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ERFURT/ Domstufenfestspiele: TOSCA . Große Gefühle garantiert. Premiere

12.08.2016 | Allgemein, Oper

Premiere/ Domstufen- Festspiele in Erfurt am 11.08.16
Giacomo Puccinis Tosca

Große Gefühle garantiert

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Kelly God, Andrea Shin. Copyright: Domstufenfestspiele

Die Domstufen-Festspiele sind ein Höhepunkt im Thüringer Sommer-Theater. Mit Puccinis „Tosca“ kann man ein Bühnenspektakel vor der imposanten Kulisse des Erfurter Mariendoms und der St. Severi Kirche erleben. Zur 23. Auflage der Domstufen-Festspiele überhaupt, fieberte ein interessiertes Publikum auf vollbesetzten Plastikstuhlreihen einem spannenden Opernabend entgegen. Obwohl Generalintendant Guy Montavon sein Premieren-Publikum auf Krücken begrüßte, war er guter Laune und klopfte mit seiner Krücke dreimal auf den Boden. Das Wetter zeigte sich widersprüchlich, allerdings ab der Pause blieb es dann auch regenfrei, so dass einem ungetrübten Kunstgenuss kein Hindernis mehr im Wege stand.

Die Regie von Jakob Peters-Messer will vor allem die politisch unbedarften Künstler in den Mittelpunkt stellen. Sie sind dem banal-bösen Scarpia hoffnungslos unterlegen. Wie politisch aktiv soll oder darf ein Künstler sein? Diese Frage treibt den Regisseur um. Jakob Peters-Messer sieht denn auch das Prophetische in Puccinis Bösewicht in einer Analogie zu den Tätern des 20. Jahrhunderts. Bei seiner, ansonsten nicht übermäßig experimentellen Regiekonzeption, wird er unterstützt von Hank Irwin Kittels Ausstattung. Zu sehen ist ein gefallener Engel, der auf den Domstufen zerborsten ist. Flügel und Schwertarm sind vom Korpus getrennt. Diese Teile bieten viele Spielmöglichkeiten für die Einzel- aber auch für die Chorszenen. Auf dem Schwert findet dann auch mal eine Vertragsunterzeichnung statt oder auch die eine oder andere Duett-Szene. Später steht auch Scarpia mitten im Korpus des Engels. Er entreißt einem Bischof die Monstranz und betreibt seine eigene Verherrlichung. Auch der Chor findet viel Spielfläche in dieser Komposition.

Das Vorbild gibt es tatsächlich, als eindrucksvolles Kunstwerk steht es auf der Engelsburg in Rom, dem historischen Schauplatz der „Tosca“. Statt eines Hoffnungsträgers symbolisiert der zerschlagene Engel als zerstörte Bühnenversion in Erfurt das Scheitern von Hoffnungen und Träumen. Auch die Kunstzerstörung nicht nur in den Zeiten von Puccinis Oper wird angedeutet.

Die Umsetzung dieser Idee war nicht leicht und brachte Bühnenbildner Hank Irwin Kittel und seine Mitarbeiter schon an Grenzen. Doch letztlich wurde ein spannendes amorphes Objekt aus Flügeln, Brustkorb, Armen und Kopf in einer staunenswerten Größe realisiert. Die Bühnenform beherrscht auch die gesamte Inszenierung. Im ersten Akt steht noch unterhalb des Brustpanzers das Bild der Maria Magdalena, an dem Cavaradossi gerade malt. Nach der Pause verschwindet es.

Überhaupt entwickelt sich die Inszenierung mit einbrechender Dunkelheit immer dramatischer. Die Szenen werden sehr effektvoll beleuchtet von Torsten Bante. Dabei entstehen schöne Farbkontraste und auch der Engels-Korpus zeigt dabei immer neue Facetten.

Regisseur Jakob Peters-Messer hat die Protagonisten in zeitlich anähnelnde Kostüme gewanden lassen. Und diese schlicht eleganten Kleider haben auch eine passable Fernwirkung.

Die Geschichte wird sehr genau nach der Vorlage erzählt und das ist wirklich spannend, denn die Beziehungen der Personen untereinander sind sehr gut herausgearbeitet. Die Entwicklung der Tosca, gespielt von Kelly God, reicht von der naiven, eifersüchtigen Sängerin bis zur kämpferischen Frau, die aus Liebe und Selbstachtung bereit ist, bis zum Äußersten zu gehen, in ihrem Falle: Mord.

Auch kleinere Rollen erhalten genaue Konturen. z.B. Spoletta, KS Jörg Rathmann, ein Bediensteter des Polizeichefs Scarpia. Scarpia wird gespielt und gesungen von Juri Batukov. Er spielt durchaus problematesierend, mit dem, was er da machen muss, z.B. wenn es zu Folterungen kommt. Aber er macht mit, das ist eben seine Arbeit.

