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ERFURT/ Domstufenfestspiele: DER FREISCHÜTZ in der Fassung von Hector Berlioz

18.07.2015 | Oper

ERFURT /Domstufen-Festspiele : DER FREISCHÜTZ in der Fassung von Hector Berlioz
am 16.7. 2015 (Werner Häußner)

 Der deutsche Wald, der angeblich in Carl Maria Webers „Freischütz“ eine so entscheidende Rolle spielt: bei den Domstufen-Festspielen Erfurt wölbt er sich nicht herrlich hoch und kühn über die Szene. Seine Bäume haben alles Leben verloren, sind beschnitten zu nackten Stämmen. Ein zerstörter Wald, verarbeitet zu Nutzholz. Eine Landschaft, der Leben und romantisches Waldweben ausgetrieben ist.

Peter Sykora hat sein Bühnenbild als Nachkriegs-Landschaft gestaltet und greift damit den Zeithinweis des Librettos auf das Ende des Dreißigjährigen Kriegs auf. Inmitten einer verwüsteten Welt, in einem Schlachtfeld, einer Trümmerlandschaft, kauert Kaspar, von der Gesellschaft isoliert. Er murmelt sein „Samiel, hilf“ zwischen geborstenen Wagenrädern, wie von Riesenfäusten hingeschleuderten Kanonenrohren und Munitionskisten. Das Zentrum dieser Un-Welt markiert eine rostige Zielscheibe, darum herum ein Kranz bleicher Hirngebeine und das Skelett eines Hirsches; offenbar das Tier aus der Erzählung des Erbförsters Kuno über die Entstehung des fatalen Probeschusses. Das goldene Kreuz, das einst zwischen den Geweihstangen leuchtete, sieht man noch: Es liegt zerbrochen über dem Schädel des Knochengerüstes.

Die Landschaft ist des Teufels und des Todes. Auch das trauliche Försterschlösschen ist nur ein Hausgerippe, gebildet aus grünen Balken, vom Porträt des Urältervaters dominiert. Für die beiden Mädchen Agathe und Ännchen ist der Rückzugsort fragil und keinesfalls heimelig. Er verstärkt eher noch den Eindruck, dass alle Menschen in dieser Welt-Ruine im Grunde heimatlos und ausgesetzt sind. Darüber hilft auch das folkloristische Getue der Jägerei (Kostüme: Pierre Albert) nicht hinweg. Regisseur Guy Montavon verstärkt die Distanz zum scheinbar biederen Treiben scheinbar unbeschwerter Menschen, indem er vor dem Jägerchor einen der Grünbewamsten den Text der Strophen bedeutungsschwanger rezitieren lässt – zum Amüsement der Zuschauer inklusive aller „Tra la la“ – Silben.

Was hinter der Fassade brodelt, zeigt Montavon zunächst angedeutet, dann schonungslos offen am Ende: Die mühsam unterdrückte Aggressivität bricht aus, die Fassade wohlanständigen Volkslebens („Alles in Güte und Liebe“) zerbricht. Die mit salbungsvollem Bass von einer steinernen Kanzel hoch oben über dem Treiben vorgetragene Predigt des Eremiten (Vazgen Ghazaryan) verpufft wirkungslos. Vernunft, Menschlichkeit und Augenmaß sind nicht gefragt: Die Jäger, empört über die Abschaffung des alten Probeschuss-Rituals, legen auf die Dorfleute an. Was dann zu Webers Schlussjubel geschieht, wird ins Dunkel gehüllt: Man kann es sich unschwer vorstellen. Der Geistliche versucht noch, Max aus der Sphäre der Wolfsschlucht herauszuholen – aber der junge Jäger entscheidet sich, traumatisiert und isoliert, zum Bleiben.

So rettet der Erfurter Intendant den „Freischütz“ vor der biederen Nacherzählung einer heute recht weit hergeholt wirkenden Geschichte, auch in einer notwendig massentauglichen Inszenierung für ein Freilicht-Event. Die vielen unaufgelösten Andeutungen im – deswegen als schlecht gescholtenen – Libretto Friedrich Kinds erweisen sich wieder einmal als Plus: Sie ermöglichen ein weites Spektrum an Deutungen, ohne dem Stück mit Gewalt eine „originelle“ Lesart überzustülpen. So setzt Montavon einen Kontrapunkt zum letzten Erfurter „Freischütz“ vor drei Jahren, als Dominique Horwitz im Opernhaus Dialoge eliminiert, Nummern umgestellt und Webers Oper nach eigenen Vorstellungen zusammengepuzzelt hat.

