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ERFURT: MADAMA BUTTERFLY – Fahrrad und Sportwagen und ein paar Rosenblüten. Premiere

Fahrrad und Sportwagen und ein paar Rosenblüten

Theater Erfurt / Madama Butterfly von Giacomo Puccini / Premiere Sa, 27. September 2014

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Foto-Copyright: Theater Erfurt

Was macht ein Ford Mustang auf einer Opernbühne? Er soll wohl das Eindringen amerikanischer Lebensart in eine andere Kultur symbolisieren. Was macht das dicke Auto außerdem? Es beherrscht vollkommen die Dramaturgie des ersten Aktes der Erfurter Butterfly-Inszenierung.

 Natürlich ahnt man, das soll so sein. Schade nur, dass die Protagonisten um das Auto schleichen müssen, weil sie kaum Platz zur Bewegung haben. So wirkt der erste Akt ziemlich statisch.

Die Kulisse ist romantisch schön und die rosige Hintergrundbeleuchtung gewollt kitschig. Die Drehbühne, mit der in Erfurt viel gearbeitet wird, offenbart den tristen Hintergrund: alles künstliche Bühne mit wechselnden Farbstimmungen. Das ist sozusagen die brutale Enthüllung der Japanromantik. Regisseur Matthew Ferraro (Inszenierung, Ausstattung) betreibt damit eine Überinterpretation, denn der Stoff ist ja von sich aus schon kritisch. Matthew Ferraro will aber offenbar sicher sein, dass es nur ja keinem entgeht, wie hohl diese Welt ist. Damit bricht er von Anfang an alles, was er als Illusion einschätzt. So gibt es auch bei den Kostümen immer die Wechsel zwischen Kimono und Trainingsanzug. So wird der offenherzige Zuschauer nicht den Eindruck los, als sei hier eine ständige Demaskierung des Opernstoffes geplant. Auch eine Karaoke-Show wird verbastelt, das kann man sicher machen, wirkt aber auch nur aufgesetzt platt.

Dabei enthält Puccinis Oper eine vierfache Tragödie für Batterfly: 1. Die Treulosigkeit Pinkertons, für den die Ehe auf Zeit eben nur ein zeitlich begrenzter Spaß ist. 2. Der Ausschluss aus der traditionellen japanischen Kultur durch Onkel Bonze. 3. Die Enttäuschung über den nicht anerkannten Religionswechsel zur christlichen Religion und die Nicht-Aufnahme in die neue Kultur-Welt. 4. Der Verlust ihres Kindes an die neue Familie ihres geliebten Ehemannes. Das schuldlose Hineinschlittern in diese Verhängnisse ist Tragödie im klassisch griechischen Sinne. Mit ihrem Suizid oder japanisch Seppuku kann sie nur noch ihre Ehre wiederherstellen: „Ehrenvoll sterbe, wer ehrenvoll nicht leben kann“, singt Cio-Cio San und erschießt sich in der Erfurter Inszenierung hinter einer weißen Wand mit einer Pistole. Das ist tragisch, aber ziemlich schlicht inszeniert. Schade, dass Matthew Ferraro keine aussagekräftigere Darstellung eingefallen ist, denn jeder Butterfly-Fan weiß doch, dass Cio-Cio San den Dolch besitzt, mit dem sich schon ihr Vater rituell tötete. Ein Knallgeräusch macht die Tragik nicht tragischer. Lobenswert ist das Licht von Torsten Bante.

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Foto-Copyright: Theater Erfurt

Sängerisch war diese Vorstellung allerdings überragend. Ilia Papandreou (Cio-Cio San) überzeugt durchgängig stimmlich und in der Verkörperung dieser Rolle. Nach der Arie „Un bel di vedremo“ gibt es anhaltenden Szenenapplaus. Diese Arie ist der musikalische Höhepunkt des zweiten Aktes. Butterfly wartet schon seit drei Jahren auf die Rückkehr ihres Ehemannes. Sie ist verarmt und gesellschaftlich verachtet. Sie gilt als geschieden, weil ihr Mann sie verstoßen hat, doch sie hält an ihrem Glauben fest, dass er zurückkommen wird. Papandreou verarbeitet so wirkungsvoll ihre Ängste und Hoffnungen, dass das Publikum mitschmilzt. Ebenso eindrucksvoll singt Ilia Papandreou „Con onor muore“, die Todes- und Schlussarie der Oper. Emotional erreicht sie damit psychische Tiefenschichten, so dass bei manchen Hörern die Tränen fließen. Wenn danach die Musik noch einmal dramatisch wird und Pinkerton Richard Carlucci dreimal „Butterfly“  ruft, dann haben die Sänger und das Orchester einen musikalischen Höhepunkt geschaffen, der so einprägsam ist, das er lange nachhallt. Entsprechend groß, fällt auch der Applaus aus. Richard Carlucci als Pinkerton erweist sich in dieser Premiere ebenbürtig. Mit „Addio, fiorito asil“ beschwört er die glücklichen gemeinsamen Stunden mit Butterfly und bekennt seine Feigheit und das kann er so wirkungsvoll, dass die verlorene Liebe und sein Versagen durchscheint.

 An Ilia Papandreous Seite singt Katja Bildt die Suzuki. Die Mezzosopranistin hat damit auch eine gesanglich überragende Leistung vollbracht. Kartal Karagedik als Sharpless wirkt gewohnt souverän. Humorig verkörpert KS Jörg Rathmann die Rolle des Goro. Gesanglich in Höchstform sind auch alle anderen Rollen besetzt Seongyung Hwang (Yamadori), Jeogyung Jo (Yakusidé), Nils Stäfe (Kommissar) und Katharina Walz (Mutter), Nicole Enßle (Base) sowie Susanne Enciu (Tante).
Hervorzuheben ist noch Vazgen Ghazaryan der den Onkel Bonze singt, das macht er stimmlich sehr wirkmächtig. Der Chor unter der Leitung von Andreas Ketelhut erweist sich kontinuierlich gut.

 Eine weitere Sensation der Premiere ist natürlich die neue GMD Joana Mallwitz. Sie bekommt schon Applaus-Vorschuss, der dann am Schluss noch weit übertroffen wird. Sie dirigierte präzis, vielleicht ein bisschen akademisch, schafft es aber faszinierend, diese großen Bögen mit dem Orchester zu formen, die für Puccini so wichtig sind und sie vereint das Hausorchester mit der Thüringen Philharmonie Gotha zu einem Orchester, das diese druckvolle Dynamik und die dramatischen Steigerungen Puccinis brillant umsetzt.

 Joana Mallwitz hat mit dieser Premiere gezeigt, wie sie das Erfurter Orchester motivieren kann, um ausgezeichnete Leistungen zu vollbringen. Davon werden und wollen wir mehr hören und auch diese Madama Butterfly sollte man gesehen haben.

 Thomas Janda