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ELISSO BOLKVADZE: Prokofjews 2. Klaviersonate & Schuberts Impromptus D 899

06.09.2015 | cd, CD/DVD/BUCH/Apps

 

4022143977199  ELISSO BOLKVADZE: Prokofjews 2. Klaviersonate & Schuberts Impromptus D 899 – audite CD

Ich bin mir nicht so sicher, ob der temperamentvolle Petersburger Feuerkopf und der stille Revolutionär aus Wien eine intelligente und spannende programmatische Zusammenstellung bilden, wie das der PR Text auf der CD glauben machen will. Es ist aber auch nicht von primärer Bedeutung, denn die aus Tbilisi stammende Pianistin Elisso Bolkvadze, die sich mit ihrer Stiftung „Lyra“ auch noch engagiert um den talentierten Nachwuchs kümmert, vermag beide Stile mit den jeweiligen idiomatischen Finessen nahezu gleichermaßen mit Schwung, Elan und technischer Brillanz nachzuempfinden. Ärgerlich ist aber die Spieldauer der CD mit nur 48 Minuten, wahrlich nicht „konsumentenfreundlich“. 

Mir sind die Schubert‘schen Impromptus lieber als die 2. Sonate von Prokofjew aus 1912 und  ich habe auch das Gefühl, dass die Pianistin mehr mit diesen Preziosen aus Wien anzufangen weiß und daher auch Maßgeblicheres dazu zu sagen hat. Wie das  Michael Struck-Schloen zutreffend im Booklet schreibt, kam mit Prokofjew „einer aus der ukrainischen Provinz, der die Schwermut des Fin de Siècle mit eisernem rhythmischen Besen aus seinen Werken hinausfegte und den Pulsschlag des Maschinenzeitalters einhämmerte.“  Mit den Worten „Männlichkeit, Selbstsicherheit, unbeugsamer Wille, eiserner Rhythmus und kolossaler Klangstärke“ soll laut Heinrich Neuhaus einmal das Spiel des Komponisten charakterisiert haben. Nicht wirklich Eigenschaften, mit denen man Schubert in Verbindung bringen würde. Frau Bolkvadze legt jedenfalls ein glaubhaftes Bekenntnis zur Musik Prokofjews ab. Ihr gelingen die Lyrismen  des Allegro ebenso, wie das energiegeladene, rasend schnelle Vivace Finale.

Die große Überraschung der Neuerscheinung bilden jedoch die vier wahrlich traumhaften gespielten Impromptus von Schubert. Bei allem experimentellen Gestus und verzweifelter Suche nach pianistischen Neuland der Komposition (der große Beethoven lässt grüßen) ist kaum eine heutig wienerischere Wiedergabe denkbar. Alle Variationen, von den zitierten Triolen des Erlkönigs bis zum rauschend kaskadierenden Allegretto in As-Dur sind Zeugen einer musikalischen Reise direkt ins Schubertsche Herz. Elisso Bolkvadze hat dazu den Schlüssel gefunden. Stilistisch mögen die berühmten Aufnahmen Alfred Brendels Pate gestanden haben.

Elisso Bolkvadze wurde im Jänner 2015 zum UNESCO Artist for Peace ernannt. Da ich selbst sieben Jahre lang in Paris meine beruflichen Zelte im UNESCO-Gebäude in der Rue Miollis aufgeschlagen hatte, weiß ich, welche Ehre diese Bezeichnung bedeutet. Chapeau!

Dr. Ingobert Waltenberger

 

 

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