Dialoge fehlen auch diesmal, denn Montavon und Erfurts Erster Kapellmeister Samuel Bächli entschieden sich für die Fassung mit nachkomponierten Rezitativen von Hector Berlioz. Geschrieben für eine Aufführung von „Le Freyschütz“ an der Pariser Opéra und für eine Wiederaufnahme 1850 eingekürzt, zeigen sie, wie sensibel Berlioz mit dem musikalischen Idiom des „Freischütz“ umgeht und wie kongenial er die atmosphärische Wirkung der Musik erfasst hat. Nicht jeder dramaturgisch wichtige Faden spinnt sich so unterbrechungslos, aber im Zeitrahmen einer Freilichtaufführung ist Vollständigkeit weder möglich noch erwünscht.

Verzichten musste man in Erfurt etwa auf Ännchens Kettenhund-Nummer, auf einige Wiederholungen wie in der „Jungfernkranz“-Szene und auf die Ouvertüre: Johlend flutet das Volk zu Beginn des Stücks die Bühne vor der majestätischen Architektur der beiden Kirchen; Max ist hosenlos und muss sich im Hemd vom siegreichen Kilian (Franz-Xaver Schlecht) und seinen Anhängern demütigen lassen, bevor Cuno (Lukas Schmid) eingreift und zum Ennui der Jäger – zum wer weiß wievielten Male – die Probeschuss-Story zum Besten gibt.

In der Wolfsschlucht-Szene nutzt Montavon die Dimensionen der Freitreppe vor den beiden mittelalterlichen Kirchen voll aus: Pyrotechnik, Lichteffekte (Stefan Winkler), verstärkte und verfremdete Töne. Samiel dröhnt vielstimmig und nicht verortbar aus Lautsprechern, Agathe („sie springt in den Fluss“) weht als flatternd weißes Gespenst von der Höhe der gotischen Pfeiler herab, während Max und Caspar aus dem Zauberbrei die Freikugeln formen.

Das Philharmonische Orchester Erfurt, am besuchten Abend geleitet von Peter Leipold, spielt in einem Zelt neben der Szene und wird, wie die Sänger auch, verstärkt. Das gibt der magischen Szenerie einen filmischen Anstrich, lässt die Phantastik noch unwirklicher erscheinen. Die Tontechnik (Matthias Middelkamp) lässt das Orchester präsent, verfärbungsfrei und gut ausbalanciert erklingen, kann aber Leipolds manchmal gemüthaft langsames Tempo („Wir lassen die Hörner erschallen…“) nicht beschönigen. Bei der Projektion der Stimmen in den Raum sind Defizite unüberhörbar: Sänger werden zu spät zugeschaltet, an manchen Positionen klingen sie verquollen und hohl.

Auf der anderen Seite kennt die Technik keine Gnade: Schonungslos offenbart sie, wie Bernhard Berchtold in Max‘ Rezitativen schwimmt, wie flach er seinen Tenor in der Arie „Durch die Wälder“ führt. Auch bei Andrey Maslakov als Caspar werden technische Mängel eher ausgestellt als zugedeckt: Sein Bariton findet den Fokus nicht; er orgelt über manche Phrase, dröhnt über manche Intonationsmängel weg, hat dann aber auch Momente, in denen er straff und schneidend formulieren kann.

Die Damen hinterlassen einen weit günstigeren Eindruck. Vor allem Daniela Gerstenmeyer gestaltet die Auftritte Ännchens frisch und beweglich, gibt den Worten Sinn und Farbe. Ilia Papandreou ist eine seelenvolle Agathe; ihr dunkel timbrierter Sopran wird sicher und dynamisch flexibel geführt, dürfte aber im Vibrato noch kontrollierter und im Jubel der Stretta ihrer Arie („All meine Pulse schlagen“) befreiter klingen. Andreas Ketelhut hat den Erfurter Opernchor so passend für die Riesenbühne präpariert, dass Unsicherheiten auf ein Minimum reduziert waren.

Werner Häußner)

 

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