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ERFURT: WOZZECK von Alban Berg. Premiere

26.02.2017 | Oper

Theater Erfurt/ Oper Wozzeck in drei Akten von Alban Berg/ Premiere am 25.02.2017

 Ein Mikrokosmos expressiv bloßgelegter Gefühle

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Máté Sólyom-Nagy in der TitelrolleCopyright: Lutz Edelhoff/ Theater Erfurt

 Regisseur Enrico Lübbe zieht den Blick des Zuschauers zunächst in die kleinräumige Welt der rombusartig gehaltenen Drehbühne. Die einzelnen Raumabteile sind dunkle grau-bräunlich gehaltene Raumabteile, die, die darin exzentrisch-expressiv agierenden Figuren, sehr frontal präsentieren. Da ist kein Ausweichen des Blickes mehr möglich, denn als Betrachter wird man geradezu hypnotisch darauf zentriert. Das ist offensichtlich auch die Absicht des Regisseurs Enrico Lübbe, der seinen Interpretationswillen gemeinsam mit dem Bühnenbildner Etienne Pluss umsetzt. Im Verlauf des Stückes wird dieser Blick auf die Bühne verändert und in der vollendeten Katastrophe geweitet. Wie in einem Kessel werden im 1. Akt die fünf Charakterstücke präsentiert und in die Wozzecks Welt eingeführt.

 Lübbe lässt in seiner Figurenführung den innerlich getriebenen Wozzeck mit den anderen zusammenstoßen, bis hin zur fünften Szene, in der Marie dem Tambourmajor begegnet und der Verrat an der Liebe geschieht. Das ist also die Wozzecks Welt. Ein Kessel der Niedertracht, des Missbrauchs und des Verrats, in dem es außer dem unschuldigen Kind, nichts Schönes gibt. Allerdings dafür hat der getriebene Wozzeck auch keinen Blick. Folgerichtig entwickelt Regisseur Enrico Lübbe mit dem 2. Akt den Weg zur Katastrophe. In der zweiten Szene machen sich der Doktor und der Hauptmann gezielt lustig über das ihnen bekannte Verhältnis des Tambourmajors zu Marie. Gut nachvollziehbar gestaltet hier Enrico Lübbe, wie Wozzeck seinen letzten Halt verliert. Der letzte Rest seiner Wert-Welt wird ihm genommen und die Auflösung seiner ohnehin schwachen Identität beginnt. Nach der Begegnung mit Marie kann er ja auch nur noch resümieren, dass „der Mensch ein Abgrund“ ist. Von da an überschlagen sich auch die Bühnenbilder. Der Chor der Soldaten mit dem Jägerlied findet in einem überdimensionalen schrägen Bilderrahmen statt. Wozzeck steht außerhalb dieser Welt, er kann sie nur noch hilf- und machtlos wahrnehmen. Diese gesteigerte Machtlosigkeit zeigt sich in der mit Videoeffekten verfremdeten Kopulations-Szene im Wirtshaus, in der gleich drei Tambourmajore mit drei Maries zu sehen sind. Überdeckt von einem Videoeffekt, der alles verschwimmen lässt, nimmt Wozzeck seine Gegen-Welt war. Außerhalb dieser Welt wird Wozzeck dann auch brutal zusammengeschlagen und verhöhnt. Danach gibt das Bühnenbild von Etienne Pluss den Blick frei auf eine Welt, eine zeichenhaft reduzierte Welt. Da sieht man einen angedeuteten See mit wenigen Binsen. Tanzpaare als Schatten, wenige Lichteffekte, die das Schneetreiben umrahmen, in dem das einsame Kind mit seinem Steckenpferd reitet. Der Blick auf den zum Mörder gewordenen, ist der Blick auf einen Leidenden und den in seiner Verzweiflung Erlösung Suchenden. Irgendwie könnte die letzte Kinderszene mit der verklingenden Musik auch ein Angebot zu einem erlösenden Blick sein, doch dies bleibt natürlich eine offene Interpretation.