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Kelly God, Yuri Batukov. Copyright: Domstufenfestspiele

Besonders spannend sind natürlich die Entwicklungen der drei Hauptpersonen. Dieser Prozess, in dem drei Menschen aus unterschiedlichen Beweggründen in einen tödlichen Konflikt geraten. Wie sie zwischen die Fronten sich bekämpfender und einander ablösender Herrschaftsformen geraten, wie hier von denen, die ihre Macht bedroht sehen, kriminelles Potenzial zum Einsatz kommt. Das ist besonders gefährlich, wenn dabei, wie im Falle Scarpias, erotisches Potenzial zum Antrieb wird. Das alles setzt Juri Batukov glänzend und überzeugend um. Juri Batukov als Scarpia kann ganz eisige Töne der kalten, brutalen Macht von sich geben, aber auch glutvoll, leidenschaftlich und begierig singen.

Kelly God als Floria Tosca ist Scarpias ebenbürtiger Widerpart. Besonders im zweiten Akt liefert sie sich eine Auseinandersetzung mit dem Polizeipräsidenten Scarpia, die es in sich hat. Sie erzeugt, dramatisch und hoch emotional, knisternde Spannung mit ihrem Gesang. Aber auch die lyrischen Töne nimmt sie ausdrucksstark und mit sanftem Nachdruck. Sehr ergreifend wirkt das Schlussduett der Liebenden, da rollte manche Träne, zu Recht. Auch ihr „Vissi d’arte“ sorgte für lang anhaltenden Szenenapplaus.

Andrea Shin als Mario Cavaradossi ist für das Premierenpublikum die große Hörentdeckung des Abends. Sein glockenheller Tenor fließt spritzig und schön. Auf den Domstufen lässt er die Sterne blitzen und die Herzen höher schlagen. Eine gut geführte Stimme, dunkel aber auch mit leuchtender Höhe, Lyrismen und Leidenschaft und wenn nötig, gemessenes Pathos, etwa bei den triumphalen Ausbrüchen im zweiten Akt oder der Freiheitsvision im dritten Akt. Die beiden großen Arien „Recondita armonia“ und „E lucevan le stelle“ ernten natürlich viel Szenenapplaus.

Die Musikalische Leitung zur Premiere hatte Joana Mallwitz. Sie dirigiert elegant und energisch und lässt Gefühle voll zum Tragen kommen. Gleichzeitig sorgt sie aber immer dafür, dass eine angenehme Distanz bleibt. Es wird bei ihr nie sentimental. Auf Dramatik und direkt ins Bauchgefühl zielendes, mächtiges Auftrumpfen verzichtet Joana Mallwitz trotzdem nicht. Alles orientiert sie aber am Maß der Dramaturgie Puccinis, bei der die Melodik immer Vorfahrt hat. Dass das Philharmonische Orchester Erfurt mit seiner besonders sensiblen Begleitkunst allen Sängern ein so sicheres wie tragendes Fundament gegeben hat, dies konnte alle an diesem Abend spüren.

Auch die Nebenrollen-Besetzungen sind Volltreffer gewesen. Da ist Siyabulela Ntlale als Cesare Angelotti. Er verkörpert den protestierenden aber ein wenig unbeholfenen Demokraten gut nachvollziehbar und zeigt sich auch stimmlich mit viel Potential.

Vazgen Ghazaryan als Messner, der sonst gern mal den tief-bassigen „Bösling“ mimt, ist hier eher in der Rolle eines eifrig bemühten Kirchenmannes zu erleben, gut gespielt und stimmlich wie immer sehr gelungen. KS Jörg Rathmann als Spoletta trifft gut diesen unterwürfigen und hinterhältigen wie gewissenlosen Gewaltausführer, den keine Skrupel plagen. Gregor Loebel als Sciarrone rundet den Abend stimmlich gut ab. Sehr schön lyrisch und sehnsuchtsvoll interpretiert Nicole Enßle den Hirten vor der Hinrichtungsszene.

Der Opernchor des Theaters Erfurt unter der Leitung von Andreas Ketelhut ist spielerisch wie sängerisch eine wirklich effektvolle Unterstützung der gesamten Inszenierung. Auch der Kinderchor in der Einstudierung von Cordula Fischer liefert glockenhelle, sopranige Elemente zum Klanggelingen.

Die Musikübertragung ist übrigens sehr präzis und viel besser geworden. Man hört wirklich räumlich und kann auch einzelne Instrumente des Orchesters sehr gut wahrnehmen.

Hoch emotionales Musiktheater, das unter die Haut geht, weil die Sänger alles geben. Das ist die besondere Chance eines Live-Erlebnisses. Man sieht auch wie an diesem Abend die Glückstränen bei den Sängern am Ende kullern, angesichts des applaudierenden Publikums. Das ist Oper für alle: die Kenner kommen auf ihre Kosten und die Einsteiger auch. Die Geschichte berührt, sie stimmt musikalisch und sie stimmt szenisch. Was will man mehr! Und der Dom, vor dessen Kulisse die Domstufen-Festspiele stattfinden, ist diesmal gewiss nicht nur Kulisse, es stellt sich auch eine Wechselbeziehung zwischen Kunst und Religion her, wie dies bei einer Einführungsveranstaltung angedeutet wurde.
Noch bis zum 28. August ist Zeit sich selbst ein Bild zu machen.

Larissa Gawritschenko und Thomas Janda

 

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