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ERL/ Tiroler Festspiele: LOHENGRIN – Premiere

08.07.2012 | KRITIKEN, Oper

ERL / Tiroler Festspiele: LOHENGRIN – Premiere am 6.7.2012

Keine Erlösung…


Ales Briscein, Susanne Geb. Foto: Tom Benz/Tiroler Festspiele

Am Vortag zu dieser „Lohengrin“-Premiere begannen die Tiroler Festspiele Erl 2012 mit einem Auftragswerk von Tristan Schulze „Konzertstück für Alphorn, Orgel und Orchester“ (UA) und der Symphonie Nr. 5 in B-Dur von Anton Bruckner. Danach setzte Gesamtleiter Gustav Kuhn seinen eindrucksvollen Wagner-Zyklus der vergangenen Jahre fort, mit dem er nun den Zyklus der „frühen“ Werke Richard Wagners abschloss. Dabei denkt der Dramaturg dieser Neuinszenierung des „Lohengrin“, Andreas Leisner – weitgehend verständlich – nur an jene des Bayreuther Kanons. Für ihn portraitieren die drei Frühwerke „Der fliegende Holländer“, „Tannhäuser“ und „Lohengrin“ das Seelenleben und die Suche nach emotionaler Orientierung des nach heutigen Maßstäben sehr jungen Wagner zwischen dem 26. und 35. Lebensjahr. Unter anderem würden hier auch die Grundlagen für seine Erlösungsgedanken formuliert, sowie seine Position zu den Mitmenschen und – last but not least – sein Frauenbild…

Jeder möglichen oder vermeintlichen Deutung dieses wohl am schwersten zu inszenierenden Werkes des Bayreuther Meisters zum Trotz spielte Gustav Kuhn, der auch wieder Regie führte, mit seinem Orchester und der Chorakademie der Tiroler Festspiele Erl wieder die „erste Geige“. Allein schon die wahrscheinlich originale Orchester Besetzung (man zählte selbst im „Lohengrin“ 11 Kontrabässe…) ist beeindruckend und schafft unter Kuhns erfahrenem, stets ruhig-souveränen Schlag einen Wagner-Klang, der seines gleichen nicht nur in der gegenwärtigen Festspiel-Landschaft sucht. Dazu kommt die gute Akustik des Passionsspielhauses. Wegen dieser beiden Faktoren kommt man wohl vor allem nach Erl.

Kuhn setzt seine in der Accademia di Montegral gestählten Musiker als sichere Garanten für große Wagner-Musik ein. Sie waren es auch diesmal wieder, und der von Marco Medved in Zusammenarbeit mit der Capella Minsk unter der Leitung von Ljudmila Efimova einstudierte Chor trugen mit ihrer exzellenten Dynamik, Transparenz und Stimmkraft zum umjubelten musikalischen Erfolg der Premiere bei. Da wäre die allzu oft zu sehr auf das Orchester fixierte Lichtregie von Gustav Kuhn und Victor Schröder gar nicht nötig gewesen. Man hätte die Protagonisten, die in Erl bekanntlich zwischen Publikum und Orchester agieren, durchaus lichttechnisch erhellen können, zumal es die meisten von ihnen verdient gehabt hätten. Die – allerdings oft ohnehin peinliche – nur pantomimisch angedeutete Kampfszene fand so kaum sichtbar im Dunkel der Vorderbühne statt. Auch später blieben die Akteure bei wichtigen Szenen im Dunkel – die Frauen sahen bei Elsa-Auftritt im 2. Akt aus wie Krieger on Qin-Grab in Xian. Dabei ist dem Regisseur zu danken, dass er auf mittelalterlich martialische Instrumente wie Speere, Lanzen und Schilde gänzlich verzichtete. Dies trug umso mehr zur Konzentration auf die Schicksale und Aktionen der Protagonisten sowie zu einer besseren Erfassung ihrer Persönlichkeit bei und war im Grunde wohl auch ein Bekenntnis zur Erler Tradition, mit den begrenzten Möglichkeiten, die man hier im für die Oper nicht konzipierten Passionsspielhaus hat, Wesentliches zu machen. Man mag die eigentlich halbszenischen Inszenierungen schon gar nicht mehr als solche bezeichnen. Die Übergänge sind fließend – manches wirkt in diesem auf wenige, oft spartanisch wirkende Mittel setzende Regie gehaltvoller als gewisse theatralische und dementsprechend kostspielige Bemühungen der heuten Wagnerregie-Gilde…

