Online Merker Logo

Die internationale Kulturplattform

ERL/ Festspielhaus: IL TROVATORE. Premiere

07.07.2013 | KRITIKEN, Oper

Tiroler Festspiele Erl: Verdi „Il trovatore“ 6.Juli  2013– Premiere


Anna Princeva, Ferdinand von Bothmer. Foto: Robert Parigger/ Tiroler Festspiele Erl

 Angeregt von der schon monatelangen Berichterstattung und vielen persönlichen Berichten besuchten wir die Premiere der Oper „Il trovatore“ von Giuseppe Verdi im neuen Festspielhaus. Gleich vorweg: all die positiven Beschreibungen über die futuristische Architektur außen, über die streng schwarz/weiß gehaltenen und sehr funktionellen Gänge und Pausenhallen, über den großen, mehr in brauntönen gehaltenen Zuschauerraum, wo jeder(!) Besucher gleich gut sieht und hört und sogar eine induktive Höranlage zur Freude aller Hörgerätebenutzer existiert, stimmen zu hundert Prozent. Die relativ kleine Bühne lässt zwar keine exaltierten Inszenierungen zu, ist aber durch die geringe Tiefe sehr sängerfreundlich.

 Sehr sängerfreundlich – weil niemals zu laut, niemals die Sänger übertönend – und wunderbar schön spielt das Orchester der Tiroler Festspiele Erl, unter der Leitung des Regisseurs/musikalischen Leiters Gustav Kuhn. Kuhn dirigiert mit sparsamen Gesten, begleitet die Sänger sehr behutsam, doch was aus dem Graben ertönt, ist „schönstes Verdi“. Vielleicht manchmal zu schön – in dieser Oper, wo laufend von Feuer, von Flammen, von Beben gesungen wird und die Gefühle genau wie die Flammen lodern, hätten wir manchmal etwas mehr Aufbrausen in der Musik gewünscht. Tatsächlich war das Orchester aber der größte Pluspunkt der Aufführung. Die mehrheitlich sehr jungen Orchestermitglieder erreichen einen wunderschönen, homogenen Klang, und bei den locker-leicht, doch sehr exakt gespielten Melodien ist man sofort dabei bei „seinem Verdi“.

 Zu den Pluspunkten zählen auch die noch recht junge St.Petersburger Sopranistin Anna Princeva als Leonora und ihr ungeliebter Verehrer Graf Luna, gesungen von Michael Kupfer. Princeva hat einen hübschen, meist wohlklingenden lyrischen Sopran, an der Höhensicherheit muss sie noch arbeiten. Auch eine gewisse Premierennervosität kann eine Rolle gespielt haben bei einigen Unsicherheiten . Michael Kupfer sang den Luna mit schönem Bariton, man merkt schon seine Liebe zu Lied- und Konzertgesang. Außerdem ist er auch bei Wagner und Strauss angekommen: in der kommenden Saison singt er in Sao Paulo den Wotan.

 Hermine Haselböck sang die Rolle der Zigeunerin (hier muss das so heißen!) Azucena, die Manrico, den tot geglaubten Bruder des Grafen Luna an ihres eigenen Kindes statt aufzog, um für ihre am Scheiterhaufen getötete Mutter Rache zu üben. Diese Rolle wird mit gutem Grund mit dunkel timbrierten, voll tönenden Mezzostimmen besetzt. So viel Leid, so viel Grausamkeit, Leidenschaft und Rachegelüste müssen da ausgedrückt werden! Wenn sie singt: „Stride la vampa!“, das sollte Gänsehaut erzeugen. Hermine Haselböck hat eine sehr helle, schon eher zum Sopran tendierende Stimme. Obwohl sie die Noten richtig singt, Azucena ist sie nicht.

Uns nicht ganz verständlich, doch wird Ferdinand von Bothmer von Rolle zu Rolle weiter besetzt. Um es gleich festzuhalten: Manrico ist er nicht. Er kämpft mit den Höhen, die Stretta – dieses Renommierstück aller Tenöre – zündet nicht, da lodern keine Flammen. Zu viele gequetschte Töne, zu wenig Volumen – selbst hier in Erl. „Miserere“, eines der schönsten Duette in Verdis Werken, zeigt nur gebremste Wirkung in Ermangelung einer – hier notwendigen – tragenden Stimme.

 Ratlos hörten wir Giovanni Battista Parodi als Ferrando zu. So viel Vibrato, so viel Wobble, dass man den gesungenen Ton nicht identifizieren konnte, haben wir selten gehört. Seine Erzählung für seine Soldaten über die Familientragödie der gräflichen Familie war eines der Tiefpunkte des Abends. In der Folge hat er seine Stimme zwar in den Griff bekommen, doch über Strecken blieb sein Gesang grobschlächtig und klanglos. Unverständlich, wie er mit solcher Leistung auch den Sparafucile singen soll.

