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ERFURT: DIE ZAUBERIN

18.06.2012 | KRITIKEN, Oper

Erfurt Theater: „DIE ZAUBERIN“ VON TSCHAIKOWSKY – 17.6.2012


Juri Batukow (Fürst) und Olga Savova (Fürstin). Foto: Theater Erfurt

Schon wenn die ersten Takte von Tschaikowskys genialer Musik zu seiner weitgehend unbekannten Oper „Die Zauberin“ erklingen, fragt man sich, warum diese Oper ein solches Schattendasein führt und bisher so gut wie nie im Spielplan irgendeines Opernhauses zu finden war. An der Musik kann es nicht liegen, denn die hat ähnliche Qualitäten wie Tschaikowskys bekannte und sehr oft gespielte Opern. Vielleicht fehlt ein spezieller „Ohrwurm“, aber die Musik begleitet die Handlung so adäquat, dass man den eigentlich nicht vermisst. Die Partitur bietet zweifellos viele Schwierigkeiten, so dass möglicherweise manches Orchester davor zurückschreckt. Bei der jetzigen Qualität der Orchester dürfte aber auch das kein Hinderungsgrund mehr sein.

In der Vergangenheit lag es wohl vor allem an der Handlung, die als “anrüchig” galt. Es gehörte sich nicht für einen Adligen, sich in niederes Milieu zu begeben und sich gar in eine junge Frau aus diesen Kreisen zu “verlieben”. Aus heutiger Sicht ist das nur noch bedingt brisant. Man könnte sich höchstens an den herkömmlichen Klischees „stoßen“. Das Libretto erinnert sehr an Elemente bekannter Verdi-Opern, die I. V. Schpazinski im damals “fernen” Russland offenbar bekannt waren und deren Erfolge er in seiner Tragödie, nach der die Oper entstand, „nachahmen“ wollte.

Gemäß dem früher üblichen Dramenaufbau begehrt ein Fürst die junge be- und verzaubernde Nastasja, genannt Kuma, trotz ihrem „zweifelhaften Ruf“. Sie verkehrt in einer Spelunke (vgl. „Rigoletto“), wo sie „hohes Ansehen“ genießt. Der Fürstensohn verliebt sich ebenfalls in sie (vgl. „Don Carlo“), wenn auch erst zum Schluss, als er sie eigentlich töten will, um die Familienehre zu retten. Nur ist die Liebe des Sohnes ehrlich und aufrichtig (vgl. „La Traviata“), die des Vaters sinnlich und fordernd. Schließlich schreckt die Fürstengattin vor nichts zurück, um nicht ins Kloster gehen zu müssen, wie ihr der Fürst angedroht hat, und ihre Ehe und die Ehre ihres Hauses zu retten, indem sie plant, die „Femme fatale“ zu vergiften, was ihr auch gelingt und nach vielen Verwicklungen ungewollt noch den Tod von Mann und Sohn “beschert” (vgl. “Romeo und Julia”) .

Umso mehr ist es zu begrüßen, dass das Theater Erfurt sich dieser Oper in Kooperation mit der Vlaamse Opera Antwerpen/Gent angenommen und sie in beachtlicher Qualität auf die Bühne gebracht hat. Tatjana Gürbaca versucht mit ihrer Inszenierung den Stoff gegenwartsnah und mit den inzwischen europaweit verbreiteten “modernen” Inszenierungselementen, die sich oft jahre- und jahrzehntelang halten und immer wieder auf (sehr) vielen Bühnen anzutreffen sind, umzusetzen. Während man leider oft auch weniger gelungene Inszenierungen bis hin zu unangebrachten Entstellungen antrifft, konnte man hier noch angenehm überrascht sein.