Nun ja, etwas mehr hätten sich Gustav Kuhn und Andreas Leisner in den minimalen Bühnenbildern von Jan Hax Halama und den dezent mondän stilisierten Kostümen der Erl-erprobten Lenka Radecky schon einfallen lassen können. Die Statik der fast dauernd singenden Chöre, ausgemachter Schreck aller „Lohengrin“- Regisseure, erhob Gustav Kuhn kurzerhand zum Prinzip: Von Auf- und Abgängen abgesehen, die ohnehin im Halbschatten vonstatten gingen, saß der Chor bequem wie die Meistersinger auf den wieder einmal sorgfältig gezimmerten Bänken der Erler Schreinerei und konnte eben umso meisterlicher singen. Die statische Optik, abgesehen von den albernen Kaffeetassen und -tellern, deren sich der Chor im 2. Akt bediente, fiel also auf die Dauer gar nicht so sehr ins Gewicht, auch wenn manche Szenen den Charakter eines Oratoriums annahmen. Man mag sich gar nicht daran erinnern, was in diesem Zusammenhang alles möglich war. Barry Kosky führte es mit seiner Holender-bestellten und mittlerweile vor dem Wien-üblichen Ablaufdatum entsorgten Wiener „Lohnegrin“-Inszenierung nachhaltig vor.

Dafür konnten sich die SängerInnen umso besser darstellen. Es kam aber im Prinzip eher auf die darstellerischen Fähigkeiten und das Rollenverständnis eines jeden einzelnen an, was sie oder er aus der jeweiligen Partie machte. Und hier gab es eine erfreuliche Überraschung mit dem jungen und rollengerecht attraktiv wirkenden Ales Briscein als Lohengrin. Ein perfekt geführter, wenngleich schlanker, lyrischer, aber absolut intonations- und höhensicher klangvoller Tenor mit Italiantà paart sich mit einer intelligenten Mimik und Darstellung sowie Bühnenpräsenz in Altgold gesticktem Kostüm. Gustav Kuhn, der sicher für das casting verantwortlich war, sei Lob und Dank! Er mag dem so nach Tenören lechzenden Wagner-Jahr 2013 einen wichtigen Agenten zugeführt haben. Von Briscein würde man gern den Stolzing und wohl auch den Parsifal hören. Susanne Geb – auch noch nie bei Wagner gehört – gab eine gute, solide Elsa mit stabiler und voller Mittellage, aber einem in extremen Höhen an seine Grenzen kommenden Sopran. Sie wirkte relativ passiv, wobei offen bleiben muss, ob das eine Regieanweisung war oder eine Eigenschaft der Sängerin. Meist wirkte sie wie die Maria Mutter Gottes, unterstützt durch ihr hellblaues Kostüm und die blonden Haare. Damit ging der Rolle signifikantes und aktions-orientiertes Wirkungspotenzial verloren. Oskar Hildebrandt zeigte einmal mehr, was man als erfahrener Wagner-Sänger mit guter Technik erreichen kann. Sein Telramund hatte immer noch die blendenden Höhen eines Heldenbaritons Wagnerscher Prägung, wenn auch das Volumen nicht immer ganz den vergangenen Möglichkeiten entspricht. Mit seiner akzentuierten Darstellung und Mimik war Hillebrandt ein großer Mitgestalter dieses Erler „Lohengrin“. Ein Lichtblick war Michael Kupfer als Heerrufer, den er vornehmlich gesangsbetont gestaltete mit bester Diktion. Er empfahl sich sängerisch mit dieser Rolle für weitergehende Aufgaben, singt aber ohnehin wieder den Klingsor in diesem Jahr. Andrea Silvestrelli war ein vokaler Totalausfall als König Heinrich. Abgesungen, wie man es selten hört, wirkte er in den Ensemble-Szenen gar stimmlich störend. Darstellerisch verhielt er sich in seinem goldenen und zu steifen Frack allzu stereotyp. Ebenfalls unzureichend war die stimmliche Leistung von Mona Somm als Ortrud. Darstellerisch und optisch ganz sicher eine eindringliche und boshaft agierende Intrigantin, die allerdings im 1. Akt viel zu spät auf die Bühne kam, ist ihr Sopran in der Mittellage vor Intonationsunsicherheiten nicht gefeit, bricht die tiefere Lage klanglich oft weg, und die Höhen bei „Entweihte Götter …“ wie im Monolog des Finales gehen fast an die Schmerzgrenze. Die brabantischen Edlen sangen ebenso wie die vier Edelknaben anstandslos.

Eine besondere und nicht ganz nachvollziehbare Rolle nahm der Schwan ein, anmutig getanzt von der Balletteuse Claudia Czyz. Sie mimte einen schwarzen Schwan mit rotem Schnabel (hier Beine) – das bedeutete schon nichts Gutes. Die Kette, mit der sie Lohengrin aus der Versenkung nach Brabant bringt, spielt auch am Schluss eine Rolle. Der junge Gottfried sieht sich die Lage einen Moment lang an, nimmt dann die Kette und verschwindet samt Lohengrin in der Versenkung. „Weh…!“ heißt die finale Einlassung des Schlusschores – und das hat Leisner nicht von ungefähr so interpretiert. Am Ende permutiert der anmutige Schwan zu einem Jungen im „Lohengrin“-Altgold-Look. Jeder möge sich darunter vorstellen, was er will – (be-)drohend war er schon – jedenfalls keine Erlösung…

(Fotos in der Bildergalerie)

Klaus Billand

 

 

 

 

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