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Copyright: Lutz Edelhoff/ Theater Erfurt

 Regisseur Enrico Lübbe hat mit dem Bühnenbild von Etienne Pluss eine Symbiose für seine dramatische Entwicklungswelt dieses Opfers Wozzeck geschaffen. Unterstützt werden sie dabei durch die Kostüme von Bianca Deigner.

 Hervorragend spielen auch die Sänger in diesem Regie-Konzept mit. Da ist vor allem Máté Sólyom-Nagy als Wozzeck mit seinem reduzierten Spiel, den expressiv-stilisierten Gesten und seinem pointierten Gesang, verkörpert er seine Figur so eindrücklich, dass der verlorene Antiheld zum Helden des Premierenabends wird. Ihm steht Stéphanie Müther als Marie gegenüber, die sinnliche Weiblichkeit verkörpern kann und auch in der Opferrolle sehr überzeugend ist. Mit ihrem Sopran widerspiegelt sie gut diese Seelenzustände. Sie kann auch dramatische Steigerungen sehr wirkungsvoll umsetzen. Als Hauptmann kann man Erik Biegel erleben. Der Tenor ist als Gast engagiert und stellt einen exzentrischen Hauptmann dar, der auch hin und wieder die Lachmuskeln strapaziert. Als Doktor tritt Vazgen Gazaryan auf, ein zynischer und gewissenloser Mediziner, der ziemlich überdreht wissenschaftlichen Ruhm sucht. Der armenische Bass, mit künftigem Engagement an der New Yorker MET, überzeugt mit seinem Spiel und seinem diabolischen Bass, der auch in den Höhen etwas Stählernes hat. Won Whi Choi als Andres bildet mit seiner Tenorstimme einen gut kontrastierenden Gegenpart zum Bariton von Máté Sólyom-Nagy. Den Tambourmajor spielt Thomas Paul mit charmanter Überheblichkeit und vitalem Eros, durch das stilisierte Marschieren gibt es aber immer auch eine Distanz zur Figur. Katja Bildt überzeugt mit ihrer Alt-Stimme und mit ihrem kurzen Auftritt als Margret. Den 1. Handwerksbursch und 2. Handwerksbursch spielen Gregor Loebel und Siyabulela Ntlale in der 4. Szene des 2. Aktes. Sie werben auch mit einem gewissen Schmelz für den Tambourmajor. Auch die anderen kleinen Rollen: wie der Narr mit Christoph Dyck und ein Soldat mit Reinhard Becker sind treffend besetzt. Gemeinsam mit dem Chor unter der Leitung von Andreas Ketelhut vollbringen alle eine großartige Ensembleleistung.

 Joana Mallwitz unterstützt mit ihrem Dirigat die Sänger unglaublich präzis. Durch den luziden Orchesterklang wirken die Singstimmen ungewöhnlich differenziert. Auch bei den Zwischenstufen, zwischen gesprochenem und gesungenem Wort, erreicht sie im Zusammenspiel mit den Sängern eine hohe Präsenz. Die sogenannte „rhythmische Deklamation“, also die exakte Notation von rhythmisch fixiertem Sprechgesang, weiß Joana Mallwitz exakt zu führen. Alle Tempi und Forcierungen gelingen ihr glänzend. Und auch im Wechselspiel mit einer Schülergruppe auf der Bühne stimmt alles. Mit dem Orchesterzwischenspiel in d-Moll im 3. Akt erzielt Joana Mallwitz beim Publikum dann noch einmal einen besonders starken emotionalen Eindruck.

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Copyright: Lutz Edelhoff/ Theater Erfurt

 Generalintendant Guy Montavon hat mit der Wahl des Regisseurs Enrico Lübbe und des Bühnenbildners Etienne Pluss für die Erfurter Wozzeck-Inszenierung zwei Theatermacher geholt, die mit Schauspielerfahrung eine nachdrückliche Musiktheatererfahrung geschaffen haben. Das Erfurter Publikum reagiert beeindruckt mit viel Applaus.

 Larissa Gawritschenko und Thomas Janda

 

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