Die üblichen Elemente wie “Guckkastenbühne”, Wandschmierereien, Fatalisten-Milieu und simple, flimmernde Zirkusatmosphäre (Bühnenbild: Klaus Grünberg, Kostüme in der jetzt üblichen Art zwischen eleganter Gegenwartsmode und Alltagskleidung): Marc Weeger, Silke Willrett) wurden, unter Einbeziehung von kleinen Balletteinlagen und mit guten Regieeinfällen zu einer gelungenen Einheit verbunden und für eine entsprechende Gestaltung der Handlung genutzt. Während am Anfang für das Treiben der Zirkusleute und verschiedener anderer „zweifelhafter Existenzen“ in einer Art Vorbereitungsphase und am Ende der Handlung für die Ermordung mehrerer Personen in einer glitzernden Zirkusshow mit sportlichen und tänzerischen Einlagen (fast) die gesamte Bühnenbreite einbezogen wird, vermittelt die “Guckkastenbühne” in verschiedenen Formaten dem Betrachter einen gewissen Abstand zur Intimität der aktuellen Situation. Die Handlung findet in abwechslungs- und spannungsreichen, immer wieder überraschenden Bildern statt. Ob man allerdings die ursprüngliche Handlung der – russisch gesungenen – Oper auch ohne Mitlesen des eingeblendeten deutschen (Über-)Textes ganz erfassen kann, ist wohl individuell vom Zuschauer abhängig. Zudem hätte man sich auch noch etwas mehr künstlerische Überhöhung vorstellen können.

Umso mehr ist es dem jungen Dirigenten Johannes Pell mit seinem Dirigat, dem das bestens disponierte und spielende Philharmonische Orchester Erfurt in Kooperation mit der Thüringen Philharmonie Gotha in qualifizierter Spielweise folgte, gelungen, eine Lanze für Tschaikowskys Musik und damit für diese Oper zu brechen. Dirigent und Orchester verstanden sich offenbar bestens und setzten gemeinsam diese ziemlich komplizierte Partitur, die Pell in akribischer und höchst konzentrierter Feinarbeit einstudiert hat, auf hohem Niveau um.

Bei den Solisten gingen die beeindruckenden Leistungen vor allem von den Frauen aus. Die Mezzosopranistin Olga Savova, als Gast vom St. Petersburger Marinsky-Theater, überzeugte als Fürstin mit der enormen stimmlichen Präsenz und Ausdruckskraft ihrer facettenreichen Stimme und ihrem sehr überzeugenden Spiel. Ilia Papandreu stand ihr als Kuma in keiner Weise nach. Stéphanie Müther setzte in der relativ kleinen Rolle der fürstlichen Zimmerfrau ihr sängerisches und schauspielerisches Talent ein, und auch Daniela Gerstenmeyer fiel als Kumas Freundin positiv auf.

Bei Juri Batukow als Fürst Kurljatev vermisste man lediglich etwas mehr “fürstliches” Stimmvolumen, um in dieser Rolle besondere Akzent setzen zu können. Markus Petsch verfügt über gutes Stimmmaterial, das leider in der Höhe sehr eng zu werden droht, was er durch Forcieren auszugleichen versucht. In der gut klingenden Mittellage gab es jedoch öfters sehr schöne, beeindruckende Passagen, die der Rolle des aufrichtigen Prinzen die nötige Gefühlswärme verliehen. Vazgen Ghazaryan machte mit seinen nachlässigen Bewegungen den Minister zu einem schleichenden Intriganten und vorsichtigen Feigling und damit zu einer, wenn auch nicht sehr gefährlichen, Negativrolle, die möglicherweise auch von der Regie so angelegt war. In der Rolle von Kumas Onkel namens Foka ließ Sebastian Pilgrim mit seinem angenehm kräftigen Bass aufhorchen. Jörg Rathmann lieferte als Teufel und Giftmischer (eigentlich fürstlicher Jägermeister) darstellerisch kleine Kabinettstückchen, konnte aber stimmlich weniger punkten.

Der Opernchor des Theaters Erfurt sang für seine Verhältnisse sehr „ordentlich“, lediglich die musikalische Klangkultur hätte man sich etwas schöner gewünscht.

Pell leitete die gesamte Aufführung mit ruhiger Hand, ohne es an Emotionen oder Spannkraft fehlen zu lassen und hatte nicht nur „seine“ Orchestermitglieder, sondern stets auch die Bühne mit Solisten und Chor sicher im Blick. Unter seiner Leitung gingen die meisten Impulse und viel Enthusiasmus vom Orchestergraben aus. Man kann Erfurt zu diesem Dirigenten nur gratulieren.

Ingrid Gerk

 

 

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