte doch eigentlich davon ausgehen können, daß dem Regieteam der zwischen beiden Epochen liegende Zeit­raum von einhundert Jahren geläufig ist.

Wenn eine Produktion szenisch verkorkst ist, kann sie immer noch durch überragen­de musikalische Leistungen gerettet werden. Aber auch darauf hoffte man in Essen vergeblich. Geboten wurde Hausmannskost, die einem führenden Haus des größten deutschen Bundeslandes nicht angemessen war. Der junge italienische Dirigent Gia­como Sagripanti leitete solide. Gleichwohl produzierten die Essener Philharmoniker anfänglich ein etwas schwammiges Klangbild. Der von Alexander Eberle einstudier­te Chor sang wie üblich ohne Fehl und Tadel. Allerdings trat der musikalische Beitrag wegen des durch den Regisseur verordneten Aktionismusses etwas in den Hinter­grund.

Die beste Figur von den drei Protagonisten machte Heiko Trinsinger als darstelle­risch vitaler Lescaut mit belcanteskem Baritonklang. Der in Uruguay geborene Ga­ston Rivero sang den Renato. Er besitzt einen in der Höhe strahlkräftigen Tenor mit sicherer unterer Lage, allerdings gewissen Schärfen in der Mittellage, die sein Timbre beeinträchtigen. Ein besonderer Fall ist Katrin Kapplusch, der die Manon anvertraut war. Über zwanzig Jahre lang hat sie sich durch die ostdeutsche Provinz gesungen und erhält nun im fortgeschrittenen Alter die Chance auf eine späte Karriere. So wird sie z.B. bei den Bregenzer Festspielen als Turandot zu hören sein. Die Stimme sitzt recht gut, blüht in der oberen Lage auf und erfüllt damit die Anforderungen an die Partie. Allerdings ist das Bild der Manon nun einmal im TV- und DVD-Zeitalter durch junge, höchst erotische Darstellerinnen geprägt. Jedenfalls vermochten weder Kapp­lusch noch Rivero eine annähernd erotische Atmosphäre zu vermitteln, wobei sicher­lich ein erheblicher Anteil Schuld der Regie zukommt.

Die kleineren Partien waren wie in Essen üblich in besten Händen bei Tijl Faveyts (Geronte), Abdellah Lasri (Edmondo/Tanzmeister/Laternenanzünder), Baurzhan Anderzhanov (Wirt/Sergant/Kommandant) und schließlich Michaela Selinger (Ma­drigalistin). Welch ein Luxus und zugleich welche Verschwendung, wenn sich ein Opernhaus für derartig kleine Rollen Sänger leisten kann, die üblicherweise erste Rollen singen.                                                                   Klaus Ulrich Groth

 

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