 Die weiteren (Neben)Rollen waren unauffällig. Ruiz (Patrizio Saudelli), Ines (Emily Righter), ein Zigeuner (Volker Frank Giese) und ein Bote (Luca Granziera) waren rollendeckend.

Last but not least seien die Chorakademie der Tiroler Festspiele Erl (Leitung Marco Medved) und die Capella Minsk (Leitung Ljudmila Efimova) erwähnt, sie haben wesentliches zum Gelingen des Abends beigetragen.

Einige Worte zur Regie und Ausstattung: das Konzept der so gut wie leeren Bühne behauptet sich hier hervorragend. Offenbar gilt für alle Stücke (das ist nur Annahme, aber bei Rigoletto gab es dieses Bühnenbild auch) nur in der Bühnenmitte eine Schräge, in deren Mitte ein steinernes Becken platziert ist – zur jeweiligen Veranschaulichung des Spielortes durch ein symbolisches Teil. So im Burggarten ein blühender Strauch, im Kloster einige angedeutete Säulen, bei der Belagerung ein Zelt, etc. Trotz dieses minimalistischen Bühnenbildes bleibt alles verständlich, fehlt an sich nichts – es sei denn die Geschichte darstellende Künstler. Außer Leonora, die im 1.Akt beim Gespräch mit ihrer Vertrauten Ines einige Male hin und her läuft, stehen alle in jeder Situation Statuen gleich da und singen ihre Arien ohne Regung. So nimmt es kein Wunder, dass die „lodernden Flammen“ kein Enthusiasmus im Publikum hervorrufen. Diesen trostlosen Eindruck verstärken nur noch die Kostüme (Lenka Radecky).

Die Protagonisten sind in absolut neutrale, um nicht zu sagen unisex Gewänder gekleidet, durchwegs beige/gold Ton in Ton, nur eine Jacke ist färbig. Große Ausnahme: die Gefolgschaft von Urgel darf gelbe Brustpanzer tragen – dadurch entsteht ein Gefühl als wären sie riesengroße Käfer .

Ganz eigenartig mutet die Schlußszene an: Leonora stirbt gerade an Gift, Azucena liegt im Schlaf und wartet auf ihre Hinrichtung. Luna kommt, sieht Leonora, daraufhin befiehlt er Manrico zur Hinrichtung zu bringen. Doch nichts passiert, Manrico bleibt ohne Rührung stehen, Azucena springt auf und ruft: er war dein Bruder. Daraufhin steht Leonora auf und gesellt sich zu den anderen. Zu guter Letzt kommt noch Ferrando herein und steht auch mit am Plattform, in einer nicht wirklich deutbaren Pose (segnend? bedrohlich?)

Am Schluss sehr verhaltener Beifall – mehr war auch nicht drin.

Es seien uns noch einige persönliche Worte zum Festspielhaus gestattet. Die positiven Seiten sind eindeutig und ohne Diskussion. Doch wurde diese Kompromisslosigkeit für Schönheit und Wohlklang auf den Rücken des mehrheitlich doch nicht mehr ganz jungen Publikums erreicht. Die sehr steilen und sehr langen Stiegen müssen erklommen werden. Im Inneren verkommt jede Suche nach dem Buffet oder nach einer Toilette zur Weitstreckenwanderung. Es mangelt ganz eindeutig an leicht zu findenden und erkennbaren Beschriftungen. Es gibt zwar Lifte, aber die zu finden ist nicht wirklich leicht. An der Außenseite neben der Eingangsstiege befindet sich auch ein Lift, ist aber nicht gekennzeichnet. Lediglich ein Behindertensymbol ist dort aufgemalt, doch ist das nicht für alle selbstverständlich das Gleiche. Es gibt keine Behindertenparkplätze vor oder neben dem Festspielhaus, ca. 200-250 Meter muss man zurücklegen, zu Behindertenparkplätzen zu gelangen (von denen am 6.Juli einer durch einen Riesenwagen ohne Behindertenausweis verstellt war). Zumindest jetzt, wo die zwei Festspielhäuser nebeneinander stehen, hätte man eine Lösung finden können. Der Zuschauerraum ist für Ältere/Schwächere ohne Begleitung fast nicht erklimmbar. Eingangsmöglichkeit ausschließlich im Parkett oder auf der Galerie, Haltemöglichkeiten nur an den Seitenwänden doch nicht in den Mittelgängen, alles mit Parkett belegt (wunderschön), doch mit viel Ausrutschpotenzial. Und was die Geschwindigkeit betrifft, wie die Zuschauer durch die vier Ausgänge den Saal verlassen können, ist sicher nicht optimal.

Maria und Johann Jahnas

 

 

Diese Seite drucken