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ERFURT: DIE ZAUBERIN von P.I.Tschaikowsky

22.06.2012 | Allgemein, KRITIKEN, Oper

Opernrarität in Erfurt: „Die Zauberin“ von Peter I. Tschaikowsky (Vorstellung: 22. 6.2012)


In der Titelrolle überzeugte die Sopranistin Ilia Papandreou (Foto: L. Edelhoff)

Das Theater Erfurt, das seit Jahren immer wieder mit spektakulären Opernraritäten aufwartet, brachte kürzlich in Kooperation mit der Vlaamse Opera Antwerpen / Gent die selten gespielte Oper „Die Zauberin“ von Peter Iljitsch Tschaikowsky auf die Bühne, die 1887 in St. Petersburg uraufgeführt wurde. Die Handlung, deren Text von Ippolit Wassiljewitsch Schpaschinskij nach dessen gleichnamigen Schauspiel stammt, spielt in Nischnij-Nowgorod im 15. Jahrhundert.

Der Inhalt in Kurzfassung: Die junge Witwe Nastasja, auch Kuma genannt, die außerhalb der Stadt eine Gastwirtschaft betreibt, wird von Mamyrov, dem intriganten Minister des Fürsten Nikita Danilitsch Kurljatev, der Zauberei angeklagt. Sie überzeugt jedoch den Fürsten, dass die ganze Zauberei aus ihrem freundlichen Wesen bestehe, worauf sich der Fürst in sie verliebt. Als die Fürstin, deren Eifersucht von Mamyrov geschürt wird, ihren Mann zur Rede stellt, droht er ihr mit dem Kloster. Der Fürst ist sosehr von Nastasja eingenommen, dass er sie auch gegen ihren Willen zur Liebe zu zwingen versucht, doch sie hat sich in Juri, den Sohn des Fürstenpaares verliebt. Als er bei seinen Eltern in Ungnade fällt, weil er sich für ungerecht behandelte Bürger einsetzt, überredet er Nastasja, gemeinsam mit ihm zu fliehen. Aber sie können einem tragischen Ende nicht entkommen: Die Fürstin vergiftet Nastasja und der Fürst tötet seinen Sohn, den Rivalen um Nastasjas Liebe.

Tatjana Gürbaca verlegte die Handlung der vier Akte in die Jetztzeit und inszenierte das in russischer Sprache mit deutschen Übertiteln aufgeführte Werk drastisch und brutal. Für den ersten und dritten Akt wählte sie zwei verschieden große Guckkastenformate für die Bühne, was die Beweglichkeit der Darsteller nicht unwesentlich beeinträchtigte und überdies äußerst hässlich wirkte (Bühnenbild: Klaus Grünberg). Dass der kleinere „Guckkasten“ während der Liebesszene zwischen Nastasja und Prinz Juri in eine Schräglage kommt, soll wohl deren Situation symbolisieren, befinden sich die beiden doch auf einer schiefen Ebene, die unweigerlich zum Untergang führen muss. Den letzten Akt mit dem tragischen Ende ließ sie statt im Wald in einem Zirkuszelt mit Zauberer und Akrobaten spielen, wobei sie den Vagabunden Paisi zu einer dämonischen Gestalt stilisiert, der die anderen Personen in den Abgrund reißt. Für die großteils modernen Gewänder des Sängerensembles und für die bunten Kostüme der Zirkuswelt zeichneten Marc Weeger und Silke Willrett verantwortlich.

In der Titelrolle überzeugte die zierliche Sopranistin Ilia Papandreou sowohl stimmlich wie auch darstellerisch. Es gelang ihr, das zauberhafte Wesen, das allen Männern die Augen verdreht und die Sinne vernebelt, beeindruckend zu spielen. Der Bariton Juri Batukov als selbstherrlicher Fürst wartete zwar mit einer starken Bühnenpräsenz auf, war aber des Öfteren dem Orchester stimmlich nicht gewachsen. Überzeugend hingegen in jeder Szene die Mezzosopranistin Olga Savova, die ihre Rolle als eifer- und rachsüchtige Fürstin mit einem inneren Feuer ausstattete, das sich auch in ihrer alle Farben schillernden Stimme ausdrückte. Großartig auch der aus Salzburg stammende stimmkräftige Tenor Markus Petsch als Prinz Juri. Wunderbar die Szene, in der er Nastasja töten will, um seine Mutter zu rächen, aber sich prompt ebenfalls in sie verliebt.

Mamyrov, den intriganten Minister des Fürsten, gab der Basssänger Vazgen Ghazaryan, der in „bösen Rollen“ stets seinen Mann stellt, auf eindrucksvolle Weise. Seine Schwester Nenila, die Zimmerfrau der Fürstin, wurde von der Mezzosopranistin Stéphanie Müther ebenso rollengerecht dargestellt wie der Vagabund Paisi durch den Tenor Jörg Rathmann.

Das Philharmonische Orchester Erfurt schaffte es unter der Leitung von Johannes Pell, die farbenreiche expressive Partitur Tschaikowskys hervorragend zur Geltung zu bringen und so für einen musikalisch hörenswerten Opernabend zu sorgen, an dem die szenische Umsetzung leider allzu oft zu wünschen übrig ließ.

Das Publikum schien ähnlicher Meinung zu sein und applaudierte am Schluss enden wollend.

Udo Pacolt, Wien – München

 

 

 

 

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