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ERFURT: COSÌ FAN TUTTE – Scheinaufklärung frei nach Da Ponte

20.11.2016 | Oper

Theater Erfurt/ Premiere Così fan tutte von Wolfgang Amadeus Mozart, am 19.11.2016

Scheinaufklärung frei nach Da Ponte

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Copyright: Theater Erfurt

Es sollte: „frech, bunt und ganz sicher auch ein bisschen schräg…“ werden, so hatte es die Internetseite des Erfurter Theaters angekündigt. Was Regisseur Benjamin Prins dem Erfurter Publikum vorsetzt, das sind bunt quietschige und quatschige Versatzstücke aus diversen Erotikversenderkatalogen, gesprenkelt mit Gekotze und Gevögel auf der Bühne. Dabei liefert Benjamin Prins auf verschiedene Stichwortfragen im Programmheft wie, Zitat: „Ein Aufbruch in neue Zeiten?“ gleich einen Rundschlag durch die Welt-, Philosophie-, Kultur- und Theatergeschichte. Überbordendes Kopftheater, das sich als Plastikglitzerwelt auf den Zuschauer ergießt. Die Charaktere sind so typisiert wie in einer Vorstadt-Travestie-Show. Ein lustiges Nummernprogramm, das von ätzender Spießigkeit bis zur Bunny-Show reicht. Garniert wird alles mit vollbusigen Krankenschwestern, Hasen im Rosa-Body mit schwarzen Ledermasken und den als Transvestiten verkleideten Protagonisten Guglielmo und Ferrando im prall-bunten Plastik-Kitsch-Puff. Aus zwei Biedermännchen macht Benjamin Prins zwei Transen mit dem Durchgangsstadium orientalischer Sultane. Und in die sollen sich die auch biederen Schwestern verlieben? Die Frage stellen sich während der Premiere auch manche Zuschauer und einige quittieren nach der Pause, trotz teurer Karte, auch mit den Füssen und gehen nach Hause. Dabei waren sie wahrscheinlich nur von der Kotz-Szene abgeschreckt, wie humorlos. Irgendwie waren manche Zuschauer nicht bereit, das große Welttheater sexueller Aufklärung, dargebracht in Klamauk-Form, amüsiert nachzuvollziehen. Mit seinen dick aufgetragenen Späßen misstraut Benjamin Prins der Fantasie des Erfurter Publikums. Wo erotisches Spiel sein könnte, bietet seine Inszenierung derbe Schenkelklopfspäße. Dabei weiß man heute sehr genau, wie direkt Da Ponte und Mozart auch in intimen Dingen sein konnten und dass das achtzehnte Jahrhundert alles andere als prüde war. Nur zur Kunstform hätten die beiden diese Auftrittsformen, die theatralisch noch weit unter den Hanswurstiaden der damaligen Zeit lagen, niemals erhoben.

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Copyright: Theater Erfurt

Das Bühnenbild von Hank Irwin Kittel unterstützt die Regiekonzeption. In einem kleinen Haus leben die Schwestern und dieses Häusel kann sich recht dynamisch bewegen. Die zum Militär einberufenen Liebhaber fahren mit einem Panzer aus Pappe davon. Warum eigentlich? Im Libretto ist es ein Schiff und das hätte genauso eine Bühnen-Attrappe sein können, aber da will man nicht kleinlich sein.

Zwischendurch sieht man die Schwestern im miefig-spießigen Häusle sitzen und daneben werden die Bilder ihrer Verlobten auf die Wand videoprojeziert. Auch hier wird dick aufgetragen und die beiden werden so richtig schön dämlich gezeigt, so mit Hosenstall auf und zu usw. Ihr Wiederauftreten hat ein bisschen Glamour. Denn sie kommen als indische Sultane verkleidet zurück. Als solche übergeben sie sich dann auch auf der Bühne in der angeblichen Vergiftungsszene.

Bühnenbildnerisch ganz witzig ist der Hausdreh-Effekt bei der messmeristischen Heilungs-Parodie. Da wird wohl angedeutet, wie die Welt der Schwestern auf den Kopf gestellt ist. Insgesamt wird mit allen Boden- und Drehbühnen-Effekten gearbeitet, die das Erfurter Theater zu bieten hat. Die Lichteffekte von Stefan Winkler stützen die Stimmungen und auch die Grellheit der plakativen Szenen, vor allem im zweiten Akt.

