Online Merker Logo

Die internationale Kulturplattform

ERFURT: FAUST (Margarethe)

19.04.2015 | Oper

Erfurt: Faust (Margarethe) 18.4.2015

 Die Oper Erfurt bringt Faust (früher Margarethe) von Charles Gounod in ihrer Reihe „Oper halbszenisch“ auf die Bühne. Natürlich wundert man sich, daß ein so beliebtes Repertoirewerk nur semiszenisch zu sehen sein soll, aber ein Spareffekt ist dadurch sicher gegeben. Regisseur Benjamin Prins läßt sich aber von begrenzten Mitteln nicht einschüchtern und bringt, im wahrsten Sinne des Wortes, eine ‚blutvolle‘ Aufführung zuwege. Erst einmal staunt man, daß hinter einem Sternenhimmel das Orchester ganz oben auf der Bühne „schwebt“, dort immer sichtbar spielt und wegen seiner ‚Rücklage‘ eigentlich aus dem Hintergrund begleitet: Wenn das kein halbszenischer Effekt ist! Im Orchestergraben führt dafür eine Treppe auf die Vorderbühne, die oft dem derb-lustigen Jahrmarktspiel vorbehalten ist, wo Tänzer und Akrobaten vor den den ChorsängerInnen vorbehaltenen Stuhlreihen, ihre wirbelnden Auftritte absolvieren. Prins erzählt weitgehend die Faust-Gretchen-Tragödie, angereichert durch die Valentin-Episode. Der Siebel erscheint al 2.Liebhaber etwas aufgewertet, wenn ihn Gretchen letztendes auch abblitzen läßt. Faust ist ganz nihilistisch drauf: Zu beginn schreibt er ein großes RIEN an die Tafel, auf der Michelangelos Gesundheitsmann im Kreis und einige Zauberformeln gezeichnet sind. Der Schmuck für Gretchen besteht aus einer goldenen Thora/Kopfbedeckung sowie goldenen Schulterklappen, die am Ende losgelöst nach oben gezogen werden. Nach der Vereinigung mit Faust trägt Gretchen eine Schürze mit der Aufschrift ‚Schande‘, die sie bei der Kommunion zwar abnehmen darf, letztere wird ihr aber von den Priestern verweigert. Mit einem Eimer mit dem Blut des Kindes von Margarethe, das sie sich selber abgetrieben hat, führt Mefisto Faust auf die Walpurgisnacht, auf der ihm als König mit langem Hermelinmantel Königinnen wie Kleopatra und Helena zugeführt werden. Mefisto läßt die Gesellschaft aus dem Bluteimer trinken. Als Gretchen im Hintergrund mit der Thora erscheint, flieht Faust. In einem mittigen Glaskasten (Bb.: Hank Irwin Kittel) wartete Gretchen auf seine Hinrichtung, aufgrund ihres Wahnsinns kann sie Faust aber nicht mehr folgen. Das lebhafte Bühnenspiel mit den bunten 18./19 Jahrh.-Kostümen Mila van Daags läßt die semiszenische Beschränkung oft fast vergessen.

 Die Chöre singen ganz filigran, gut durchhörbar und klangschön (E.: A.Ketelhut). Wenn das Orchester auch sehr zurückgenomen wirkt, kommt Gounods herrliche Musik unter der agilen Leitung von Jari Hämäläinen sehr gut zur Geltung, und in die schön ziselierten Melodien kann man sich wieder ‚verhören‘. Tänzer und Akrobaten, davon einer auch öfter mit umgeschnalltem Phallus, und am französischen Militär inspiriert sind Nadja Dagis, Ronny Lorenz und Michél Meier. Die junge ganz flotte Marthe wird von Stephanie Müther dargestellt und eher mit Soprantimbre gesungen. Wagner ist Gregor Loebel mit mit großem durchdringendem Baß. Dorothea Spilger steht für den Siebel mit silberperlendem Sopran zur Verfügung. Seinen guten Bariton wirft Kartal Karagedik für den Valentin in die Waagschale. Die Margarethe vo Ilia Papandreou singt mit einem leicht störendem Dauervibrato, szenisch ist sie aber aktiv und präsent. Der Mefisto Vazgen Ghazaryan hat einen klangschönen leicht geführten, trotzdem voluminösen Baß, den er gefühlvoll und gar nicht so schrecklich wie er in roter Teufelsmontur anmutet, einsetzen kann. Der Faust von Richard Carlucci weist eine strahlende Höhe aus und singt die exorbitante Partie weitgehend mit schönem Tenorschmelz.

 Friedeon Rosén

 

Diese Seite drucken