Online Merker Logo

Die internationale Kulturplattform

ERFURT: 6. SINFONIEKONZERT: Schwungvolle Landpartie und gläserne Struktur mit dichten Emotionen. Beethoven, Brahms

22.02.2015 | Konzert/Liederabende

Theater Erfurt: 6. Sinfoniekonzert, Fr, 20. Februar 2015

Schwungvolle Landpartie und gläserne Struktur mit dichten Emotionen:

 Ludwig van Beethoven: Sinfonie Nr. 6 F-Dur op. 68 „Sinfonia pastorale“

Johannes Brahms: Konzert für Klavier und Orchester Nr. 2 B-Dur op. 83

 Der Konzertabend begann mit einer sehr lebendigen Einführung durch die Dirigentin Joana Mallwitz. Mit großer Frische und viel Unterhaltungswert führte sie am Klavier zunächst durch die Pastorale und dann durch die Sätze des Brahmsschen Klavierkonzertes. Sie spricht, sie spielt, sie plaudert leicht und amüsant und vermittelt dabei noch jede Menge Wissenswertes für das folgende Konzert. Mit einigen Anschlägen macht sie die Besonderheiten deutlich, die in beiden Stücken schlummern. Da ist das Publikum gut vorbereitet und der Verstehenssinn doppelt geschärft.

 Schwungvolle Landpartie mit Ludwig van Beethovens Sinfonie Nr. 6

 Auf dem Dirigentenpult ist GMD Joana Mallwitz eine Augenweide, nicht nur weil sie gut aussieht, sondern vor allem, weil sie mit so hingebungsvollen Bewegungen den Ton angibt, dass das Orchester ihr genauso mit Schwung folgt. Und das wird zu einer Ohrenweide, denn die Tempi und die Dynamik, die sie herausarbeitet reißen die Hörer von ihren Stühlen mit in die musikalische Welt der Beethovenschen Landpartie, die ja bekanntlich weniger Malerei, aber umso mehr direkte Vermittlung des Naturempfindens bezweckt. Man spürt das Erwachen heiterer Empfindungen bei der Ankunft auf dem Lande. Es ist die „gute Laune“, die Stadtmenschen überfällt, wenn sie aus der Enge der Stadt herauskommen und wer will, der kann sogar das Drehen der Kutschräder hören. Die Dirigenten- Bewegungen von Joana Mallwitz animieren jedenfalls deutlich dazu. Und weiter geht diese herrliche frühlingserweckende Reise vorbei an einem Bächlein, das rauscht und die Stimmung ist gelöst, und in einem Baum singen Vögel. Ach, Joana Mallwitz lässt das versammelte Orchester aus Erfurt und Gotha so leicht klingen, mit sich steigernden Dynamiken, und schon geht es hinein in das fröhliche Zusammensein der Landleute. Hier spielen offensichtlich die Dorfmusiker zum Tanz auf, deren einer (die Oboe) im ersten Teil einsetzt. Man sieht förmlich den aufstampfenden, etwas schwerfälligen Bauerntanz. Es folgen Gewitter und Sturm. Das lustige Beisammensein wird jäh unterbrochen durch ein aufziehendes Gewitter. Um das Donnergrollen so realistisch wie möglich darzustellen, verwendet Beethoven nicht nur die für solche Gelegenheiten gern benutzte Pauke, sondern lässt Kontrabässe und Violoncelli dergestalt schnelle Figuren gegeneinander spielen, dass sie völlig „grummelig“ und schräg klingen müssen. All diese Einsätze sind so präzis und doch so eingebettet in den gesamten sinfonischen Klang, dass man als Zuhörer wünscht: es möge immer so weitergehen. Doch auch die Landpartie findet ihren Schluss.

 Joana Mallwitz lässt das versammelte Orchester ausklingen mit dem 5. Satz, in dem die Gefühle der Menschen werden ausgedrückt werden, die Entspannung, die sich nicht nur in der Luft, sondern auch in der „inneren“ Atmosphäre nach einem Unwetter ausbreiten kann. Und Joana Mallwitz senkt den Taktstock und erntet den Jubelsturm des Erfurter Publikums.

 Gläserne Struktur mit dichten Emotionen: Johannes Brahms: Konzert für Klavier und Orchester Nr. 2 B-Dur op. 83

 Nach der Pause erscheint der Solist, den alle ersehnen: Igor Levit am Klavier!

 Er wird zur Schaltzentrale des Konzerts, ist fast immer aktiv, gibt die Impulse, dialogisiert und treibt das Geschehen voran. So steht gleich am Beginn ein romantisches Horn-Solo, aus dem sich eine ausgedehnte Klavierkadenz entwickelt. Dann erst antwortet das ganze Orchester wieder dynamisch angefeuert von Joana Mallwitz. Die genau so dialogisch alles zusammenhält und mit Igor Levit ein Ganzes zusammenschmiedet. Der Virtuose am Klavier und die Virtuose mit dem Taktstock sind eine wunderbare Symbiose. Auch der langsame Satz ist über weite Strecken eigentlich intime Kammermusik. Ein Solo-Cello wird zum Partner des Klaviers – und in den Klarinetten zitiert Brahms aus seinem Lied „Todessehnen“ den Vers: „Hör es, Vater in der Höhe, aus der Fremde fleht dein Kind.“ Das Wechselspiel zwischen den Klaviersolos und dem Orchester stimmt im Ton, im Takt und in den Tempi. In der Struktur ist das, was Igor Levit und das Orchester gemeinsam entwickeln, gläsern und lucid. In der Spielweise wirkt es emotional dicht und mitreißend.

 Emotional packend, aber nicht ausschließlich auf äußere Wirkung berechnet, so präsentieren Igor Levit und Joana Mallwitz das Klavierkonzert Nr. 2 von Johannes Brahms und ernten dafür stehende Ovationen.

 Weil das Publikum immer mehr will, haben die beiden auch schon was vorbereitet: Sie spielen vierhändig und mit Orchester den „Ungarischen Tanz“. Danach sind alle ganz aus dem Häuschen, aber das virtuose Paar beendet mit Verbeugung. Dramaturgisch und pädagogisch sehr klug.

 Larissa Gawritschenko und Thomas Janda

 

 

Diese Seite drucken