Online Merker Logo

Die internationale Kulturplattform

ERL: PARSIFAL

30.07.2012 | KRITIKEN, Oper

Erl: PARSIFAL – 29 .7. 2012


Foto: Tom Benz

Der Erler Parsifal in der Deutung Kuhns ist spannend wie eh und je. Die Vorstellung war für 11 Uhr vormittags angesetzt, keine ideale Zeit also für SängerInnen. Aber wider Erwarten waren alle Mitwirkenden ohne Abstrich stimmlich hervorragend disponiert. Gustav Kuhn trieb das Orchester der Tiroler Festspiele zu wahren Höchstleistungen an. Das Bühnenweihespiel erreichte auf diese Weise geradezu die Qualitäten einer Bach‘schen Passion, wozu auch der solistische Einsatz der Hausorgel in der Verwandlungsszene sein Übriges beitrug.

Regisseur Kuhn wartet aber auch mit vielen szenischen Überraschungen auf: So wird der Schwan, den Parsifal mit einem Pfeil erlegt, von Claudia Czyz getanzt. Im dritten Akt trägt er dann die Rüstung von Parsifal und dessen Speer und wandelt sich schlussendlich in einer Apotheose zu einem Sinnbild des Heiligen Geistes.

Während des Auftritts der beiden Ritter, Wolfram Wittekind und Fredrik Baldus, im ersten Akt, musste die Vorstellung kurzfristig abgebrochen werden, da ein betagter Zuschauer einen Kollaps erlitten hatte und von einem herbeigeeilten Arzt und Sanitätern ins Freie getragen werden musste.

Großartig, wie die Sänger diese Unterbrechung meisterten, ohne eine Textunsicherheit zu zeigen. Das ist eine beachtliche Leistung, wenn man bedenkt, dass in Erl, wie allgemein bekannt, ohne Souffleur gesungen wird! Respekt!

Eine kleine Panne passierte dann doch im zweiten Akt, wo der stimmgewaltige wie darstellerisch dämonische Klingsor/Michael Kupfer, auf einer Leiter kauerte, die schräg auf einer riesigen Tafel ruht, die dann im dritten Akt zum Altar mutiert (Bühnenbild: Ina Reuter). Klingsor trägt einen gelben Mafioso Anzug, und diese Farbe symbolisiert sowohl den Neid auf die Gralsritter, die ihn aus ihren Reihen verstießen, als auch den Hass des Verschnittenen auf seine eingebüßte Männlichkeit. Während der eindringlichen Heraufbeschwörung von Kundry steigt diese Leiter bis zur Lotrechten an, und sollte dann – plötzlich – nach vorn kippen. Allein die Haltevorrichtung in der Leiter, an welche der Sänger angeschnallt war, wollte nicht kippen, sodass Kundry/Mona Somm zu Hilfe kam. Auf Grund dieser technischen Panne büßte die Szene natürlich etwas an Spannung ein.


Foto: Tom Benz

Die Schweizer Mezzosopranistin Mona Somm überzeugte mit allen Facetten des ewigen Weibes: selbstherrlich, verführerisch, aufopfernd, mütterlich, dienend, verzichtend, entsagend. Stimmlich waren keinerlei Abstriche zu verzeichnen. Im Gegenteil: ausgehend von ihrer kräftigen Mittellage erreichte sie mühelos auch die hohen und tiefen Register dieser Partie. Eine Panne zieht bekanntlich gleich die nächste nach sich und so büßte sie einen ihrer hochhackigen roten Pumps beim Erklimmen der Stufen an der linken Bühnenseite ein. Sie sang aber unbeirrt weiter und stand nun mit ihrem linken Fuß auf den Zehenspitzen bis sich eine gute Gelegenheit fand, sich des verloren gegangen Schuhs wieder zu bemächtigen.