Da überzeugen die Sänger schon mehr, besonders die Frauen. Die norwegische Sopranistin Margrethe Fredheim als Fiordiligi und Sharon Carty als Dorabella und natürlich Daniela Gerstenmeyer als Despina können mit ihren Stimmen und auch mit ihrem Spiel an diesem Abend vollkommen überzeugen. Daniela Gerstenmeyer als Despina wird als keckes Luder gezeigt, die ziemlich berechnend die Strippen zieht. Sie spielt auch durch den Zuschauerraum und singt mal vom ersten Rang herab. Das schafft Bewegung und Daniela Gerstenmeyer ist dabei immer eine souveräne Sopranistin, raumfüllend und stimmintensiv. Margrethe Fredheim und Sharon Carty brillieren in den Duetten mit Máté Sólyom-Nagy (Guglielmo) und Won Whi Choi (Ferrando). Der Bariton Sólyom-Nagy singt solide und präsent, kann aber stimmlich an diesem Abend weniger glänzen als seine weiblichen Kolleginnen. Won Whi Choi als Ferrando wirkt mit seinem Tenor in den Höhen oft technisch gedrängt und blechern und seine Töne sind nicht immer sauber. Der Chor, in der Einstudierung von Irene Berlin, zeigt sich allen Situationen gewachsen und ist gesanglich wie so oft ein Hörgenuss. Der südafrikanische Bariton Siyabulela Ntlale mimt den listigen Don Alfonso. Seine Rolle ist schon konzeptionell schwer überdreht und so beginnt das Stück schon mit einem irren Lachen eines am Boden Liegenden. Ansonsten ist sein Auftreten kernig wie auch seine Stimme. In den meisten Kostümen wirkt er gut und überzeugend, ob er auch im rosa Bunny-Kostüm gut wirkt, das müssen die Zuschauer selbst entscheiden. Als mopsig-zynischer Intrigant überzeugt er jedoch schon sehr.

 Im zweiten Akt ändert Regisseur Benjamin Prins dann noch die eigentliche Handlung: im Duett zwischen GUGLIELMO und DORABELLA geht es eigentlich im Libretto um einen herzförmigen Anhänger mit dem Bild FERRANDOS, daraus wird ein mehrdeutiges Wortspiel. Regisseur Benjamin Prins verändert dies gleich mal in eine Kopulations-Szene im Gummiplantschbecken. Was poetisch sein könnte, wird vordergründig pornographisch dargestellt.

Ein Hörgenuss und Ohrenschmaus ist das Philharmonische Orchester Erfurt unter der Leitung von Joanna Mallwitz. Sie führt mit spritziger Lebendigkeit und begleitet alle Rezitative selbst am Cembalo. Erstaunlich sind die vollkommen nahtlosen Übergänge zwischen Orchester und Cembalo. Joanna Mallwitz spornt ihr Orchester zu schönen dynamischen Steigerungen an. Die forcierten Tempi sind aus einem Guss. Immer wieder weiß sie, schöne Bögen zu spannen und hat dabei immer die Sänger im Blick, die sie sensibel und energisch stützt und damit auch zu hohen Leistungen führt.

Die musikalische Gesamtleistung entschädigt für das, was dem Auge oft schmerzt. Diesen Teil der Premiere kann man als gelungen bezeichnen und zu Recht applaudieren die Erfurter den Musikern und den Sängern. In diesen allgemeinen Applaus stellt sich denn auch Regisseur Benjamin Prins auf die Bühne, natürlich im rosa Bunny-Kostüm. Was für ein toller Spaß! Oder?

 Die Zuschauer können natürlich selbst entscheiden, ob sie diese Inszenierungsparodie auf Così fan tutte für gelungen halten oder, ob Regisseur Benjamin Prins nicht wie die Vorsilbe „pará = neben“ es andeutet – einfach danebenliegt.

Larissa Gawritschenko und Thomas Janda

 

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