Im dritten Akt betritt Parsifal, von einem Knappen geleitet, die Szene. Der Knappe hält zwei Schilde und den Speer und entpuppt sich als der „auferstandene“ Schwan. Er bereitet Parsifal den Einzug in den Gralsrittersaal, indem er Zweige mit grünem Laub, keine Palmzweige wie beim Einzug Jesu Christi in Jerusalem, auf seinen Weg streut. Parsifal nimmt dann an einer Tafel, die sich zwischenzeitig zum Abendmahlstisch gewandelt hat, in der Mitte Platz. Zu seiner Linken sitzt Gurnemanz, zu seiner Rechten Kundry, davor kauert der Schwan. Deutlich erkennt der Betrachter eine Anspielung auf das christliche Credo, erweitert allerdings um die Figur der Kundry, die, in Anspielung auf die Enzyklika „Redemptoris Mater“, als Mutter des Erlösers erscheint. Sie sitzt daher auch in weiterer Anspielung auf das katholische Dogma „Maria assumpta“ zur Rechten „ihres Sohnes“ Parsifal, den sie zuvor in Klingsors Zaubergarten an Sohnes statt angenommen hat. Parsifal thront nun als „Erlöser“ zwischen Kundry und Gurnemanz, seinem Lehrer, welchem jene Attribute zugeschrieben werden, die gemeinhin einen liebenden, aber strengen Vater ausmachen. Der Schwan mutiert zum Abbild des Heiligen Geistes und hockt mit gekreuzten Beinen vor dem Abendmahlstisch. Er schließt auch – und nicht Parsifal – die Wunde des Amfortas. Eine effektvolle und provokante, durchaus gelungene Interpretation, die keinesfalls blasphemisch wirkt!

Regisseur Kuhn erweist sich aber auch als Kenner jüdischer Kabbalistik und Zahlenmystik. So sitzt der reine Männerchor auf sieben Stufen auf der linken Seite der Bühne, während zu den im dritten Akt am „Abendmahlstisch“ versammelten Dreigestirn Gurnemanz, Parsifal und Kundry noch die beiden Gralsritter und zwei der Knappen treten, sodass wieder die Zahl sieben erreicht wird.

Der herrlich singende Chor der Chorakademie der Tiroler Festspiele Erl unter seinem Leiter Marco Medved in Zusammenarbeit mit der Capella Minsk unter der Leitung von Ljudmila Efimova war mit grau-schwarz changierenden Anzüge über orangefarbenen Brustpanzern bekleidet. Auf der rechten Seite positionierten sich die Wiltener Sängerknaben, die im letzten Bild in ihrer Alltagskleidung auftraten, ein Sinnbild des sich ständig erneuernden, im Wandel befindlichen Grals. Hinter den Orchestermusikern sang der Frauenchor, verstärkt durch eine Handvoll Tenöre.

Der gebürtige Potsdamer Michael Baba verfügt als Parsifal über einen eindringlichen, metallisch hellen Tenor. Er begeisterte von Anfang an durch seine strahlende, stabile Höhe und bemühte sich redlich, den Wandel vom reinen Toren zum obersten Gralshüter glaubhaft darzustellen.

Thomas Gazheli hatte als Amfortas, im Vergleich zu seinem Landgrafen Hermann und seinem Telramund an den beiden vorangegangenen Abenden, seinen gesanglich stärksten und zugleich berührendsten Auftritt.

Johannes Schmidt war ein guter väterlicher Gurnemanz mit nobler Stimmführung. Der Titurel wurde von Michael Doumas eindringlich von den hinteren Zuschauerreihen aus gesungen.

Zu erwähnen sind noch die stimmlich tadellosen vier Knappen von Anna Lucia Nardi, Aurora Faggioli, Alexander Kaimbacher und Joe Tsuchizaki.

Die erste Gruppe der Blumenmädchen bildeten Anna Princeva, Michiko Watanabe und Kirsten Schwarz, die zweite Gruppe Silja Schindler, Junko Saito und Vaida Raginskyte. Dieses Mal sangen sie stimmlich ausgewogen und textverständlich. Ihr kecker Auftritt in highheels legte eine besonders laszive bis zickenhafte Darstellung geradezu nahe.

Last but not least muss auch das wunderbare Sopransolo der Stimme aus der Höhe von Michaela Bregantin erwähnt werden!

Mit dieser so klug durchdachten, schlüssigen Inszenierung fanden die heurigen Tiroler Festspiele Erl 2012 ihren würdigen Abschluss. Langer Applaus, durchsetzt von zahlreichen Bravorufen, bedankte alle Mitwirkenden.

Harald Lacina

 

 

Diese Seite drucken